Wegen Parkinson-Erkrankung

Polizistenmord: Angeklagter vor Freilassung

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Raimund M. zu Prozessbeginn im Februar: Seither hat sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert

Augsburg - Zwei Brüder stehen vor Gericht, weil sie einen Polizisten erschossen haben sollen. Doch einer der Angeklagten ist schwer krank. Jetzt wird das Verfahren gegen ihn abgetrennt.

Den Augsburger Schwurgerichtssaal sieht Raimund M. (60) in seinem Leben wohl nicht mehr von innen. Gestern trennte Richter Christoph Wiesner sein Verfahren wegen Mordes an Polizist Mathias Vieth (41) vom Prozess gegen seinen Bruder Rudolf R. (58) ab. Raimund M. ist verhandlungsunfähig – und dürfte bald in die Freiheit entlassen werden.

Ein letztes Mal hatten die Richter den parkinsonkranken Angeklagten aus der JVA Stadelheim nach Augsburg bringen lassen. Doch aus der Vorführabteilung schaffte es der mutmaßliche Killer schon nicht mehr heraus. Neurologe Dr. Ralph-Michael Schulte: „Ich war selbst erschrocken über seinen Zustand.“

Seit September war der Mordprozess unterbrochen, weil sich M.’s Zustand in der Straubinger Isolationshaft rapide verschlechtert hatte. Schulte schickte einen Zehn-Punkte-Therapieplan nach Straubing, um binnen sechs Wochen seine Verhandlungsfähigkeit wiederherzustellen. „Doch die Physiotherapie ist nicht wie gedacht umgesetzt worden. Auch die Ernährung reichte meines Erachtens nicht aus.“

Resultat: M. ist abgemagert, hat Schlaf- und Konzentrationsstörungen, kann nicht mal eine Uhr richtig aufmalen. Schulte: „Diese Symptome kann man nicht über einen längeren Zeitraum simulieren.“ Und er untersuchte den Mann teils über sieben Stunden lang – wohingegen sich der Anstaltsarzt in München mit einem kurzen Blick in die Zelle begnügt, Verhandlungsfähigkeit attestiert und die Verlegung in die JVA Augsburg empfohlen habe.

Schulte, der vom Landgericht Augsburg regelmäßig als Gutachter bestellt wird, besitzt andere Erkenntnisse: „Er hat Depressionen, heult manchmal wie ein Schlosshund. Einen Stecktest für Dreijährige schafft er nicht. Er haut dann auf den Tisch und ruft, ,Ich bin ein Wrack‘.“ Seine Prognose: „Wenn das eintritt, was ich befürchte, wird er haftunfähig.“ Folgerichtig beantragte Verteidiger Adam Ahmed die Einstellung des Verfahrens gegen Raimund M. Darüber will das Gericht bis nächsten Dienstag entscheiden, sollte M. bis dahin nicht wieder genesen sein. Damit rechnet aber keiner. Richter Wiesner: „Er ist nicht in der Lage, seine Interessen vernünftig wahrzunehmen.“ Falls sich das ändert, müsste der Prozess gegen ihn komplett neu aufgerollt werden.

Gutachter Schulte empfahl, M. in einem Haftkrankenhaus mit neurologischer Abteilung weiterzubehandeln. Seine Anwälte denken weiter: „Wir arbeiten an der Haftentlassung“, sagte Verteidiger Werner Ruisinger. Für die Witwe von Mathias Vieth ein Horrorszenario: „Das ist die pure Katastrophe“, sagt ihr Anwalt Walter Rubach: „Man kann nicht in Worte fassen, wie schlimm die Vorstellung ist, dass einer dieser Leute nun auf freien Fuß kommen könnte und die Tat damit ungesühnt bliebe.“

Raimunds Bruder Rudolf R. saß gestern alleine auf der Anklagebank. Gegen ihn könnte noch heuer ein Urteil fallen. mc

MC

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