Retter sehen Unfassbares

In Turnschuhen auf die Zugspitze: Tschechen in Bergnot

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Winterliche Bedingungen erschweren den Aufstieg, ein Bergsteiger rutschte samt Nass-Schnee ab und blieb knapp vor einem Abbruch ins Höllental liegen.

Grainau - Durchs Höllental auf die Zugspitze ist ein sehr anspruchsvoller Aufstieg. Immer wieder scheitern Bergsteiger daran - wie zwei Tschechen am Pfingstsonntag.

Gut 100 Meter unterhalb des Zugspitz-Gipfels herrschen noch sehr winterliche Bedingungen. Tiefer Schnee erschwert den Aufstieg, das Klettersteigseil ist an vielen Stellen darunter begraben. Einem tschechischen Bergsteiger machte am Sonntag genau das zu schaffen. Gegen 14 Uhr alarmierte er die Bergwachtbereitschaft Grainau. In dem schwierigen, hochalpinen Gelände kam er weder vor noch zurück. Seine zwischenzeitliche Entwarnung - „am Telefon behauptete er, dass er mit anderen Bergsteigern zum Gipfel gehen könne“, erzählt Einsatzleiter Anton Vogg - entpuppte sich schnell als falsch. Mittlerweile hatte er einen regelrechten Stau produziert - keiner kam mehr weiter. Aus zunächst vier Personen in Bergnot wurden so im Lauf von zweieinhalb Stunden gut 20.

„Sechs von uns machten sich nach der Alarmierung auf den Weg zum Gipfel, zwei stiegen gut 100 Meter ab und führten die Leute in Vierer- und Fünfergruppen sicher nach oben“, schildert Vogg das Vorgehen. „Zum Teil waren sie ungenügend oder sogar gar nicht den Verhältnissen entsprechend ausgerüstet.“ Das heißt Steigeisen, Pickel, Gurt und Sicherungsmaterial hatten etliche gar nicht dabei. Einige versuchten den Aufstieg gar in kurzen Hosen oder mit Turnschuhen. „Da das Klettersteigseil immer noch auf weiten Strecken unter dem stellenweise tiefen und bei den derzeitigen Temperaturen nassen sowie sulzigen Schnee liegt, wollte ein Bergsteiger dieses mit einem Biwak-Kochtopf freilegen“, erzählt Vogg, der über soviel Unvernunft nur den Kopf schütteln kann.

Während dieser Einsatz in vollem Gang war, ereignete sich circa 200 Meter tiefer ein beinahe fataler Absturz. „Bei der Querung einer mit Schnee gefüllten Rinne rutschte ein Tscheche samt Nassschnee ab. Glücklicherweise blieb er vor einem Abbruch ins Höllental liegen.“ Nach Auskunft der Retter verletzte er sich allerdings am Arm, so dass er mit dem ADAC-Hubschrauber Christoph 1 aus München geborgen wurde. Die Helikopter-Crew nahm dazu an der Irmerscharte, circa 150 Meter unter dem Gipfel, einen Bergretter auf und brachte ihn zur Einsatzstelle. Nach der Erstversorgung wurde der Verunglückte aufgewinscht und ins Tal gebracht, wo er an einen BRK-Rettungswagen übergeben wurde. Gegen 18 Uhr waren alle, die Hilfe beim Aufstieg benötigt hatten, sicher auf der Zugspitze.

Für die Grainauer Kräfte war damit jedoch noch nicht Schluss. Zunächst retteten sie einen verletzten Hund und sein Herrchen per Fahrzeug am Weg zur Höllentalklamm. Kurz darauf folgte ein Notruf von der Eingangshütte, wo ein 40-jähriger Münchner über Bauchkrämpfe und Kreislaufprobleme klagte. „Zwei Einsatzkräfte machten sich sofort auf den Weg, um ihn zu versorgen“, sagt Vogg. „Vier weitere folgten mit der Gebirgstrage zum Abtransport des Erkrankten.“ Nach etwa einer Stunde kümmerte sich unten in Hammersbach das Team des MKT Garmisch-Partenkirchen um den Mann. Für die insgesamt acht Grainauer Retter, die seit sieben Stunden im Dauereinsatz waren, endete der Dienst dann gegen 21 Uhr.

Tanja Brinkmann

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