Tötete er aus Mitleid?

Pflegepraktikant (17) erstickt Frau (100)

Scheßlitz - Nach dem Tod einer 100-Jährigen im Scheßlitzer St. Elisabeth-Stift wird ein 17-Jähriger wegen Tötung auf Verlangen angeklagt. Sein Vorgehen macht selbst erfahrene Juristen sprachlos.

Niemand schöpfte Verdacht, als Maria F. am 27. Juni vergangenen Jahres mit 100 Jahren starb. Nur zwei Jugendlichen ließ eine SMS keine Ruhe, die sie kurz danach von ihrem Kumpel Sebastian S. (17, Name geändert) bekamen: „Die wollte des doch auch. Ich habe ihr doch nur ihren letzten Wunsch erfüllt.“ Absender Sebastian S. war Pflegepraktikant im Scheßlitzer St. Elisabeth-Stift. In dem Heim, in dem Maria F. starb. Die Jugendlichen gingen mit ihrem unfassbaren Verdacht zur Polizei – Maria F. wurde exhumiert, Sebastian S. verhaftet. Nun wird er wegen Tötung auf Verlangen angeklagt!

Das Vorgehen von Arzt-Sohn S. macht selbst erfahrene Juristen sprachlos. Seinen Freunden berichtete er, wie sehr ihn die alten Leute im Seniorenheim nervten. Viele Insassen sollen nach seiner „Behandlung“ blaue Flecken davongetragen haben – und auch Geldbörsen ließ er nicht unberührt. „Er hat eingeräumt, in acht Fällen 600 Euro entwendet zu haben“, sagt der Bamberger Oberstaatsanwalt Bernd Lieb.

Auch Maria F. soll laut Zeugen unter den Bestohlenen gewesen sein. Sie soll bemerkt haben, wie S. ihr 30 Euro entwendete. Das wäre ein handfestes Mordmotiv: Verdecken einer Straftat. Doch ausgerechnet diesen Fall konnten die Ermittler ihm nicht nachweisen ...

War Sebastian S. also nur ein selbstloser Samariter, der aus Mitleid einer alten Frau ihren letzten Wunsch erfüllte? Nach der Befragung von Maria F.’s Angehörigen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die 100-Jährige tatsächlich sterben wollte. Entscheidend war dabei ihr Verhalten am Tag vor ihrem Tod. Oberstaatsanwalt Lieb: „Der Beschuldigte hat am Tag zuvor schon versucht, sie zu töten. Sie überlebte es, hat sich aber niemandem anvertraut. Das ist der entscheidende Punkt.“

Seinen Kumpels schickte Sebastian S. danach eine SMS: „Ich wäre gerade fast zum Mörder geworden. Ungelogen man. Shit.“ Einen Tag später gelang sein Vorhaben: Laut Ermittlungen schlich sich Sebastian S. ins Zimmer von Maria F., drückte der schlafenden Frau ein Kopfkissen aufs Gesicht und erstickte sie. Dem Arzt, der den Totenschein ausfüllte, fiel nichts auf. Er kreuzte „Natürliche Todesursache“ an.

Über die Motive des Jugendlichen rätseln die Ermittler. Lieb: „Eine Portion Mitleid mag eine Rolle gespielt haben, aber auch ein Stück Einfältigkeit.“ Seit der Tat befindet sich Sebastian S. in einer geschlossenen Jugendhilfeeinrichtung. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft. Der Prozess soll im Mai stattfinden.

tz

Rubriklistenbild: © dpa

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