tz-Report aus dem Einsatzgebiet

So fahndet der Zoll nach der Teufelsdroge Crystal Meth

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Stopp, Zollkontrolle! Die Beamten stellten 2013 an der bayerisch-tschechischen Grenze 4,6 Kilo Crystal Meth sicher

München - Tiefe Augenringe, pickeliges Gesicht, schlechte Zähne – die beiden jungen Männer, die aus dem tschechischen Taxi steigen, passen genau ins Bild.

„In Taxis haben wir immer wieder gute Aufgriffe“, sagt Christian Schüttenkopf, Sprecher des Zollfahndungsamtes in München. Die Jagd auf das „Kokain der armen Leute“: Crystal Meth ist eine Horror-Droge, reine Chemie und zerfrisst den menschlichen Körper quasi von innen. Wer es konsumiert, ist sofort abhängig. Und: Es ist vergleichsweise günstig. Seit 2010 schwappt aus Tschechien wieder eine gefährliche Welle über Ostbayern in die ganze Republik. Rund um die Uhr kontrollieren Zollbeamte die Grenzübergänge und ziehen dabei immer wieder Drogenkuriere und Abhängige aus dem Verkehr. Ein Brennpunkt: die Porzellanstadt Selb in Oberfranken. Die tz begleitete die dortige Kontrolleinheit des Hauptzollamtes Regensburg.

Die tz-Reporter Michael Westermann (links) und Johannes Heininger beim Einsatz mit dem Zoll an der bayerisch-tschechischen Grenze.

Der jüngste Drogenbericht der Bundesregierung beweist: Synthetische Drogen wie Crystal Meth sind auf dem Vormarsch. Die Zahl der Rauschgifttoten 2014 ist im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent auf 1032 gestiegen. Brisant: Während die Todesfälle im Zusammenhang mit Kokain, Heroin oder Crack seit Jahren zurückgehen, sterben mehr Menschen an Amphetaminen und Methamphetaminen. Aggressivster Stoff: Crystal Meth, in Fachkreisen auch Crystal Speed, Pervitin, Yaba oder Crank genannt. Wer es nimmt, wird körperlich entstellt, sein soziales Leben ruiniert – eine wahre Zombie-Droge.

Zollfahnder Achim Herkt ist seit 24 Jahren im Einsatz.

Der erste Verdacht hat sich bei den Männern aus dem tschechischen Taxi inzwischen erhärtet. Aggressiv treten sie den beiden Zollbeamten Achim Herkt und Johannes Kopp (beide 46) am Kontrollpunkt kurz vor der Grenze gegenüber. Haben sie etwas zu verheimlichen? Gleich hinter dem Waldstück nach der Kuppe liegt Asch, der erste tschechische Ort. Dort, wo an Vietnamesen-Ständen und in Casinos Stoff vertickt wird. Die Beamten spulen gleich ihr Programm ab: Ein Wischtest soll Klarheit bringen. Dabei wird ein Stäbchen mit einer Trägermembran über die Handflächen der Verdächtigen gestreift. In Verbindung mit Wasser und einem Testgerät gibt‘s das Ergebnis dann innerhalb von zehn Sekunden – ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest. „Positiv“, sagt Kopp. Da ist etwas im Busch. Der andere Mann verweigert den Test sogar, das macht ihn nur noch mehr verdächtig. Also ab auf die Dienststelle. Dort müssen sich die beiden Bauarbeiter all ihrer Kleider entledigen. „Ob sie wollen oder nicht“, erklärt Herkt. „Wir sind dazu berechtigt, körperlich zu durchsuchen. Aber: Bei Körperöffnungen ist für uns Schluss: Dann übernehmen die Ärzte.“ Der Einfallsreichtum der Schmuggler kennt keine Grenzen.

Die beliebtesten Verstecke der Schmuggler

Den Kurieren ist offenbar kein Risiko zu hoch. Der Grund: das Geld! „Die würden sogar ihre eigene Oma verkaufen – tot oder lebendig“, sagt Schüttenkopf. Wie Pilze schießen Drogenlabore in Tschechien derzeit aus dem Boden. Die Herstellung ist einfach und billig, die Ausgangsstoffe sind leicht zu beschaffen. Und der Handel erweist sich vor allem in Deutschland als lukrativ. Während man in Tschechien das Gramm Crystal für 25 bis 35 Euro bekommt, springen für die selbe Menge in Deutschland 80 bis 120 Euro raus. Erst kürzlich hat der tschechische Zoll ein Labor nahe der Grenze ausgehoben. 80 Kilo Stoff wurden sichergestellt, 20 Leute festgenommen. Die jährliche Produktionsmenge schätzen Experten auf zehn Tonnen. Sichergestellt wurden in Bayern im vergangenen Jahr 22 Kilo. Klingt im ersten Moment wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch die Ermittlungen von Zoll und Polizei verzeichnen große Erfolge (siehe Text links unten).

Derweil steht bei den beiden verdächtigen Männern fest: Ja, sie haben Crystal Meth konsumiert. „Der Test ist förmlich explodiert“, meint Johannes Kopp. In ihren Taschen fanden die Zöllner auch eine zerfetzte Papiertüte. „Da war etwas drin, das Zeug haben die beiden aber wahrscheinlich noch im Ausland geschnupft.“ Und damit sind den deutschen Zöllnern die Hände gebunden. Denn der Konsum im Ausland ist nicht strafbar. Die Männer dürfen wieder gehen.

Auch wenn den Beamten an diesem Tag kein dicker Fisch ins Netz ging. Achim Herkt schreckt das nicht ab. Er ist den Schmugglern seit 24 Jahren auf der Spur und verspricht: „Wir sind immer präsent. Es gibt keine sicheren Zeiten.“

Das macht Crystal so gefährlich

„Dieses Zeug frisst regelrecht Löcher ins Gehirn“, sagt Christian Schüttenkopf, Sprecher des Zollfahndungsamtes in München. Er übertreibt damit kein bisschen. Obduktionsberichte über Drogenopfer dokumentieren verheerende Schädigungen der Organe.

Zwischen diesen Fotos liegen nur zweieinhalb Jahre – sie dokumentieren die verheerende Wirkung von Crystal Meth.

Warum ist Crystal Meth so gefährlich? Die aggressive Droge, die derzeit alles andere in den Schatten stellt, ist ein giftiger Cocktail aus Chemikalien. Hauptbestandteile: roter Phosphor, Batteriesäure, Apaan – ein weiß-graues Pulver, das meist aus Fernost in die tschechischen Drogenküchen gelangt – und Rinopront, ein einfaches Erkältungsmittel. In den Laboren wird es dann zur Zombie-Droge verkocht. Es entsteht ein kristalliner, unschuldig rein erscheinender Stoff, der der Struktur von grobem Meersalz ähnelt. Einmal zerrieben, kann Crystal entweder geraucht, geschnupft oder in einer Lösung gespritzt werden. Die Wirkung ist schon bei zehn Milligramm monströs! Weil die Droge den Körper schon beim ersten Konsum auf Hochtouren bringt, die Leistungsfähigkeit steigert und dadurch massiv Glückshormone ausgeschüttet werden. Man ist in der Regel sofort abhängig. Bei längerem Missbrauch kehrt sich die Wirkung allerdings um. Die Folge: Depressionen und körperlicher Verfall. „Man jagt immer dem ersten Kick hinterher, deshalb kommt man von dem Zeug nicht mehr los“, warnt Schüttenkopf. Therapie-Patienten berichten von einem Gefühl, als ob’s unter der Haut juckt und krabbelt wie Ungeziefer. Viele greifen dann zu Nagelscheren und verstümmeln sich selbst. Ein Großteil der Konsumenten sind Jugendliche. Aber auch immer mehr Erwachsene werden abhängig – die Teufelsdroge soll den Stress im Arbeitsalltag kompensieren.

Die Schmuggel-Bilanz des Hauptzollamtes

Die bayerischen Ermittler haben in den vergangenen fünf Jahren ein interessantes Phänomen beobachtet: Die Zahl der Aufgriffe von Drogen-Schmugglern ist zwar deutlich gesunken, dafür hat sich die sichergestellte Menge erheblich vergrößert. Experten schließen daraus, dass sich das Problem mit der Teufelsdroge Crystal Meth auf eine neue Dimension zubewegt. „Die Dealer, Schmuggler und Produzenten haben sich natürlich auch auf unsere Kontrollen eingestellt“, sagt Zoll-Sprecher Christian Schüttenkopf. Die Täter werden professioneller, suchen sich andere Vertriebs- und Handelswege. Das wird vor allem beim Blick in die Schmuggel-Bilanz des Hauptzollamtes in Regensburg deutlich. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Aufgriffe im Jahr 2014 von 600 auf 520 gesunken. Gleichzeitig wurden aber insgesamt 24 Kilogramm Rauschgift gefunden – 6,6 Kilogramm davon waren reines Crystal Meth. Zum Vergleich: 2013 waren es „nur“ zehn Kilogramm Rauschgift (davon 5,7 Kilogramm Crystal). Der Zoll stellte im Jahr 2013 allein an der bayerisch-tschechischen Grenze rund 4,6 Kilogramm Crystal Meth sicher. Hinzu kommt ein Fund am Münchner Flughafen, der er es in sich hatte: Dabei wurden 19 (!) Kilogramm in einem Koffer auf dem Weg nach China entdeckt.

Johannes Heininger

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