Haben SIE sich auch gewundert?

Bayern 3 startet Radio-Revolution - und erklärt Gründe

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Ein Blick in ein Radiostudio des Bayerischen Rundfunks.

München - Die Hörer des Radiosenders Bayern 3 reiben sich verwundert die Ohren: Die Radio-Macher haben sich für eine kleine Radio-Revolution entschieden. Sie betrifft jeden Hörer.

Nanu, was ist denn da beim Radiosender Bayern 3 auf einmal los? Es gibt eine auffallende Änderung im Programm. Am auffälligsten ist sie wohl beim Verkehrsservice zu spüren, der alle 30 Minuten ausgestrahlt wird. "25 Minuten braucht ihr länger", heißt es da beispielsweise. Ihr? Duzen die Sprecher von Bayern 3 jetzt etwa ihre Hörer?

Ja, Richtig gehört! Was bei diversen Privatsendern bereits üblich ist, gleicht für einen öffentlich-rechtlichen Sender wie Bayern 3 durchaus einer kleinen Radio-Revolution. "Wir sind in den vergangenen Monaten von unseren Hörern immer wieder gefragt worden, warum wir sie siezen", erklärt Bayern-3-Programmchef Walter Schmich im Gespräch mit unserer Onlineredaktion. Die meisten Hörer sagen, sie fühlen sich einfach zu jung für ein "Sie". Sie sprechen unsere Moderatoren auch mit Du an." Vor etwa drei Wochen fiel dann die Entscheidung: "Wir haben den Wünschen Rechnung getragen", so Schmich. Seitdem gilt: "Du" statt "Sie" im gesamten Programm von Bayern 3.

Die bayerische Form als guter Mittelweg

Walter Schmich, Programmbereichsleiter bei Bayern 3.

In Reinform wird aber nicht geduzt. Stattdessen werden die Radiohörer meist in der Mehrzahl angesprochen - also mit "ihr" und "euch". Dazu Schmich, der als Programmbereichsleiter die beiden Sender Bayern 3 und Puls verantwortet: "Wir haben die bayerische Form der Anrede 'ihr' oder 'euch' gewählt, als guten Mittelweg." Dass sich einige Hörer gestört fühlen könnten, wenn sie geduzt werden, glaubt Schmich nicht. Bayern 3 habe ein recht junges Publikum, für die es ganz selbstverständlich sei, persönlich angesprochen zu werden. Alles andere baue eine unnötige Distanz auf. Es gibt allerdings auch Ausnahmen: Bei den Nachrichten vermeiden die Sprecher beispielsweise die direkte Anrede. Auch im Gespräch mit Studiogästen wählen die Moderatoren je nach Anlass das "Sie". Auch bei ernsten Themen soll nicht geduzt werden.

Moderatoren fällt die Umstellung schwer

Für einige Moderatoren ist die Umstellung der Anredeform ganz schön schwierig, gibt der Programmchef zu. Wenn man seine Hörer zehn Jahre lang mit "Sie" angesprochen hat, ist das eben in Fleisch und Blut übergegangen. "Wir wollen das aber einheitlich durchziehen", sagt Schmich. "Hörergewohnheiten, Anmutung und Sprache ändern sich ständig und werden im digitalen Zeitalter immer lockerer und direkter. Dem wollen und sollten wir Rechnung tragen." Bislang gelingt das nicht immer. Es gibt je nach Moderator Programmstrecken, in denen die Zuhörer vor den Radiogeräten weiter brav gesiezt werden.

Nicht jeder ist begeistert

Die meisten Hörer nehmen die Umstellung ohne Murren hin, vielen gefällt sie sogar richtig gut. Auf der Bayern-3-Facebookseite ist nur wenig Kritik zu lesen. Zum Beispiel: "Schön, dass es noch Moderatoren gibt, die den Hörer siezen", schreibt eine Hörerin. Dazu Stellung genommen hat Bayern-3-Moderator Thommi Stottrop: "Anmutung und Sprache ändern sich ständig und werden im digitalen Zeitalter immer lockerer und direkter; gerade bei der Zielgruppe von Bayern 3", schreibt er. Und weiter: "Unsere Anrede ist kein Zeichen von Unhöflichkeit oder Respektlosigkeit." Die Hörer würden Bayern 3 nicht nur als "irgendeinen Radiosender" wahrnehmen, sondern "fast schon einen Freund sehen".

Schön, dass es noch Moderatoren gibt, die den Hörer siezen. I

Posted by Ulrike Ruppel on Mittwoch, 10. Juni 2015

Bayern 3 mit 811.000 Hörern pro Stunde

Wie gut die Neuerung bei den Hörern ankommt, zeigt sich spätestens bei der nächsten Mediaanalyse der Radionutzung. Laut der Reichweiten-Ermittlung 2015/I hat Bayern 3 derzeit von Montag bis Freitag rund 811.000 Hörer pro Stunde. Im Vergleich zur Analyse vom zweiten Halbjahr 2014 bedeutete das einen Zugewinn von 69.000 Hörern. Bayern 1 hatte zuletzt 1.018.000 Hörer pro Stunde, Antenne Bayern als Marktführer in Bayern sogar knapp 1,4 Millionen Hörer in der Durchschnittsstunde.

dor

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