Sensationelle Wende im Mordfall

Finden sie hier Peggys Leiche?

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Peggy verschwand am 7. Mai 2001. Einen Tag später begann eine der größten Suchaktionen in der Geschichte der bayerischen Polizei. Seit gestern wird nach ihrer Leiche gesucht, in einem Hinterhof. Ein Bagger hob dort Pflastersteine weg

Bayreuth - Im Fall der vor zwölf Jahren verschwundenen Peggy ist es zu einer sensationellen Wende gekommen: Die Polizei gräbt in einem Anwesen mitten in Lichtenberg. Wird dort ihre Leiche gefunden?

Es war nur eine knappe Meldung des Polizeipräsidiums Oberfranken, doch eine mit gewaltiger Wirkung: „Im Zuge der von der Staatsanwaltschaft Bayreuth und der Kriminalpolizeiinspektion Bayreuth im Mordfall Peggy durchgeführten Ermittlungen haben sich Hinweise auf einen möglichen Leichenablageort ergeben.“ Die erste konkrete Spur auf den Verbleib des seit zwölf Jahren verschwundenen Mädchens.

Doch seit Montag Morgen wird nicht etwa in einem Waldstück nach Peggy gegraben, sondern in einem rückwärtigen Bereich eines Anwesens mitten in Lichtenberg, keine hundert Meter vom früheren Wohnort der damals neunjährigen Schülerin entfernt. Ein Hinweis auf eine Leiche, auch mithilfe eines speziell ausgebildeten Hundes, ergab sich bislang nicht.

2012 hatten Staatsanwalt und Kripo Bayreuth in dem Fall mit neuen Ermittlungen begonnen. Ergebnis: „Die Summe der Erkenntnisse hat uns veranlasst, hier Untersuchungen zu beginnen“, so Polizeisprecher Jürgen Stadter. Zum Bewohner des Hauses machte er keine Angaben, nur soviel: „Personen, die im Zusammenhang mit dem Objekt stehen, werden derzeit von der Polizei befragt.“

Nach tz-Informationen wurden auch Computer und Akten aus dem Anwesen mitgenommen, außerdem wurde der ältere VW des Mannes weggefahren. Und: Bei der Person handelt es sich um einen einen verurteilten Kinderschänder! Hans H. (65, Name geändert) wurde im Juni 2008 in Hof für schuldig befunden, zwei Mädchen missbraucht zu haben. Er musste für drei Jahre ins Gefängnis wegen mehrfachen, auch schweren sexuellen Missbrauchs. In der Stadt Lichtenberg heißt es: Hans H. war nach nach Peggys mysteriösem Verschwinden ins Visier der Ermittler geraten, es soll dabei um Kleidungsstücke gegangen sein, die bei ihm entdeckt worden seien. Angeblich soll es sich dabei um das Unterhemd eine Kindes gehandelt haben. Weshalb diese Spur nicht verfolgt wurde – falls die Behauptung zutrifft – eines der vielen Rätsel in dem Fall. Hans H. saß jedenfalls seine Strafe ab und zog wieder nach Lichtenberg, was im Ort einiges an Unruhe verursachte.

Was allerdings jetzt in dem Städtchen los ist, man kann es sich vorstellen. Erst vor wenigen Wochen war vom Anwalt Ulvi K., der wegen Mordes an Peggy im Jahr 2004 verurteilt worden war, ein Antrag auf Wiederaufnahme gestellt worden. Viele halten den geistig behinderten Ulvi für unschuldig, dieser ist aber zurzeit nicht wegen Mordes, sondern wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern in der Psychiatrie untergebracht. Sein Vater Erdal ging am Montag nervös auf und ab – so als wollte er eine mögliche Wende in dem Fall zugunsten seines Sohnes unbedingt mitbekommen.

Peggys Mutter, Susanne Knobloch, wird von der Bild-Zeitung zur sensationellen Wende so zitiert: „Ich habe gehört, dass die Hunde damals schon bei ihm angeschlagen hatten. Ich weiß, dass die ihn damals abgeprüft haben. Was mir Kopfzerbrechen macht, ist, dass sie ihn damals schon in der Mache hatten. Ich bin in einem riesengroßen schwarzen Loch.“

Die Baggersuche konzentriert sich auf das gepflasterte Grundstück hinter dem Gebäude. Stein um Stein wird hier weggerissen, offenbar vermutet man unter dem Pflaster Hohlräume, die als Versteck dienen könnten – Kanalisation etwa, kolportiert wird auch eine längst verschüttete Zisterne, die hier hergehen soll.

Hans H. zeigte bei seinem Prozess kaum Reue und Schuldeinsicht. Erst in seinem Schlusswort ließ er sich zu einem „Es tut mir leid, was die Kinder anbelangt“ hinreißen. Heute soll bei ihm weitergegraben werden.

mc/kh

Beteiligte im mysterösen Fall lebten auf etwas mehr als 100 Meter nebeneinander

Lichtenberg ist zwar eine Stadt, dennoch kennt hier jeden jeden. Kein Wunder: Der Ort hat schließlich nur etwas mehr als 1000 Einwohner. Und so lebten auch Peggy und der wegen Mordes verurteilte Ulvi K. fast in der Nachbarschaft: Ulvi oben in der Schloßklause, die sein Vater betreibt, Peggy und ihre Familie am Marktplatz 8 in einem auffällig blauen Haus. Zwischen Schloßklause und blauem Haus liegt das Anwesen, das am Montag durchsucht wurde und wo im rückwärtigen Bereich gegraben wurde.

Chronologie

Der Fall Peggy – er erschütterte ganz Bayern und das über Jahre. Eine Chronologie der Ereignisse:

7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg wird letztmalig auf dem Heimweg von der Schule gesehen. Ihre alleinerziehende Mutter gibt noch am Abend eine Vermisstenanzeige auf.

Mai 2001: Wochenlange Suchaktionen der Polizei – unter anderem mit Tornados der Bundeswehr – bleiben ohne Erfolg.

August 2001: Ulvi K. wird festgenommen. Er gesteht, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben. In einer anderen Vernehmung widerruft er das Geständnis. Für den mutmaßlichen Zeitpunkt des Mordes an Peggy hat der junge Mann ein Alibi.

22. Oktober 2002: Die Behörden präsentieren den 24-jährigen Gastwirtsohn offiziell als mutmaßlichen Mörder.

28. Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft in Hof erhebt gegen den Gastwirtssohn Anklage wegen Mordes.

28. Oktober 2003: Nach nur fünf von 16 geplanten Verhandlungstagen platzt der Prozess wegen fehlerhafter Besetzung der Strafkammer.

11. November 2003: Das Verfahren beginnt erneut.

30. April 2004: Nach 26 Verhandlungstagen wird der Gastwirtssohn wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge will seine Aussage widerrufen und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.

19. Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth kündigt eigene Prüfungen in dem Fall an.

4. April 2013: Der Anwalt Michael Euler reicht beim Landgericht Bayreuth den Antrag auf Wiederaufnahme des Falls ein. Der Jurist glaubt, genug entlastende Beweise vorlegen zu können.

22. April 2013: Die Polizei sucht wieder nach der Leiche Peggys. Hinweise führten die Ermittler zu einem Anwesen mitten in Lichtenberg.

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

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