Für immer abgetaucht

Spurlos verschwunden -Vermisstenfälle aus Bayern

Verzweifelt gesucht: Oft fahndet die Polizei mit Plakaten nach Vermissten – wie im Falle der Studentin Tanja aus Trier.
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Verzweifelt gesucht: Oft fahndet die Polizei mit Plakaten nach Vermissten – wie im Falle der Studentin Tanja aus Trier.

2144 Menschen gelten in Bayern als vermisst – einige von ihnen seit vielen Jahren. Doch nach 17 Jahren meldete sich ein Familienvater aus Dießen zurück – aus Neuseeland.

Dießen/München – Am 7. April 2001 trinkt Herbert Dimpfl einen Kaffee bei seiner Nachbarin, dann steigt er in seinen roten Pickup – und verschwindet für immer. Zurück bleiben seine zweite Frau, die beiden Söhne aus erster Ehe – sein komplettes Leben. Und jede Menge Fragen. Seine Familie und auch die Freunde des 51-jährigen Spenglermeisters rätseln jahrelang, was mit ihm passiert sein könnte. Es gibt keine Spur, nichts deutet auf ein Verbrechen hin. In seiner Heimat in Dießen (Kreis Landsberg am Lech) war Dimpfl beliebt und engagiert. Dort ist er auch nach 17 Jahren noch nicht vergessen.

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An einem Herbstnachmittag klingelt bei einem seiner alten Freunde plötzlich das Telefon. Herbert Dimpfl ist am Apparat. Er ruft aus Orewa in Neuseeland an. Um das nachzuholen, was er damals nicht getan hatte: Er will sich verabschieden. Denn Dimpfl, inzwischen 68 Jahre alt, ist an Krebs erkrankt. Seine Söhne besuchen ihn im März. Dimpfl darf seinen Enkel in die Arme schließen, der seinen Opa nie kennengelernt hatte. Mitte Juli stirbt er – 17 Jahre, nachdem seine Familie und seine Freunde lernen mussten, ohne ihn zu leben.

17 Jahre vermisst: Herbert Dimpfl hat seine Heimat Dießen im April 2001 von einem Tag auf den anderen verlassen. Ohne Nachricht. Nach 17 Jahren meldete er sich wieder bei Freunden – aus Neuseeland. Er wollte sich verabschieden, weil er schwer krank war.

Herbert Dimpfl ist einer von bundesweit 13.400 Vermissten – und doch eine große Ausnahme. „Nur die wenigsten tauchen nach so langer Zeit wieder auf“, sagt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Laut Bundeskriminalamt werden jeden Tag 250 bis 300 Fahndungen in Deutschland neu erfasst. Etwa die Hälfte davon erledige sich innerhalb der ersten Woche, 80 Prozent innerhalb eines Monats. Der Anteil der Menschen, die länger als ein Jahr vermisst werden, liegt bei nur drei Prozent.

Deutlich häufiger sind die Ausreißer-Fälle – Jugendliche, die von zu Hause verschwinden und meist nach einigen Tagen wieder unversehrt auftauchen oder gefunden werden. Etwa die Hälfte der Vermissten sind Kinder und Jugendliche. Aber es gibt laut Sonntag auch eine große Zahl Fälle von Menschen, die abtauchen und Suizid begehen. Am häufigsten komme es vor, dass Menschen in eine Notsituation geraten sind und vermisst werden, betont er. „So wie vermutlich der Kanadier, der gerade in der Tölzer Region vermisst wird.“

Vermisster Kanadier: Familie zweifelt an Hinweis auf die Jachenau

Der 32-jährige Jeff David Freiheit hatte sich am 31. Juli in München auf den Weg gemacht, um von dort aus nach Venedig zu wandern. Er gilt als erfahrener Wanderer. Zuletzt wurde er am 3. August in Lenggries gesehen, von dort schickte er noch Bilder an seine Familie. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Polizei und Bergwacht suchen seit Tagen intensiv nach ihm. „In Fällen wie diesen drängt die Zeit“, erklärt Sonntag. „Die Chance, einen Menschen lebend zu finden, wird von Tag zu Tag kleiner.“ Deshalb setze die Polizei besonders bei dieser Art von Vermisstenfällen auf die Öffentlichkeitsfahndung. Über die Medien haben die Präsidien das Bild von Jeff David Freiheit verbreitet – in der Hoffnung auf Hinweise.

+++ Alle aktuellen Informationen zur Suche nach Jeff Freiheit finden Sie im Newsblog auf Merkur.de* +++

Soziale Medien wie Facebook nutzt die Polizei hingegen nicht, um Vermisste aufzuspüren. „Das ist oft sogar kontraproduktiv“, erklärt Andreas Pilz, der stellvertretende Leiter der Vermisstenstelle in München. „Über Facebook gehen jede Menge Meldungen ein, die nicht alle seriös sind“, erklärt er. Es bedeute sehr viel Arbeit, alle zu überprüfen – zumal die Polizei die Hinweisgeber nicht einfach anrufen kann. In den seltensten Fällen sei ein entscheidender Hinweis dabei, erklärt Pilz. Effektiver sei es, die Personen im direkten Umfeld zu befragen oder Handys zu orten, betont er.

3000 Menschen wurden 2017 als vermisst gemeldet

In Stadt und Landkreis München sind allein im vergangenen Jahr 3000 Menschen als vermisst gemeldet worden. „Alle Fälle wurden aufgeklärt“, sagt Pilz. Allerdings haben die Vermissten nicht immer überlebt.

Abgeschlossen wird ein ungeklärter Fall nie, erklärt Pilz. Wenn alle polizeilichen Maßnahmen ausgeschöpft sind, wird der Fall an die Kripo übergeben. Sie prüft noch einmal, ob alles Mögliche getan wurde. Erst dann wird die Suche eingestellt – die Ermittlungen allerdings nicht. „Wir bearbeiten Vermisstenfälle auch nach vielen Jahren immer wieder“, sagt Pilz. Personalien werden überprüft, es wird ermittelt, ob die DNA des Vermissten irgendwo aufgetaucht ist. Aus der Statistik verschwindet ein Fall erst, wenn ein Mensch wieder auftaucht – tot oder lebendig. Fragen bleiben auch danach noch. Wie im Falle Herbert Dimpfls. Warum er vor 17 Jahren seine Familie von einem Tag auf den anderen verlassen hat, wissen höchstens seine Söhne.

Vermisstenfälle aus Bayern

Aktuell werden in Bayern 2144 Personen vermisst – einige von ihnen bereits seit vielen Jahren. Die Polizei Bayern listet alle Vermisstenfälle auf ihrer Internetseite auf. Einige Beispiele: 

  • Sonja Engelbrecht verschwand im April 1995 spurlos. Damals war die Münchnerin 19. Sie war nachts mit einem Schulfreund unterwegs. Am Stiglmaierplatz wollte sie von einer Telefonzelle aus ihre Schwester anrufen, ihr Freund stieg währenddessen in eine Straßenbahn. Bis heute gibt es keine Hinweise, was mit ihr passiert ist.
  • Der Brite Christopher James Miles wird seit Juli 2010 vermisst. Der damals 28-Jährige hatte Hotelgäste in einem Kleinbus von Saalfelden in Österreich nach Ruhpolding gefahren. Danach verliert sich seine Spur. Die Polizei fand den VW-Bus am Bahnhof.
  • Monika Liebl aus Erding wird seit Juli 2007 vermisst. Ihre Handtasche wurde am Kronthaler Weiher gefunden, ihr Auto war in der Erdinger Innenstadt abgestellt. Der Weiher wurde vergeblich nach ihr abgesucht. Sie ist spurlos verschwunden.
  • Anton Thanner aus Neukirchen (Kreis Cham) ist seit Dezember 2013 verschwunden. Er hatte einem Freund gesagt, dass er für eine Operation nach Tschechien fahren wolle. Ob der damals 66-Jährige das tatsächlich getan hat, ist unklar. Sein Auto hatte er auf einem Supermarkt-Parkplatz zurückgelassen.

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Am Waxriessteig wurde ein abgesperrtes Mountainbike gemeldet. Die Polizei konnte es einem vermissten Bundeswehrsoldaten zuordnen. Eine große Suche läuft.

Von Katrin Woitsch

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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