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Stadt Regensburg gibt Nazi-Raubkunst aus Museum zurück – fragwürdige Vergangenheit des Kulturreferenten

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Von: Stefan Aigner

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Walter Boll, langjähriger Museumsdirektor in Regensburg
Walter Boll 1970 mit der Skulptur, die ihm zu Ehren im Historischen Museum aufgestellt wurde – und dort bis heute steht. © Stadt Regensburg

Die Stadt Regensburg gibt unter anderem ein Gemälde von Fürst Thurn & Taxis an eine Freimaurer-Loge zurück, dass der damalige Museumsdirektor Walter Boll während der NS-Zeit der Stadt einverleibt hatte.

Regensburg – Hat der langjährige Regensburger Kulturdezernent, Museumsdirektor, Stadtarchivar, Ehrenbürger, NS-Kreiskulturwart und Nazi-Karrierist Walter Boll tatsächlich „im Jahr 1943 einen Juden in einem steinernen Sarg in der Minoritenkirche vor der Gestapo versteckt und ihm so das Leben gerettet“?

Fragwürdige Geschichte des früheren Kulturreferenten auf dem Prüfstand

Das würde der Regensburger Stadtrat Jakob Friedl (Liste Ribisl) gerne wissen. Beim Stöbern in den Protokollen früherer Stadtratssitzung ist Friedl diese Geschichte aufgefallen, die der frühere Kulturreferent Klemens Unger anlässlich einer Debatte zur Provenienzforschung an den Museen in Regensburg 2017 zum Besten gegeben hat. Ohne dass es dazu irgendwelche Nachfragen gegeben hätte.

Doch gibt es dazu belastbare Belege? Um welche Person, die Boll versteckt haben soll, hat es sich gehandelt? In welchem Steinsarg hatte er sie versteckt? Das sind nur einige Fragen, die Friedl nun aufgeklärt wissen möchte. Denn tatsächlich wäre diese Geschichte Ungers eine kleine Sensation.

Stadtrat fordert Aufklärung zu fragwürdiger Erzählung

Weder findet sich dazu etwas in den Entnazifizierungsakten des Spruchkammerverfahrens, bei dem der zunächst als belastet eingestufte Walter Boll ohnehin einige, mittlerweile widerlegte Falschaussagen leistete, um als entlastet eingestuft zu werden. Noch gibt es dazu irgendwelche Erkenntnisse in der bislang veröffentlichten historischen Forschung.

Hat Klemens Unger also dazu exklusive Erkenntnisse, die noch einer Veröffentlichung harren? Oder hat der frühere Kulturreferent, wissentlich oder unwissentlich, den Stadtrat mit einer Entlastungslegende zugunsten Bolls bedient, von denen es so manche gab, um dessen tatsächliche Rolle während der NS-Zeit zu relativieren und zu verschleiern?

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Neuer Kulturreferent will Raubkunst zurückgeben

Der Anlass von Friedls Antrag war eine eigentlich erfreuliche Beschlussvorlage des amtierenden Kulturreferenten Wolfgang Dersch. Demnach wird die Stadt mehreren Kunstobjekten, die unter Bolls Ägide im November 1933 in den Besitz der städtischen Museen gelangten, zurückgeben, sogenannte Raubkunst.

Der Journalist Robert Werner hatte dazu erstmals im Februar 2019 ausführliche Recherchen auf dem Internetportal regensburg-digital.de veröffentlicht.

Nazikarrierist verbreitete Entlastungslegende

Jahrzehntelang war zuvor die Rede davon gewesen, dass Walter Boll als städtischer Konservator wertvollen Besitz der verbotenen und aufgelösten Freimaurerlogen „Drei Schlüssel zur treudeutschen Bruderschaft“ und „Walhalla zum aufgehenden Licht“ (nach dem Krieg entstand daraus die Loge „Drei Schlüssel zum aufgehenden Licht“) vor dem Zugriff der Nazis gerettet und deshalb sogar Probleme mit der Gestapo bekommen habe.

Doch diese Geschichte ist nicht mit den historischen Quellen in Einklang zu bringen. Allerdings sie 1947 wesentlich dazu bei, dass sich Boll in seinem Spruchkammerverfahren als Widerständler darstellen konnte und schließlich als „entlastet“ eingestuft wurde.

Bis heute: Ehrende Büste von Walter Boll im Historischen Museum

Doch tatsächlich arbeitete Boll ganz im Sinne der NS-Behörden – Mitgliederlisten und neuere Dokumente der Freimaurer-Loge gab er ohne weiteres an die Gestapo heraus. Den wertvolleren Teil der Beute behielt er für die städtischen Museen zurück – im Einklang mit NS-Oberbürgermeister Otto Schottenheim.

Es ist nirgendwo dokumentiert, dass Boll jemals Probleme mit der Gestapo bekam. Ungeachtet dessen wurde diese Legende noch 2015 im Rahmen einer Ausstellung im Historischen Museum wiederholt – ohne Bolls Rolle während der NS-Zeit auch nur irgendwie zu problematisieren. Bis heute steht eine Büste von ihm im Museum. Bolls Rolle hingegen wird nicht problematisiert.

Beschlussvorlage für den Stadtrat räumt mit der Entlastungslegende auf

All diese Hintergründe werden in der Vorlage für den Kulturausschuss zwar nicht im Detail erläutert. Allerdings räumt Berichterstatter Wolfgang Dersch mit der zentralen Entlastungslegende von Walter Boll auf, wenn er schreibt, dass dieser in einem Aktenvermerk dokumentiert habe, dass er „in Rücksprache mit seinen vorgesetzten Dienststellen“ handelte, als er die wertvolleren Gegenstände der Freimaurerloge für die Museen behielt.

Die angebliche Widerstandshandlung ist damit auch hier vom Tisch. Es wird klar benannt, dass es sich bei den von Boll vereinnahmten Gegenständen um „nationalsozialistisches Raubgut“ handelt, das restituiert, also zurückgegeben werden müsse.

Die Freimaurerloge hatte Anfang des Jahres einen Antrag auf die Rückgabe von insgesamt sechs Objekten gestellt. Konkret geht es um drei Freimaurer-Briefe, zwei Medaillen sowie ein Porträt, das Fürst Karl Alexander von Thurn & Taxis als Großmeister der Loge zeigt.

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