Opfer berichtet vor Gericht

Raubüberfall von Rottach-Egern: "Das Leben meiner Frau ist zerstört"

+
Thomas W. (li.) und sein Bruder Ingo (re.) sind wegen versuchten Mordes angeklagt; Ralf K. (2. v. li.) wegen Anstiftung, Bernd K. wird Hehlerei vorgeworfen.

München - Bewegende Aussage: "Das Leben meiner Frau ist zerstört“, berichtet Opfer Heinz J. (73) während des Prozesses gegen die vier Angeklagten des Raubüberfalls von Rottach-Egern.

Der Hauptbelastungszeuge des Raubüberfalls von Rottach-Egern wirkt gefasst. Dabei berichtet der elegante Heinz J. von einem Verbrechen, unter dem er heute noch körperlich leidet. Und noch mehr seine Ehefrau Dagmar (76), die mit ihm die schlimmsten 16 Stunden ihrer Ehe durchstehen musste. Sie trug neben körperlichen auch seelische Wunden davon. „Das Leben meiner Frau ist zerstört“, sagte Opfer Heinz J. während des Prozesses gegen die vier Angeklagten, denen das Landgericht München II u. a. Anstiftung und Durchführung des Raubs zur Last legt. Heinz J. weiter: „Meine Ehefrau hat Angst, Schlafstörungen und Schwindelanfälle. Sie traut sich im Dunkeln nicht mehr nach draußen. Ein Bündel an Angst.“

Die Zäsur ihres Lebens – das war der 8. Januar 2014, Die Tagesschau war gerade vorbei, Zeit für das Paar, das sehr zurückgezogen lebt, kurz die Terrassentür zu öffnen und zu lüften. Dafür ziehen sie die Jalousie zu einem Drittel nach oben. Das reicht – plötzlich schiebt sich ein maskierter Mann unter den Lamellen durch, ein zweiter folgt. Laut Staatsanwaltschaft sind das Thomas W. (49), der den Einbruch gestanden hat, und sein jüngerer Bruder Ingo (42).

Den Brüdern aus Lünen wird neben Diebstahl und Raub auch versuchter Mord zur Last gelegt. Heinz J.: „Der Kleinere hat mich gleich niedergeschlagen, mit der Hand an den Kopf, ins Gesicht.“ Zudem wird er zweimal mit dem Kopf auf den Fliesenboden geschleudert. Platzwunden. „Überall ist Blut geflossen.“ Dagmar J. schreit: „Heinz, lebst du noch?“ Es antwortet der Brutalo mit einem grusligen „Heeeeinz leeebt noooch.“

75-jährige Frau wurde während des Raubes misshandelt

Die Männer fragen nach Geld, Wertsachen – dabei schlägt der Größere auch der Frau im Rentenalter ins Gesicht, reißt ihr Haarbüschel aus. Heinz J. völlig empört: „Einer damals 75-jährigen Frau!“

Die maskierten Männer, die der Zeuge als Langg’haxter und Kleiner bezeichnet, knacken den Safe, fesseln das verletzte Paar im ersten Stock auf Stühlen seitlich etwas schräg aneinander. Extrem schmerzhaft, aber so müssen sie ausharren. Heinz J, der überall blutete, macht sich große Sorgen um seine Frau. „Sie litt seit 20 Jahren an Herzrhythmusstörungen und nahm Medikamente …“

Jetzt nehmen sich die Einbrecher die Zeit, die Villa zu durchsuchen, sprechen dabei auch in ein Walkie-Talkie. Zum Diebesgut gehört wertvollstes Meißner Porzellan, das Heinz J. sammelt, Schmuck, und sogar Hochzeitsgeschenke, die von den Eltern der Überfallenen stammen. Nicht einmal die Flanellhose, die der Hausherr zu Weihnachten bekommen hatte, wird verschont. Währenddessen wächst bei den Gefesselten die Angst: Müssen sie sterben? Sie wissen, Hilfeschreie würde wegen der geschlossenen Sicherheitsfenster niemand hören … Dann brechen die Peiniger auf, dabei fleht sie Heinz J. noch an. „Verlasst das Tegernseer Tal, ruft einen Arzt, meine Frau überlebt das nicht!“

Hätte Heinz J. nicht als äußerst pünktlich gegolten, wäre es wohl so gekommen. Denn als er am folgenden Tag – für ihn völlig untypisch – nicht zu einem vereinbarten Anwaltstermin erscheint, werden Angehörige alarmiert. Die kontaktieren einen Nachbarn in Rottach-Egern. Der Architekt eilt aufs Grundstück und ruft nach den beiden. Und glücklicherweise hat es Heinz J. inzwischen geschafft, die Tür zu einem Zimmer zu öffnen, in dem das Fenster gekippt ist. Er hört den Nachbarn und schrie sofort: „Schneid’ uns los, weil sonst die Chefin stirbt!“ Der Nachbar hämmert mit einem Felsbrocken gegen das Sicherheitsglas – mindestens 20-mal, bis es bricht., Dann sind die Opfer nach fast 16 Stunden endlichfrei.

Im Prozess, der andauert, sorgte Zeuge Heinz J. auch für Neuigkeiten: So sei erst vor Wochen eine Drohne am Esszimmer vorbeigeflogen.

Markus Christandl

auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Keine Rettungsgasse: Feuerwehrlern platzt der Kragen
Keine Rettungsgasse: Feuerwehrlern platzt der Kragen
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
Meridian lässt Unglückszüge von Bad Aibling nachbauen
Meridian lässt Unglückszüge von Bad Aibling nachbauen

Kommentare