Der Massenexodus

Schock: Kirchen-Austritte erreichen neuen Rekordwert

Genau 1.739.444 Schäfchen hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Davon hat er letztes Jahr 20.552 verloren. Im Bistum Passau sind die Gläubigen am treuesten.

München - Wenn man Papst Franziskus bei seinen Reisen beobachtet, seinen weisen Worten lauscht, dann möchte man meinen, die katholische Kirche war nie lebendiger. Doch weit gefehlt – jedenfalls in Bayern!

Denn die neue Kirchenstatistik zeigt: Noch nie gab es so viele Austritte bei uns wie im vergangenen Jahr. Allein im Bistum München-Freising kehrten 20.552 Katholiken ihrer Kirche den Rücken (siehe Karte). Insgesamt waren es deutschlandweit 217.716 Gläubige. Der tz-Report über den Massenexodus!

Keine Frage – das Dilemma hat sich die katholische Kirche selbst eingebrockt. Biblisch gesprochen: Sie hat Wind gesät und erntet jetzt den Sturm der Entrüstung. Die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch, der Luxusbau in Limburg, die höheren Kirchensteuern – vielen Gläubigen reicht’s. Dazu kommt noch der geistige Stillstand bei wichtigen Themen wie Homosexualität und Verhütung. In einer großen Studie gaben 55 Prozent der Befragten an, aus der Kirche ausgetreten zu sein, weil diese „zu rückständig“ sei.

Auch bei den Bischöfen und Kardinälen nennt man die Entwicklungen „alarmierend“. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 traten 178 805 Menschen in Deutschland aus, im Jahr 2012 waren es 118 355 Katholiken – also knapp 100 000 weniger als jetzt. „Die Kirche stirbt und will es nicht wahrhaben“, sagen Kritiker seit Längerem. Zwar spreche man immer von einem „Aufbruch“, dieser sei aber nirgendwo in Sicht.

Münchens Kardinal Reinhard Marx trauert jedenfalls jedem verlorenem Schäfchen nach: „Hinter der Zahl der Kirchenaustritte stehen persönliche Lebensentscheidungen, die wir in jedem einzelnem Fall zutiefst bedauern, aber auch als freie Entscheidung respektieren“, gab der Geistliche jetzt bekannt. Dann fügt der 61-Jährige an: „Wir werden uns weiter bemühen, unseren Auftrag glaubwürdig so zu erfüllen, dass wir die Freude des Evangeliums verkünden können und viele Menschen in der Gemeinschaft der Kirche Heimat finden oder auch wiederfinden.“

Ob dieses „Bemühen“ reicht? Sicher ist sicher: Die katholische Kirche hat mittlerweile eine große Studie in Auftrag gegeben, um dem Austrittsproblem auf die Spur zu kommen. Ganz analytisch.

„Warum sind Sie noch in der Kirche – oder warum sind Sie ausgetreten?“

Martin Ringeis (47), Fernsehtechniker aus Günzburg: "Ich bin schon vor über 25 Jahren ausgetreten. Mit der allgemeinen Politik der Kirche konnte ich mich damals nicht mehr identifizieren. Momentan scheint es, als würde ein besserer Weg eingeschlagen. An meiner Entscheidung halte ich trotzdem weiter fest."

Lynn Rezniczek (23), Studentin aus Aachen: "Den Glauben finde ich gut und wichtig, die Kirche als Institution dagegen nicht. Die Prinzipien, die verfolgt werden, gefallen mir nicht. Das will ich nicht unterstützen, und deshalb werde ich, sobald ich Kirchensteuer zahlen muss, austreten. Ich sehe da einfach keine Zukunft."

Günter Kulzer (58), Business-Coach aus Straubing: "Ich bin mit 19 Jahren ausgetreten, weil meine Mitschüler und ich im Religionsunterricht geschlagen worden sind. Die jüngsten Skandale mit Kindesmissbrauch und anderen Dingen waren für mich absehbar und bestätigen mich auch in meiner Entscheidung."

Anne Rossmüller (43), Bankkauffrau aus Altötting Umfrage: "Ich erziehe meine Kinder katholisch und finde es wichtig, dass man gläubig ist. Ein Austritt aus der Kirche war für mich niemals ein Thema. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Reformen unumgänglich sind. Das Zölibat halte ich beispielsweise für überholt."

Nicolas Hofmann (52), Steuerberater aus Oberstdorf: "Wenn man immer gleich alles hinschmeißt, weil es gerade nicht gut läuft, sollte man auch nicht heiraten. Deswegen trete ich nicht aus. Durch alte Prinzipien gibt es immer weniger junge Geistliche. Aktuell sehe ich eine positive Entwicklung."

Dominik Heuchel (23), Student aus Aachen: "Ich bin katholisch erzogen worden, und der Glaube ist auch immer noch da. Die Institution Kirche und die vermittelten Werte finde ich großteils gut und trete deshalb auch nicht aus. Langfristig sind Missbrauch und Kondom-Verbot nicht tragbar."

Armin Geier/Umfrage: Severin Schötz 

Armin Geier/Umfrage: Severin Schötz

Auch interessant

Meistgelesen

Triathletin Julia Viellehner ist gestorben
Triathletin Julia Viellehner ist gestorben
„Unfassbarer Schmerz“: Große Trauer nach Tod von junger Radlerin
„Unfassbarer Schmerz“: Große Trauer nach Tod von junger Radlerin
Tote Triathletin: So bewegend nehmen Weggefährten Abschied
Tote Triathletin: So bewegend nehmen Weggefährten Abschied
Tote und Verletzte bei Unfall in Bayern
Tote und Verletzte bei Unfall in Bayern

Kommentare