Szenen aus der dritten Woche

Der Post-Streik und seine (kuriosen) Folgen

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Kein Brief wird ausgetragen: Postler beim Streik.

München - Der Streik bei der Post läuft in der dritten Woche und nimmt zunehmend Einfluss auf das normale Leben. Das kann aber auch durchaus kuriose Folgen haben.

Im Kern geht es in dem Konflikt um den Versuch der Post, mit neuen Regionalgesellschaften, die niedrigere Tarife zahlen, die Lohnkosten zu drücken. Das wollen sich die Post-Bediensteten nicht gefallen lassen. Größere Firmen scheinen Einschnitte kompensieren zu können, aber Privatleute, selbst Gemeinden spüren es, wenn der Postbote nicht kommt.

Nach Angaben von Verdi beteiligen sich zur Zeit in Bayern 5500 Beschäftigte in den 14 Briefzenten, in drei Paketzentren und an etlichen Zustellbasen an den unbefristeten Aktionen. Der gelbe Riese sagt, dass 80 Prozent der Sendungen ihr Ziel erreichen, Postsprecher Erwin Nier: „Man muss aber betonen, das dies der bundesdeutsche Durchschnitt ist, es gibt Tausende von Städten und Gemeinden, in denen nicht gestreikt wird.“ Er räumt ein, dass dies in streikbereiteren Kommunen anders ist, selbst in Ballungsräumen könne es vorkommen, „dass in Straßenzügen die Häuser mit den Nummern 2 bis 120 ihre Post bekommen, die von 122 bis 246 nicht mehr.“

Viele solche Adressen gibt es in Chieming (Kreis Traunstein). Dort scheinen sämtliche Postboten ihre Arbeit eingestellt zu haben. Beliefert – warum auch immer – werden nur die Hauptstraße und das Fuchsengasserl. Das Rathaus liegt zwar an der Hauptstraße, doch auch dort wartet man sehnlichst auf gewisse Briefe. Geschäftsführer Ewald Mayer: „Am 1. Juli ist ein erster Submissionstermin, der die Sanierung des Rathauses betrifft. Ob zu diesem Zeitpunkt alle Angebote da sind, lässt sich nicht sagen.“ Chieming scheint ein Brennpunkt zu sein, andere Chiemseegemeinden sind wohl weniger betroffen.

Ärger wegen des Vereinsnamens: Der Post SV Nürnberg erhält Wut-Anrufe.

Der Zorn von Post-kunden hat auch sein Irrationales. So wird der Post SV Nürnberg mit dem Konzern in Verbindung gebracht und angegangen. Über Facebook stellte der Verein klar, „dass der Post SV nichts mit der Deutschen Post AG zu tun hat“. Man sei nicht zuständig fürs Ausliefern der Post, sondern „dafür, dass Sie sich sportlich betätigen“. Man müsse aber anfügen, dass der Verein erst mit Hilfe der Post im Jahr 1926 zu seinem Gelände kam. „Dafür kann man 89 Jahre später schon was einstecken.“

Sie wollen sich um Patienten kümmern, leiden aber selbst – die Mediziner. Während etwa Ärzte auf Laborergebnisse warten, erhalten die Labors die Proben viel zu spät für eine korrekte Anlayse. Manche Postkunden nehmen den Job sogar selbst in die Hand, ein Unternehmer und ein Bürgermeister …

Achim wühlt sich durch liegengebliebene Post

Achim Raak aus Nürnberg hatte die Schnauze voll. Der 58-jährige Chef eines Nürnberger Verlags wartete zweieinhalb Wochen auf Post. Raak: „Hier geht es ja um wichtige Korrespondenz, etwa um unsere extern erstellten Lohnabrechnungen.“ Und er selbst verschickt ja Zeitungen und Druckerzeugnisse. Am Montag marschierte er deshalb mit drei Mitarbeiterinnen zu seinem Zustellstützpunkt. Die Tür stand offen. Von früheren – genehmigten – Besuchen wusste er, wo seine Post lagern könnte. Also wühlten sich die vier Leute eine halbe Stunde lang durch den Berg. Zwei halbvolle Schütten Post fischten sie heraus – auch die ersehnten Lohnabrechnungen. Dann wurden sie entdeckt. „Was macht’s denn ihr da?“

Für den Post-Rebell könnte der Einsatz unerwünschte Folgen haben: Postsprecher Erwin Nier wertet die Aktion als Hausfriedensbruch und Verletzung des Briefgeheimnisses. „Das war kein dreistes Bubenstück, das war jenseits von Gut und Böse.“

Lokalpolitiker bringen Briefe

Bürgermeister Bernhard Sontheim bringt die Karten.

Den 19. Juli haben sich die Feldafinger dick angestrichen. An diesem Tag dürfen sie in einem Bürgerentscheid über einen Klinikneubau abstimmen. Jetzt drohte der Poststreik den Ablauf zu stören, Bürgermeister Bernhard Sontheim und die Gemeinderäte fürchteten, dass die Wahlbenachrichtungen nicht rechtzeitig zugestellt würden. Also schwangen sie sich aufs Radl und verteilten die Karten persönlich an die Wahlberechtigten. Die Kommunalpolitiker mussten aber glücklicherweise nicht alle 3000 Karten ausfahren, ein Teil war bereits zugestellt. Briefwählern empfiehlt der Bürgermeister, ihre Unterlagen im Rathaus selbst abzuholen. Der Entscheid scheint unter keinem guten Stern zu stehen. Er hätte bereits am Sonntag sein sollen, musste aber wegen einer unklaren Formulierung verschoben werden.

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