Angeschossen – nun krank und arbeitslos

Ein Held, der zum Opfer wurde

+
Ersin Bengi stellte sich dem Schützen und wurde von Kugeln getroffen. Rechts ein Bild aus der Tatnacht.

Prien - Ersin Bengi rettete einer Frau das Leben und wurde dabei angeschossen. Nun ist er krank und arbeitslos. Doch obwohl ihm seine gute Tat nur Leid brachte, würde er es ohne zu zögern noch einmal so machen.

Ersin Bengi (49) führt mit seiner Familie seit mehr als 30 Jahren ein bescheidenes, doch auch zufriedenes Leben in Bayern. Doch an einem Montagabend im Februar 2014 fand er sich plötzlich mitten in einem Kampf auf Leben und Tod – in Prien. In Sekunden wurde der Mann zum Lebensretter einer Frau (30) – und ist dabei selbst ein Opfer seiner mutigen Tat geworden: krank, arbeitslos, ungewisse Zukunft. Denn zweimal war er von Kugeln getroffen worden.

Dass Bengi für die 30-jährige Bankangestellte zum Lebensretter wurde, war Zufall. Der gebürtige Türke verdiente sein Geld als Lkw-Fahrer. Seinen Brummi hatte er auf einem öffentlichen Parkplatz abgestellt und war zu Fuß auf dem Weg nach Hause. Da merkte er, dass er den Wohnungsschlüssel vergessen hatte. Deswegen schaute er in der kleinen Änderungsschneiderei seiner Frau vorbei. In dem Augenblick, als Bengi im Laden war, zerrte vor dem Schaufenster ein Mann eine Frau an den Haaren über die Straße. Bengi überlegte nicht lange, ihm war sofort klar, „dass ich etwas unternehmen muss“.

Ersin Bengi kämpft nach Schüssen mit schlimmen Folgen

Denn der Mann, der 39-jährige Christian L., zerrte seine Ex-Freundin nicht nur an den Haaren, sondern bedrohte sie auch mit einer Pistole. Bengi, der nun draußen war, rief: „Lass sie in Ruhe, geh nach Hause.“ Der Mann war abgelenkt, das Opfer konnte wegrennen. Ihr wurde jedoch nachgeschossen, „er verfehlte sie aber knapp“, berichtet Bengi dem Oberbayerischen Volksblatt.

Dann drehte sich der Mann um und schoss aus kurzer Distanz zweimal. Bengi erhielt Treffer in Brust und Oberlippe und blieb schwer verletzt liegen. In diesem Moment griff ein Arzt ein, der den Täter überwältigte.

Nach einer Woche waren die Verletzungen so weit kuriert, dass der 49-Jährige aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte, aber sein Leidensweg ging weiter: Zweimal pro Woche muss er zur Physiotherapie, einmal zum Psychologen. Durch das Knallen hat er bis heute einen Tinnitus. Die Lippe ist taub geblieben. Zudem sind offenbar Nerven geschädigt. Beim Autofahren habe er Probleme, die rechte Spur zu halten, dazu kommen Schlafstörungen und Albträume.

Bengis gute Tat brachte ihm nur Leid - trotzdem würde er es wieder tun

Bengi ist krankgeschrieben – wie lange noch, weiß er nicht. Seinen Beruf kann er wohl nicht mehr ausüben. Bereits acht Wochen nach der Schießerei wurde ihm gekündigt, vor dem Arbeitsgericht erhielt er eine kleine Abfindung. Auf Schadensersatz kann er nicht hoffen. Der Täter, der in der Psychiatrie untergebracht ist, gilt als mittellos.

Bengis gute Tat – ihm brachte sie nur Leid. Als aber seine Anwältin ihn fragte, ob er noch einmal so handeln würde, sagte er ohne Zögern: „Ja!“

Dirk Breitfuß

auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"
Mutter des WM-Mörders: "Er tötet mich, wenn er rauskommt"
Opfer wird zum Täter - Rosenheimer Student missbraucht
Opfer wird zum Täter - Rosenheimer Student missbraucht

Kommentare