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Wütender Warnstreik am Uniklinikum Regensburg - „Wir sind ausgebrannt und am Limit“

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Transparente und Plakate bei einem Streik am Uniklinikum Regensburg
Rund 400 Menschen beteiligten sich bei dem Warnstreik am Uniklinikum Regensburg. © Michael Bothner

Gut 400 Beschäftigte am Uniklinikum Regensburg haben sich an den bundesweiten Warnstreiks Verdi beteiligt. Die Kritik an der Politik fällt deutlich aus.

Regensburg - „Nicht am falschen Ende Spahn.“ „Pfleg dich ins Knie!“ „Die Pflege klatscht zurück, aber keinen Beifall.“ Laute Pfiffe, Buh-Rufe, Unmutsbekundungen. Die Leute sind sauer – so viel ist klar. Rund 400 Beschäftigte am Uniklinikum Regensburg* sind am Dienstag (16. November) dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi zum Warnstreik* gefolgt. Sie wollen in der aktuellen Tarifrunde den Druck auf die Arbeitgeberseite erhöhen. Die habe auch nach drei Gesprächsrunden kein Angebot vorgelegt.

Regensburg: Streik am Uniklinikum - „Pflege wird seit Jahren gegen die Wand gefahren.“

Die Gewerkschaft fordert 300 Euro mehr Gehalt pauschal für alle Berufsgruppen an den Krankenhäusern. „Wir sind es wert“, wird vor dem Haupteingang immer wieder skandiert, als unter anderem die Fachkrankenschwester Maren Meyer, auf einer der Metallsitzbänke stehend, zu den Streikenden spricht. Die Forderung nach mehr Gehalt sei wichtig. Doch es gehe um weit mehr als nur das. Das Gesundheitssystem werde „seit Jahren gegen die Wand gefahren“.

Das sei schon lange vor der Corona-Pandemie* bekannt gewesen, trete aber jetzt noch deutlicher zutage. Anstatt der über Fallpauschalen laufende Finanzierung der Kliniken brauche es beispielsweise eine bedarfsorientierte Ausstattung, lautet eine altbekannte Forderung der Gewerkschaft. Insgesamt müsse der Pflegeberuf auch abseits vom Gehalt attraktiver gemacht werden. Zu sehr würde die medizinische Versorgung auf dem Rücken der Beschäftigten aufrecht erhalten. „Doch wir sind mittlerweile ausgebrannt und am Limit.“

Regensburg: 18 Monate Corona - „Das geht an niemandem spurlos vorüber.“

18 Monate Corona hätten deutliche Spuren hinterlassen. „Wenn wir die Corona-Toten in die Leichensäcke packen und ins Leichenhaus fahren müssen, dann macht das was mit einem. Das geht an niemandem spurlos vorüber.“ Als „Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“ bezeichnet es Meyer deshalb, dass nach wie vor kein Angebot von der Tarifgemeinschaft der Länder auf dem Tisch liege, ja, dass man dort für ein solches „gar keinen Bedarf sieht“. Buh-Rufe in Richtung der Arbeitgeber, Beifall und Pfiffe begleiten Meyers Rede. Auch an den Fenstern des Klinikums stehen Kolleginnen und Kollegen und hören zu.

Die Leitung des Uniklinikums hatte im Vorfeld offenbar versucht, einen Teil des Personals an der Streikteilnahme zu hindern. So schildert es Verdi-Sekretärin Karin Wagner. Kurz vor dem Warnstreik sei auf den Notfalldienstplan umgestellt worden, um die Arbeitsniederlegung zu verhindern. „Das ist nicht rechtens“, kritisiert Wagner und kündigt an: „Wir werden kommende Woche erneut hier stehen. Mit noch mehr Leuten.“

Regensburg: Streik am Uniklinikum - das Personal wird immer knapper

Dass in den vergangenen Tagen verschiedene Medien die Frage aufgeworfen hätten, warum mitten in der „Vierten Welle“ gestreikt werden, sieht Wagner als Umkehrung der Verantwortlichkeiten. Schließlich habe die Politik „sehenden Auges“ die nun bestehende Situation heraufbeschworen - auf Kosten der Beschäftigten. Dabei gelte es spätestens jetzt, die Pflege neu zu ordnen und aufzustellen.

Während ein Streiktag durch das Verlegen von Behandlungen gut abgefangen werden könne, stünde die medizinische Versorgung kurz vor einem Kollaps. Immer mehr Personal akzeptiere die Situation nicht mehr, erzählt eine Krankenpflegerin. Dass immer mehr den Job wechseln, könne sie gut verstehen, auch wenn das für die zurückgebliebenen noch mehr Arbeit bedeute. Denn Nachwuchs gäbe es momentan kaum.

Regensburg: Streikende erhalten prominente Unterstützung

Unterstützung bekommen die Streikenden auch von Professor Dr. Hans Schlitt, dem Chef der Chirurgie am Uniklinikum. Er sei eigentlich kein großer Freund von Streiks, sagt er. „Aber hier ist das, denke ich, extrem wichtig und richtig.“ Er erlebe hautnah, wie die Kolleginnen und Kollegen seit Monaten auf Anschlag und oft darüber hinaus arbeiten würden. „Eines von vielen aktuellen Problemen ist, dass Corona-Patienten oft mehrere Wochen auf der Intensivstation liegen“, so der Mediziner. Das erhöhe den medizinischen Bedarf deutlich und beanspruche Kapazitäten, die dann an anderer Stelle fehlen würden.

Dass derzeit etwa 98 Prozent der Corona -Patienten auf Intensivstationen noch immer ungeimpft sind, hinterlasse bei ihm deshalb Unverständnis über Impfskeptiker. Das gehe am Ende auf Kosten anderer Menschen – anderer Patienten und des Pflegepersonals. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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