35-Jähriger fühlt sich von Bahn diskriminiert

Rollstuhlfahrer muss ins Zug-Abteil robben: „Es war eine Horrorfahrt“

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Die Fahrt von München nach Brixen werden Stefan Diesenbacher, seine Mutter (links) und Heidemarie Hager nicht vergessen. Sie sind enttäuscht von der Bahn.

Stefan Diesenbacher (35) aus Dachau erlebt eine Höllenfahrt. Der Rollstuhlfahrer wird in München erst nach zwei Stunden Warten mitgenommen. In Brixen kommt er fast nicht mehr aus dem Zug. Doch der Ärger geht erst los.

München/Brixen – Es ist ein kalter und ungemütlicher Montag im Dezember. Stefan Diesenbacher aus Dachau hat sich warm angezogen. Er sitzt in seinem Rollstuhl, seine schwarze Daunenjacke hat er bis oben hin zugezogen, über seiner blauen Jeanshose liegt eine Wolldecke. Er würde auskühlen, ohne es zu merken, weil er wenig in seinen Beinen spürt. Der 35-Jährige wartet am Bahnsteig 12 im Münchner Hauptbahnhof, gemeinsam mit seiner Mutter und ihrer Freundin Heidemarie Hager. Alle drei wollen nach Brixen und sich einen schönen Tag machen. Ob das klappt, ist an diesem Morgen fraglich. In den gebuchten Zug um 7.34 Uhr kann Stefan Diesenbacher nicht einsteigen. Sein Rollstuhl passt nur durch eine spezielle Tür – und die ist defekt. Der Zugbegleiter habe mit den Schultern gezuckt. „Er hat gesagt, wir können nicht mitfahren. So ungefähr: Pech gehabt“, sagt Diesenbacher. Er müsste eben zwei Stunden warten, bis der nächste Zug kommt. Diesenbacher ist enttäuscht vom Service der Deutschen Bahn; doch die Horrorfahrt, wie er selbst sagt, sollte erst noch beginnen.

Mit der Bahn war alles geklärt - eigentlich

Der 35-Jährige hatte bei seiner Geburt einen offenen Rücken. 2004 begannen die Narben der Wunde auf das Rückenmark zu drücken und es zu verkleben, sein Bein und ein Teil des Rückens wurden taub und die Schmerzen unerträglich. Es folgten riskante Operationen und Therapien, seit 2008 sitzt er im Rollstuhl, nimmt Morphium und kann nur mit starken Schlafmitteln schlafen. „Ich bin auf Hilfe angewiesen“, sagt er. Deshalb habe er die Reise nach Brixen mit seiner Mutter lange geplant. „Wir haben alles über die Bahn vorab geklärt und schriftlich bekommen“, sagt Margot Diesenbacher: die Zugtickets, die Buchung für den behindertengerechten Zugteil, in den der Rollstuhl passt. Eine Zusage für eine Einstieg- und Ausstieghilfe mit einem Hublift an allen Bahnhöfen, in München und in Brixen, habe es auch gegeben. Doch alles kam anders.

Nachdem Stefan Diesenbacher in den ersten – eigentlich gebuchten – Zug nicht einsteigen konnte, wartete er am Bahnsteig. „Es war eisig kalt. Alles verlief sehr unfreundlich, wir wurden behandelt, als wären wir Bittsteller“, sagt er und schreibt es so dem Kundencenter der Bahn. Nur auf Nachfrage durften der 35-Jährige, seine Mutter und die Bekannte sich in der DB-Lounge aufwärmen, wie sie sagen. Nach zwei Stunden der zweite Versuch: Die Türe des neuen Zuges funktionierte, der Einstieg klappte. Während der Fahrt die nächste Überraschung: Weil Diesenbacher mit seinem Rollstuhl nur im Waggon der 1. Klasse Platz hat, jedoch die 2. Klasse gebucht war, rief das den Zugbegleiter auf den Plan. Das gehe eigentlich nicht, die Begleitperson, also die Mutter, benötige einen Begleitschein für die 1. Klasse, um hier sein zu dürfen. Die Zugbegleiter habe eine Ausnahme gemacht, „weil heute schon so viel vorgefallen sei“, wie er gesagt haben soll. „Für was habe ich eigentlich Anspruch auf eine Begleitperson?“, sagt Diesenbacher. Es sei traurig, was die Bahn hier veranstalte.

Er sackte zu Boden, robbte und krabbelte über die Treppen...

Was in Brixen passierte, sollte das Bisherige nochmals toppen. Angekommen am Bahnhof wartete Diesenbacher auf einen Bahnmitarbeiter, der ihn – wie gebucht – aus dem Waggon heben sollte. Doch keine Spur von einem Hubkran oder einem Bahnmitarbeiter. Der Zugbegleiter im Waggon habe gemotzt, der Zug müsse weiterfahren, Diesenbacher solle aussteigen oder bis nach Bozen fahren, helfen könne er nicht, auch nicht mit anpacken, das sei ihm aus Versicherungsgründen nicht erlaubt. „Wir standen hilflos da“, sagt der 35-Jährige. Margot Diesenbacher stemmte ihren Fuß in die Zugtür, die immer wieder zuging. „Die wollten einfach weiterfahren. Ich habe andere Fahrgäste angesprochen und sie gebeten, Stefan nach draußen zu heben“, sagt sie. „Ich war richtig sauer.“ Die Rückfahrt um 17.04 Uhr wurde nicht besser. Der Zug aus Richtung Bozen kam an, wieder fehlte ein Hubkran, mit dem Diesenbacher in das Abteil über die Stufen gehievt werden sollte. Wieder der Hinweis eines Schaffners, er solle einen Zug später nehmen. „Es war bitterkalt am Bahnhof und ich musste nach Hause, weil ich keine Medikamente hatte.“ Diesenbacher musste aus dem Rollstuhl. Er sackte zu Boden, robbte und krabbelte über die Treppen in das Abteil, zog sich von Stufe zu Stufe nach oben, seine Hose und Jacke wetzten über den dreckigen und nassen Boden. „Es war frustrierend. Ich war vollkommen machtlos und erschöpft“, sagt der 35-Jährige. Die Schmerzen in Beinen und Rücken seien bei der Fahrt nach München schier unerträglich geworden. „Es fühlte sich an, als würde man auf glühenden Kohlen sitzen.“

Bahn bietet 20 Euro als Wiedergutmachung

Der gelernte Erzieher, der in einer Einrichtung im Landkreis Dachau arbeitet, stellt die Bahn zur Rede. Eine Woche sei er wegen des Vorfalls krankgeschrieben gewesen. „Diese Horrorfahrt war diskriminierend, man kann es eigentlich nicht in Worte fassen“, schreibt er der Bahn. Die Antwort findet er lächerlich: Mitarbeiter der italienischen Bahn seien zuständig für das, was in Brixen passiert sei. Als Wiedergutmachung und aus Kulanz bietet ihm die Bahn einen 20-Euro-Gutschein für seine nächste Reise an. Auf Nachfrage unserer Zeitung wollte sich das Unternehmen nicht äußern.

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