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Streik am Uniklinikum Regensburg: Pflegekräfte haben „die Schnauze voll“

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Streik am Universitätsklinikum Regensburg
Rund 500 Menschen sind am Universitätsklinikum Regensburg dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di gefolgt und legten für 48 Stunden ihre Arbeit nieder. © Michael Bothner

Beim mittlerweile zweiten bundesweiten Warnstreik von Kranken- und Pflegekräften haben sich am Uniklinikum Regensburg erneut mehrere hundert Menschen beteiligt. Die Arbeitgeberseite sieht bislang keinen Grund, ein Angebot vorzulegen. Man müsse sparen, heißt es.

Regensburg - „Wir haben alle die Schnauze voll.“ Theresa Reiter ist aufgebracht. So wie die rund 500 anderen Pflegekräfte, die am Mittwoch vor dem Haupteingang des Universitätsklinikums Regensburg* ihrem Ärger Luft machen. Trotz eisiger Temperaturen haben sie sich zum mittlerweile zweiten Warnstreik eingefunden. Denn nach wie vor haben die Arbeitgeber in der laufenden Tarifrunde kein Angebot vorgelegt.

Regensburg: Streik, doch die Arbeitgeberseite will kein Angebot vorlegen

Trotz Corona*-Krise, einer steigenden vierten Welle und der damit einhergehenden hohen Belastung der Beschäftigten in den Krankenhäusern scheint die Tarifgemeinschaft der Länder, kurz: TDL, keinen Handlungsbedarf zu sehen. Der TDL-Vorstandsvorsitzende und niedersächsische Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) verweist stattdessen auf die klammen Kassen. „Wenn wir die Lücke schließen und rasch zu ausgeglichenen Haushalten ohne Schulden zurückkehren wollen, dann wird das nur mit strukturellen Einsparungen und Wachstum gelingen.“

Diese Haltung empört nicht nur die betroffenen Beschäftigten im Krankenhausbereich. In Regensburg zeigen sich unter anderem auch Mitglieder der Gewerkschaft IG BAU solidarisch und beteiligen sich an der Demonstration. Es ist der zweite bundesweite Warnstreik, zu dem die Gewerkschaft ver.di aufgerufen hat. Zahlreiche Beschäftigte der Pflege legen ihre Arbeit nun für 48 Stunden nieder.

Pflegekräfte streiken: „Weil wir nicht mehr können“

Einer von ihnen ist Max. „Heute ist kein Arbeitstag. Heute ist Streiktag“, ruft der Krankenpfleger durch das Mikro. Die Forderung nach 300 Euro mehr Lohn für die Pflegebeschäftigten – für die übrigen will ver.di eine Einkommenserhöhung um fünf Prozent, mindestens aber 150 Euro pro Monat bei einer Laufzeit von einem Jahr – seien angesichts der Inflation „eigentlich nichts“. Aber man bekomme nicht einmal das. „In der Verhandlung wird uns jetzt gesagt, es ist eine temporäre Belastung, es gibt eigentlich gar keine Überlastung.“ Das sei ein „Schlag ins Gesicht”. „Heute ist kein Arbeitstag, weil wir nicht mehr können.“

Tagtäglich halte das Krankenhauspersonal den Kopf hin – seit Jahren. Bis zu 30 Patienten während einer Tagschicht versorgen zu müssen, sei keine Seltenheit. „Stellt euch vor in Zimmer 5 klingelt Frau L., die ist ans Bett gefesselt. In Zimmer 24 da klingelt Herr H. Der kam gerade von der OP hoch. In Zimmer 7 klingelt zeitgleich Herr K., der sich schon den ganzen Tag übergibt. Aber ich stehe gerade in Zimmer 12 mit dem Arzt und muss da eine Blutung versorgen.“

So sehe der Alltag an den Krankenhäusern aus, auch am Uniklinikum, erzählt Max. Man streike, „weil kein Patient es verdient hat, in seinem Erbrochenen zu liegen, seinen Ausscheidungen oder in seinem Blut und darauf warten muss, dass ihm jemand hilft“.
Das Wohl der Patienten wird immer wieder herausgestellt am Mittwoch – es sei mit ein Antrieb für den Streik. Vor allem aber gehe es darum, seine Arbeit überhaupt noch machen zu können.

Steigende Corona-Zahlen und Personalengpass am Uniklinikum Regensburg

Die Pressestelle des Unklinikums bestätigt eine aktuell hohe Belastung. Angesichts personeller Engpässe sei man derzeit nicht in der Lage, alle Intensivbetten zu betreiben. Grundsätzlich könne man zwar „in gewissem Umfang flexibel auf einen steigenden Bedarf an Intensivkapazitäten reagieren“, doch: „Die steigenden Zahlen intensivpflichtiger COVID-Patienten verschärfen die Situation aber aktuell.“ Fast sämtliche Intensivbetten seien belegt.

22 Corona-Patienten wurden Anfang der Woche auf der Intensivstation des Uniklinikums behandelt. „COVID-Patienten werden in der Regel mehrere Wochen auf der Intensivstation versorgt, während Non-COVID-Patienten bei uns durchschnittlich nur wenige Tage bis zur Stabilisierung der Vitalparameter liegen.“ Dementsprechend gäbe es nur einen „zögerlichen Abfluss von der Intensivstation“. Das wirke sich auf die gesamte Versorgung aus.

Streik im Pflegebereich: „Corona hat das Problem nur verschärft“

Doch Corona sei nicht das eigentliche Problem und habe die Lage nur verschärft, heißt es vor dem Krankenhaus bei den Streikenden. Schon seit Jahren weise man auf den stetig zunehmenden Personal- und Fachkräftemangel an Krankenhäuser hin. Schon seit Jahren fordere man ein Umdenken der Politik ein. Allerdings vergeblich.

Theresa Reiter, Fachkraft in der Radiologie, vergleicht die Lage mit einem Borkenkäferbefall. Auch der Personalmangel und die zunehmende Belastung für das noch vorhandene Personal würden das Krankenhaus „befallen und es zersetzen“. Maren Meyers, langjährige Fachkrankenschwester am Uniklinikum, spricht von einem „seit vielen Jahren absehbaren Pflegenotstand“. Sie wolle mit den Streiks weder ihren Arbeitgeber diskreditieren, noch ihren Berufsstand in der momentanen Situation schwächen. Allerdings werde die Arbeit von ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen von der Politik seit vielen Jahren nicht ausreichend honoriert, ähnlich wie generell in den Sozialberufen. Darauf müsse man hinweisen.

Pflegekraft bemängelt: Fortbildung macht sich beim Gehalt kaum bemerkbar

Sie selbst liebe ihren Beruf, der auch ohne Corona viel abverlange, doch darauf habe sie sich vor vielen Jahren bewusst eingelassen. Der Dank der Patienten sei „Gold für die Seele“ und motiviere immer wieder aufs neue. In ihrem Umfeld dürfe sie sich hingegen oftmals anhören, warum sie denn jammere. „Das hätte mir doch klar sein müssen, als ich einen sozialen Beruf ergriffen habe.“

Umfangreiche Aus- und Fortbildungen, so Meyer weiter, würden sich auf dem Gehaltszettel kaum bemerkbar machen. Fünf Jahre hochqualifizierte Ausbildung für „gerade 100 Euro mehr Brutto im Monat“, dafür würden Meister bei BMW und Audi „wahrscheinlich noch nicht mal aufstehen“. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Es ist kaum vorstellbar: Ein Mann aus Niederbayern wartet seit Tagen auf seine vielleicht rettende Krebs-OP, doch die Klinik hat keine Kapazitäten mehr - nicht nur wegen Corona.

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