Exklusive tz-Serie

Privatermittler packt aus: Kaiserschmarrn für den Drogenbaron

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Josef Resch auf der Schwaigeralm, wo er aufwuchs.

München - Josef Resch stammt vom Tegernsee. Er gilt als erfahrenster Privatermittler Deutschlands. Nun packt er in seinem Buch aus. Teil zwei der exklusiven tz-Serie:

Der bayerische Privatermittler Josef Resch (67) ist ­bekannt für seine ­unkonventionellen Methoden. ­Vertrauen aufbauen und Misstrauen säen: Beides gehört zu seinem ­Geschäft. ­Aufgewachsen ist er auf der Schwaigeralm beim Tegernsee – aber im Lauf der Jahrzehnte hat er Kontakte in die ganze Welt aufgebaut. Nach 35 Jahren ­der Verschwiegenheit packt der erfahrenste Privatermittler Deutschlands jetzt in ­seinem Buch ­Gefahr ist mein Beruf aus. Im zweiten Teil der exklusiven tz-Serie drucken wir Auszüge. Josef Resch erzählt uns, wie er einst für den Drogenbaron Pablo Escobar ­Kaiserschmarrn zubereitet hat. Dann wird ein Anschlag auf den Ermittler verübt …

Resch ermittelte gegen vertraute Escobars

In seinen besten Zeiten verdiente der kolumbianische Drogenboss Pablo Escobar 1,5 Millionen Dollar – am Tag. 1987 fliegt Josef Resch im Auftrag des Bundeskriminalamts ins kolumbianische Medellín. Dort soll er Beweise gegen zwei deutsche Vertraute Escobars sammeln. Sein Kontaktmann Pedro bringt Resch mit einem Luxusmakler zusammen, der ihn zum Kaiserschmarrn-Kochen zu sich einlädt. Dabei trifft Resch den Mann, der einen Justizminister, 30 Richter und 457 Polizisten hat ermorden lassen. Im Buchkapitel Kaiserschmarrn liest sich das so:

Pablo Escobar.

Ich möchte wetten, dass Rodriguez’ „kleine Küche“ größer war als die Wohnung einer zehnköpfigen Familie in den ärmlicheren Stadtvierteln von Medellín. In der Mitte stand ein schwerer Esstisch aus Tropenholz, an dem sich eine ganze Fußballmannschaft hätte niederlassen können. (…) „Was brauchen Sie für Ihre Köstlichkeit?“ Ich ratterte die Zutaten runter: „Mehl, Milch, Eier, Butter, Zucker und ein bisschen Salz. Außerdem eine Pfanne.“ (…) Kurz darauf stand alles bereit. „Sagen Sie, ich habe noch Geschäftsbesuch. Macht es Ihnen was aus, etwas mehr zu machen?“ (…)
An Pedros Reaktion merkte ich, dass das nicht irgendein Geschäftsbesuch war. Ich hatte ihn nicht sofort erkannt. „Darf ich vorstellen“, sagte Rodriguez, „mein Freund Pablo, und der junge Mann hier wird von allen Leuten nur Popeye genannt, weil er früher mal zur See gefahren ist.“ Jetzt musste ich ganz ruhig bleiben. Ich konnte es nicht fassen. Erst seit ein paar Tagen war ich in Medellín, und schon stand er in Jeans, dunkelblauem Polohemd und Turnschuhen vor mir. Der Mann, den ganz Amerika jagte, der Menschen nach Belieben tötete und die Welt mit seinem Kokain überschwemmte, stand zusammen mit seinem Chefkiller neben mir in der Küche und wollte einen Kaiserschmarrn. (…)

Escobar mit grenzwertigen Tischmanieren

Escobar war etwas kleiner als ich. Er streckte mir seine Hand entgegen und schaute mir in die Augen. Obwohl seine Augen leer wirkten, war sein Blick stechend. Diesen Blick werde ich nie vergessen. Es sah aus, als wäre er auf Droge. (…) Ich inspizierte die Zutaten. Es gab nur H-Milch. „Damit geht’s leider nicht“, sagte ich zu Rodriguez gewandt. „Wir brauchen unbedingt Vollmilch.“ Ich hatte wenig Lust, dass Popeye mir den Kopf wegpustete, weil der Teig mit dieser beschissenen H-Milch nicht vernünftig aufgeht. „Und die Pfanne passt auch nicht.“ „Was ist mit der Pfanne?“, wollte Escobar wissen. Selbst Fragen klangen bei ihm wie Befehle. „Die hat einen Holzgriff, und wenn ich sie in den Ofen schiebe, verbrennt der.“ Escobar nahm die Pfanne und wollte den Griff gerade am Esstisch abschlagen, als ich ihm sagte, dass ich den brauche, um den Kaiserschmarrn zu wenden. (…)

„Was machst du hier?“, begann Pablos Verhör, während wir auf die Pfanne und die Vollmilch warteten. Ich erzählte ihm meine Geschichte mit den Nachtclubs und dem geplanten Hauskauf in Cartagena. „Du musst aufpassen, Kolumbien ist ein gefährliches Pflaster.“ (…)

Nur zum Schluss tauchte noch ein kleines Problem auf. Puderzucker gibt’s zwar auch in Kolumbien, aber mit dem deutschen Wort konnte Pedro nichts anfangen. „Puderzucker ist ein ganz feines weißes Pulver“, erklärte ich. „Davon haben wir reichlich“, grinste Escobar. Es schmeckte ihm auch ohne. Seine Tischmanieren würde ich als grenzwertig bezeichnen. Hektisch schlang er meinen Kaiserschmarrn in sich hinein und grunzte zufrieden. „Weißt du, wenn du dein Haus gekauft hast und das nächste Mal kommst, dann meldest du dich bei mir. Rodriguez weiß, wie er mich erreichen kann.“ Ich nickte. Auch ihm gegenüber hatte ich Kokain mit keinem Wort erwähnt. Vielleicht ging’s ja auch um meinen Kaiserschmarrn. Vielleicht sollte ich sein Leibkoch werden.

Schüsse peitschen durch die Luft

Zufrieden und erleichtert gingen Pedro und ich nach unten zum Wagen. Ich hatte es mir gerade hinten zwischen den Wasserkisten bequem gemacht und Pedro hatte den Schlüssel ins Zündschloss gesteckt, als von vorne ein dunkler Alfa auf uns zuschoss. Plötzlich peitschten mehrere Schüsse durch die Luft, Pedro sackte stöhnend am Lenkrad zusammen, und ich spürte einen stechenden Schmerz im Bein. Überall war Blut. Pedro stöhnte unentwegt. Ich stand unter Schock, als plötzlich meine Tür aufgerissen wurde und eine Frau an mir zerrte, um mich aus dem Wagen zu ziehen. Sie bugsierte mich zu einem Taxi, das nur wenige Meter hinter unserem Wagen stand (…).

Ich musste mich auf die Rückbank legen und sollte mir ein Tuch fest auf die stark blutende Wunde drücken. (…) In der Wohnung war ein Mann, den ich – wie die Frau – noch nie zuvor gesehen hatte. Ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen. Warum war ich in dieser Wohnung? Nach Zufall sah das alles jedenfalls nicht aus. (…) Eine halbe Stunde später kam ein weiterer Mann in die Wohnung, der Englisch sprach und sich als Arzt ausgab. Er gab mir zunächst ein Schmerzmittel, dann eine Spritze. (…) Eine Kugel hatte mein Bein nur gestreift, aber Glassplitter von den getroffenen Wasserflaschen hatten sich wie kleine Geschosse in meinen Unterschenkel gebohrt. Auch mein Kopf blutete. (…) Ich wollte nur noch raus. (…)

Es ist ein beschissenes Gefühl, angeschossen in einer fremden Stadt in einer fremden Wohnung umgeben von Fremden zu sein und nicht zu wissen, wer gerade auf uns geschossen hatte und aus welchem Grund. Es gab tausend Möglichkeiten. Ich konnte nicht einmal ausschließen, dass das Attentat Escobar galt. (…) Eine andere mögliche Erklärung für die Schießerei war, dass Pedro einen Fehler gemacht hatte. (…)

"Medellin war mir zu heiß"

Auf die Beantwortung meiner vielen Fragen konnte ich aber nicht warten, denn für mich gab es jetzt nur eine Option: Ich musste schnellstens das Land verlassen. Der Mann der Taxifahrerin gab mir eine saubere Hose. (…) „Bogotá“, sagte ich und tat mit den Händen so, als würde ich ein Auto lenken. Ich wollte auf schnellstem Weg in die Hauptstadt, um von dort nach Europa zu fliegen. Medellín war mir zu heiß. (…)

In Bogotá hatte ein anderes Kartell das Sagen. Dort wäre ich zumindest ein bisschen sicherer, so meine Überlegung. Für die Taxifahrerin schien es der selbstverständlichste Wunsch überhaupt, dass sie mich mit dem Wagen in die mehr als 400 Kilometer entfernte Hauptstadt bringen sollte. Die Fahrt dauerte fast acht Stunden. Ich lag die ganze Zeit über auf der Rücksitzbank (…) Entgegen meinen schlimmsten Befürchtungen passierte am Flughafen gar nichts. Als wir am Schalter ankamen, war dort sogar schon ein bezahltes Ticket nach Madrid für mich hinterlegt worden. (…)

Die Frau hatte mich nicht einmal nach Geld gefragt. In wessen Auftrag auch immer sie mich da rausgeholt hatte, weiß ich bis heute nicht genau. Als Dank gab ich ihr die letzten 2500 Dollar, die ich noch hatte. Dann stieg ich ohne Gepäck in die Maschine. Zurück in Deutschland hoffte ich auf Antworten. Allzu groß war diese Hoffnung aber nicht.

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