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„Schäbiges Quartier“: Vernachlässigtes Stadtviertel in Regensburg begehrt auf

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Von: Michael Bothner

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Straßenfest im Obermünsterviertel in Regensburg
Bei einem Straßenfest im Obermünsterviertel in Regensburg hagelte es Kritik an der Tatenlosigkeit der Stadt. © Michael Bothner

Das Obermünsterviertel in Regensburg ist ein Sorgenkind der Regensburger Altstadt. Das sorgt für Proteste von Anwohnern und Initiativen.

Regensburg – Für viele ist das Gebiet um die Obermünsterstraße in Regensburg nicht mehr als eine Durchgangsstation. Wohnhäuser sind hier, ein paar Geschäfte und natürlich Clubs und Discos, die in den Nachtstunden der Abendgestaltung der studentischen und jüngeren Bevölkerung dienen und es für die Anwohner manchmal schwer machen.

Und immer wieder Autos, die sich in der engen Straße gegenseitig blockieren, teilweise auf den Gehsteig ausweichen müssen, sodass selbst Fahrradfahrer und Fußgänger gelegentlich nicht durchkommen. Das Obermünsterviertel ist ein stadtplanerisches Sorgenkind.

(Alle Stadtviertel Regensburgs gibt es in unserer großen Übersicht im Check.)

Ein Viertel in Regensburg wird vernachlässigt - trotz vieler Ideen bei Bürgerbeteiligung

Im Jahr 2011 hatte sich die Stadt daran gemacht, all das zu einem Besseren zu wenden. Damals startete eine breit angelegte Bürgerbeteiligung. Das Obermünsterviertel soll als zentraler und lebendiger Stadtteil belebt und attraktiver werden – so lautete zumindest das Ziel.

Elf Jahre später, September 2022. Von den großen Versprechen ist nur die Erinnerung geblieben. „Seit 36 Jahren wohne ich hier“, sagt eine Anwohnerin. 2011 habe sie sich intensiv an den Planungen beteiligt. „Aber bis heute verkommt das Viertel immer mehr und nichts passiert.“ So könne man eine Stadt ohne großes Zutun nachhaltig kaputt machen. Durch Tatenlosigkeit.

Elf Jahre Tatenlosigkeit im Obermünsterviertel - die Enttäuschung ist groß

Viele, die einst in die Beteiligungsworkshops involviert waren, blicken am letzten Wochenende ebenfalls betrübt zurück. Dr. Achim Hubel, emeritierter Professor für Denkmalpflege, erinnert an eine dicke Broschüre der Stadt. „Darin haben sie genau gesagt, was sie hier alles machen wollen.“ Entstanden ist seitdem lediglich das Parkhaus am Petersweg. Die damit einst versprochene Reduzierung der Parkplätze in der Obermünsterstraße fand nie statt.

„Lösen Sie Ihr Versprechen ein“, fordert Hubel von der Regensburger Stadtregierung. „Machen Sie das hier grün. Fangt einfach mal an.“ Oft gehe das ganz einfach, sagt Hubel und verweist auf die großen Pflanzenkübel auf dem Obermünsterplatz, ein paar Schritte weiter. Aus der Parkplatzfläche haben die Organisatoren des als Demonstration angemeldeten Straßenfests einen Ort zum Verweilen gestaltet, mit Palmen, einer künstlichen Rasenfläche und Spielgeräten für Kinder.

„Schäbiges Quartier“: Ehemaliger Stadtplaner ist frustriert

„Jetzt sofort anfangen“, ruft einer der Anwesenden, applaudiert immer wieder und quittiert die Reden an entsprechenden Stellen mit „Bravo“. Unter den Teilnehmern ist man sich heute einig: Würde die Obermünsterstraße in eine Fußgängerzone umgewidmet, das Gebiet würde in kürzester Zeit erstrahlen.

Joachim Buck, ehemals Stadtplaner bei der Regensburger Verwaltung und heute Mitglied im Arbeitskreis Kultur blickt betrübt zurück. Vor neun Jahren habe er „an diesem Platz für die Stadt schon mal ein Impulsreferat gehalten“ und „wie in einem Bilderbuch“ dem Publikum erklärt, was hier alles möglich wäre. Mehr Grün, Tagescafés, den Ort als nicht kommerziellen Platz mit Aufenthaltscharakter gestalten.

„Man hatte damals den Eindruck, jetzt geht es los“, erinnert sich Buck an die kurze, euphorische Phase der Beteiligungsworkshops, von denen nichts übrig geblieben ist. „Es ist heute ein schäbiges Quartier“, stellt er resigniert fest.

Das Obermünsterviertel: Historisch bedeutsam und doch ein Stiefkind

Die 1970er Jahre. Das Obermünsterquartier spielte schon einmal eine größere Rolle bei der Stadtplanung. Bei einer kleinen Führung durch das Quartier berichtet der Kunsthistoriker Professor Peter Morsbach über die Geschichte des Areals, dessen vor allem auch sakrale Bedeutung im Mittelalter und die Überlegungen in der Nachkriegszeit.

Auf dem Gelände der im Krieg zerstörten Obermünsterkirche sollte damals ein Bolzplatz entstehen. Auch für das Reizthema Kongresszentrum hatte die Stadt das Gelände kurzzeitig im Blick. Das Vorhaben scheiterte nicht zuletzt an den Bestandsbauten des ehemaligen Stifts Obermünster.

„Archäologisch ist hier alles von allerhöchster Bedeutung“, sagt Morsbach zwischen den Bauten stehend. Die alten Gemäuer würden reichlich Geschichte atmen. Aber auch die Straßenzüge lassen noch heute viele Rückschlüsse auf die verschiedenen Epochen der Stadt zu.

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Schon in den 70ern gab es Pläne für das Viertel

In den 1970ern allerdings habe die Stadt daran kaum Interesse gehabt. „Die Stadt beschloss damals, die Südfront komplett zu erneuern“, erklärt Morsbach. Große Bereiche der alten Wohnbebauung sollten abgerissen und durch moderne Bauten ersetzt werden.

Ein Parkhaus ist damals schon im Gespräch, die Autogerechte Stadt ist Leitfaden der Städteplanung. Morsbach ist überzeugt: „Das hätte dem Quartier den Garaus gemacht.“ Die Architektur der 70er Jahre mit ihren meist schlichten Fassaden hätten zudem nicht ins mittelalterliche Bild der Stadt gepasst, meint er. Viel Zustimmung bei den Umstehenden, während Morsbach Pläne von damals zeigt.

Anders als heute, sind Morsbach und seine Mitstreiter rückblickend froh, dass die Stadt in den 70ern weitestgehend untätig blieb. Lediglich die bischöfliche Zentralbibliothek wurde realisiert. Das angedachte Citycenter sowie ein großes Ärztehaus wurden hingegen wieder verworfen.

Kritik an Stadtregierung: Warum geht das nicht wie in anderen Städten?

Der Stadt habe das gut getan, so Morsbachs Fazit. Und jetzt müsse eben wieder etwas getan werden. Endlich mal. Gerda Stauner von den Altstadtfreunden sieht Städte wie Barcelona als Vorbild. Die spanische Metropole habe in den letzten Jahren ganze Viertel vom Autoverkehr befreit und so die Lebensqualität gesteigert.

Davon träumt auch Morsbach, nicht zuletzt aus klimarelevanten Gründen. „Nicht wir alten Säcke, sondern die Kinder, die Jungen müssen in den kommenden 70, 80 Jahren mit den Folgen des von uns verursachten Klimawandels leben.“ Auch um deren Willen sei es höchste Zeit, die Regensburger Innenstadt nachhaltig und im Sinne einer autofreien Stadt für die Bürger zu denken.

Die Bürger träumen, die Stadt bleibt tatenlos

„Ich träume von einem attraktiven, grünen und verkehrsfreien Viertel, in dem Menschen sitzen und Kinder spielen können“, sagt Morsbach in einer kurzen Ansprache. Ein paar Stadträte unter anderem von der Brücke und der SPD mischen sich zeitweise unter die Veranstaltung.

Das Thema Obermünsterviertel ist der Politik allerdings seit Jahren bekannt. Immer wieder wurde die Neugestaltung zugunsten anderer Altstadtprojekte aufgeschoben. Und aktuell hat die CSU bereits angekündigt, dass sich an dem kläglichen Zustand nichts ändern und keiner der Parkplätze wegfallen werde.

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