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Prügelattacke in Passau: Tatverdächtige räumen Schläge ein

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Von: Markus Christandl

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15-Jähriger in Passau nach Schlägerei erstickt
Prügelattacke in Passau: Tatverdächtige räumen Schläge ein. © dpa / Armin Weigel

Die tödliche Prügelattacke in Passau schockiert. Die Trauer um den 15-Jährigen ist groß. Erste Tatverdächtigen sitzen in Untersuchungshaft und haben sich jetzt geäußert. Noch ist das Motiv unklar.

München - Schon am Dienstagabend stellten die ersten Jugendlichen in der Unterführung Grabkerzen auf, dann wurden es immer mehr. Persönliche Widmungen kamen hinzu, weiße Rosen und Fotos vom getöteten 15-jährigen Maurice K. aus Obernzell. Mädchen und Burschen harren aus, setzen sich nahe der Stelle hin, an der ihr Freund am Montagabend zu Tode geprügelt wurde. An dessen Sterben eine ganze Nation Anteil nimmt. Welch grausamen Tod er sterben musste, wurde gestern bekannt: Maurice erstickte am eigenen Blut, das er im Todeskampf eingeatmet hatte. Das hat die Obduktion des Leichnams ergeben. Eine natürliche Todesursache aufgrund einer Vorerkrankung liege nicht vor. Der 15-Jährige habe Faustschläge gegen Kopf und Oberkörper erlitten und sei in den Schwitzkasten genommen worden, sagte gestern der Passauer Oberstaatsanwalt Walter Feiler. Waffen oder Fußtritte seien nicht im Spiel gewesen.

Vier der fünf Beschuldigten im Alter von 15 bis 25 Jahren befinden sich in Untersuchungshaft, ihnen wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Der Jüngste, ein 14-Jähriger, wurde in einer Einrichtung untergebracht. „Zum Teil haben sie sich zur Sache eingelassen, auch Schläge eingeräumt, sie schilderten dabei die Sache aus ihrer subjektiven, abgeschwächten Sicht“, berichtete Oberstaatsanwalt Feiler der tz. „Es ist ein Puzzle, das zu einem Bild werden muss.“ 

Wie kam es zu der Schlägerei?

Das Motiv liegt im Dunkeln. Maurice soll über ihn schlecht geredet haben, habe ein gleichaltriger Rivale behauptet. Man habe sich zur Aussprache verabredet. Dass es um ein Mädchen gegangen sei, kursierte an der Gedenkstätte als Gerücht. Über ein soziales Netzwerk sollen sich die Kontrahenten verabredet haben, um den Streit auszutragen. Die verbale Auseinandersetzung eskalierte. Es kam zu Ohrfeigen und wurde schließlich immer gewalttätiger geführt, in die sich nach und nach Anwesende einmischten. Eine Passantin rief endlich die Polizei. Doch es war zu spät. Maurice hatte das Bewusstsein verloren, das er nicht mehr erlangte. Hatten sich die Täter gegenseitig angefeuert? Möglicherweise Videos gedreht?

15-Jähriger bei Schlägerei in Passau getötet
Passau: Blick in eine Fußgängerpassage, in der bei einer Schlägerei unter Jugendlichen ein 15-Jähriger getötet worden ist. © dpa / Sebastian Daiminger

Vier der fünf hatten schon Bekanntschaft mit dem Gesetz gemacht. Der Jüngste zweimal wegen Diebstahls, der 17-Jährige einmal wegen der gleichen Sache, der 21-Jährige bringt es auf vier Diebstähle und eine versuchte Körperverletzung, der 25-Jährige hat acht Einträge: Drogen, Hehlerei, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Beleidigung. Er hat einmal eine Jugendstrafe zur Bewährung erhalten und soziale Dienste ableisten müssen. Von Intensivtätern sind die Inhaftierten also weit entfernt. Was hat sie nur so ausrasten lassen? 

Ohne Grenzen droht Verrohung

Der Tod von Maurice K. berührt die Menschen. Wir fragten Cornelia Roth (43), Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus München, zur Gewaltanwendung unter Jugendlichen:

Frau Roth, stellen Sie denn einen Trend zur Verrohung bei Kinder und Jugendlichen fest?

Cornelia Roth: Nein, das kann ich nicht feststellen. Es wird sogar darauf hingewiesen, dass die Gewaltverbrechen nicht zunehmen.

Wie kann dann so etwas wie in Passau so eskalieren?

Roth: Zu Passau kann ich nichts sagen, aber allgemein sind die Ursachen von Gewalt vielfältig. Dazu gehören: Gewalt in der Familie, Abwertungserfahrungen. Wenn dann noch enthemmende Suchtmittel wie Alkohol oder Drogen dazukommen, kann es bei Jugendlichen, die Selbstwertprobleme haben, zu so etwas kommen. Hinzu kommt noch oft, dass sie nicht das nötige Gefühl haben, eine soziale Situation kontrollieren zu können.

Die Jugendlichen haben Einträge wegen jugendtypischer Delikte, ist eine Eskalation bei dieser Vorgeschichte wahrscheinlicher?

Roth: Absolut. Wenn schon eine Körperverletzung stattgefunden hat, ist es wahrscheinlicher, dass wieder eine stattfindet. Es wäre in der Behandlung wichtig, dass man diese Dinge abfragt. Man schaut darauf, ob sie suizidgefährdet sind, auf Ängste, aber bei aggressiven Störungen habe ich den Eindruck, dass die manchmal eher durchrutschten.

Früher hat man auch gerauft, aber irgendwann war Schluss. Sind Jugendliche heute brutaler?

Roth: Was schon gesellschaftlich diskutiert wird, ist, dass Anonymität und auch das Internet eine gewisse Verrohung ermöglichen. Dass eine Plattform eines rohen und abwertenden Umgangs miteinander geschaffen wird. Wenn man sich nur in Kreisen bewegt, in denen es keine Grenzen mehr gibt, Scham und Schuld nicht empfunden werden, dann trägt dies schon zur Verrohung bei. Computerspiele müssen da genannt werden. Denn dort können Allmachtsphantasien ausgespielt werden. Im realen Raum ist das besser begrenzt, weil einer sagt: Jetzt hört’s auf.

Was könnte Abhilfe schaffen?

Roth: Zum einen muss man schauen, wo die Aggressivität herkommt. Lebt der Täter in Verhältnissen, in denen er täglich Gewalt und Abwertung erfährt, dann müsste man erst auf das Milieu Einfluss nehmen. Also erst mal würde ich diese Einflussfaktoren abklären. Und dann zeigen, dass es gewaltfreie Wege gibt, Anerkennung zu erhalten. mc

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