So leben Bayerns Schwerverbrecher

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Die JVA Straubing von oben: Die Zellen sind auf zwei Trakte mit je vier Flügeln aufgeteilt, die sich um je einen zentralen Turm anordnen. Die hauseigene Psychiatrie und das Freigängerhaus sind nicht im Bild.

München - Künftig sollen Straftäter in Deutschland zügiger Ausgang bekommen, Bayern sperrt sich aber gegen Lockerungen. Wie sieht eigentlich der Alltag in bayerischen Hochsicherheits-Gefängnissen aus?

In zehn deutschen Bundesländern sollen Straftäter zügiger Ausgang bekommen - selbst lebenslänglich Verurteilte könnten dann schon nach fünf Jahren im Gefängnis bis zu 21 Tage Urlaub genießen. Bayern will dagegen bei der bisherigen Regelung bleiben, die erst nach zehn Jahren eine Lockerung vorsieht. Die tz dokumentiert den Alltag in den Hochsicherheits-Gefängnissen Straubing (Männer) und Aichach (Frauen). Wie die Schwerverbrecher dort leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen.

Männer in Straubing: Freigang haben hier nur wenige

Die JVA-Straubing ist Bayerns Gefängnis für die schweren Burschen: Hier sitzen zurzeit 810 Kapitalverbrecher mit einer Freiheitsstrafe ab fünf Jahren ein. 210 von ihnen haben lebenslänglich und sitzen somit wegen Mordes ein. Nur fünf der Mörder haben derzeit Haftlockerungen, wie der Freigang in der Justizsprache heißt. Besuch darf man hier nur in Gegenwart eines Gefängnisbeamten empfangen.

So sieht eine Straubinger Gefängniszelle aus.

In den 25 hauseigenen  Werkstätten der JVA Straubing kann man einen Beruf erlernen oder sich ein Taschengeld verdienen. Arbeit gibt es in der eigenen Druckerei, Buchbinderei, Gärtnerei, Metzgerei oder Bäckerei. Es werden in der JVA auch Teile für den Münchner Triebwerkshersteller MTU gefertigt. Freigang haben im Straubinger Gefängnis nur 33 Gefangene, von ihnen sind fünf Lebenslängliche. In Bayern kann ein zu lebenslänglich Verurteilter frühestens nach 15 Jahren wieder freiglassen werden - vorausgesetzt, das Gericht hat nicht die besondere Schwere der Schuld in seinem Urteil festgestellt. Nach zwölf bis 13 Jahren beginnt die Strafvollstreckungskammer zu prüfen, ob der Gefangene freigelassen werden kann.

In dem - unbeheizten - Freibad können die Straubinger Häftlinge sporteln.

„Wir prüfen drei bis vier Jahre vor der Entlassung, ob der Gefangene über Freigang auf das Leben in Freiheit vorbereitet werden kann“, so der Straubinger Gefängnischef Matthias Konopka. „Der Häftling soll schon während der Gefangenschaft soziale Bindungen pflegen oder neue aufbauen“, erläutert der JVA-Chef. Konopka weiter: „Bevor jemand aber in den Genuss von Haftlockerungen kommen kann, müssen zwei Gutachter die Ungefährlichkeit des Gefangenen feststellen.“ Im ersten Jahr der Haftlockerungen bekommt der Gefangene monatlich acht Stunden Ausgang. Wenn er sich dabei bewährt hat, darf er im nächsten Jahr 21 Tage pro Jahr Urlaub nehmen,  den er bei seinen Angehörigen verbringen darf. Im dritten Jahr beginnt die dritte Stufe der Haftlockerung. „Dann darf der Gefangene in unseren Bauernhof außerhalb der Gefängnismauer ziehen“, so Konopka. Das bedeutet aber nicht, dass er nun gehen und kommen kann, wann er will. Konopka: „Er muss  spätestens um 18 Uhr wieder zu Hause sein.“

Die Haftlockerungen vor der endgültigen Entlassungen bewähren sich offenbar. Konopka: „Voriges Jahr gab es keine Versager. Alle haben sich an die Bedingungen gehalten und wurden nicht rückfällig.“

Frauen in Aichach: Sex gibt’s nur beim Ausgang

Ingrid van Bergen war hier, zuletzt sogar die RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt. In Aichach sitzen Bayerns Schwerverbrecherinnen! 430 Frauen sind hier derzeit gefangen - alle zu Haftstrafen von mehr als zwei Jahren verurteilt. Sie haben Menschen betrogen, entführt und ermordet. Der Alltag in Aichach unterliegt zwar strikten Regeln. Dafür hat aber auch das Freizeitangebot einiges zu bieten: „Wir haben Gruppen für Yoga und Theater“, sagt Vize-Anstaltsleiter Johannes Link (50) zur tz. Inzwischen werkeln einige Frauen sogar an einer eigenen Gefängnis-Zeitung.

Vom Kontrollraum aus hat das Wachpersonal in Aichach den besten Blick auf die Zellen.

Langweilig wird’s ihnen bestimmt nicht. Denn selbst Fernseher können sich die Frauen mieten und in ihren Zellen aufbauen. In der JVA-eigenen Bibliothek stehen zudem 10 000 Bücher zur Auswahl - für die Zeit nach 19.30 Uhr, wenn die Wachmänner zum Abschließen kommen. Der neue Tag beginnt mit dem Wecken um 6 Uhr, bis etwa 6.45 Uhr gibt’s Frühstück (Brot und Marmelade). Danach wird geschuftet. Beim Verpacken, in der Küche, im Garten oder in der Wäscherei. Wenn Insassinnen noch keine Ausbildung absolviert haben, können sie dies in der Näherei, Schneiderei und beim Friseur nachholen. Einige Produkte aus der Bäckerei kann sogar Otto Normalverbraucher in einem kleinen Shop kaufen. Link: „Zwei, drei Gefangene sind derzeit auch außerhalb der JVA beschäftigt. In kaufmännischen Berufen, die wir nicht anbieten können.“

Sie gehen morgens ganz normal in die Arbeit - und kommen abends wieder zurück in die Zelle. Solche Ausnahmen genehmigt die Anstalt aber nur dann, wenn sich die Kandidatin lange genug bewährt hat. Zum Beispiel bei Ausgängen: Frauen dürfen die JVA einmal im Monat für vier Stunden verlassen, Freunde und Familie besuchen. Hafturlaub kommt erst 18 Monate vor der Entlassung infrage. Allerdings muss das Umfeld zuvor genauestens untersucht werden. „Wir prüfen diese Personen ganz genau. Meistens waren sie zuvor ja schon für einen Besuch in der JVA“, erklärt Link und fügt an: „Bei diesen Gelegenheiten wird ganz bestimmt auch der Geschlechtsverkehr ausgeübt werden. Ist ja auch erlaubt. Aber in der Anstalt haben wir keine Langzeit-Besuchsräume.“ Austoben können sich die Frauen schließlich auch immer nach Dienstschluss um 15.15 Uhr. Dann haben sie eine Stunde Hofgang - mit Volleyball, Reckstangen und vielen anderen Sportmöglichkeiten.

1420 Häftlinge in Stadelheim

Die JVA Stadelheim ist mit 1420 Gefangenen Bayerns größtes Gefängnis - und nach Straubing auch das sicherste. 60 Prozent sind Untersuchungshäftlinge wie etwa der Dachauer Staatsanwalt-Killer Rudolf U. (54), der Augsburger Polizisten-Mörder Rudi R. (56) und der mutmaßliche Kraillinger Mädchen-Mörder Thomas S. (51). „Etwa 120 sind Strafhäftlinge. Sie sind bei uns zur Unterstützung für andere bayerische Anstalten untergebracht“, sagt der stellvertretende Stadelheim-Chef Jochen Menzel. Eine Besonderheit sind die sozialtherapeutischen Einrichtungen für Gewalt- und Sexualstraftäter.

J. Welte, S. Arbinger

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