BOB prallt auf Rotwild

Elf Stunden Todeskampf

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Er setzte den Gnadenschuss: Christian Millauer beim Abtransport von einer der beiden überfahrenen Hirschkälber.

Bayrischzell - Ein BOB-Zug ist am Donnerstagabend in eine Rotwildherde gefahren. Der Jäger erfuhr erst am Freitagmorgen davon. Als er an die Unfallstelle kam, waren zwei Hirschkühe noch am Leben. Niemand will schuld gewesen sein.

Auf das Bild, das Berufsjäger Christian Millauer am Freitagmorgen gegen 7 Uhr an der Bahntrasse zwischen Geitau und Osterhofen erwartete, war er nicht vorbereitet. Ein totes Reh müsse abtransportiert werden, hieß es in dem Anruf von der Bundespolizeiinspektion Rosenheim.

Tatsächlich fand Millauer insgesamt vier angefahrene Tiere. Zuerst ein Hirschkalb. Es war bereits verendet. Dann, einige Meter weiter, eine Hirschkuh. Sie war nicht tot. Ihr Kreuz war gebrochen. Immer wieder und wieder versuchte das Tier aufzustehen und sich von der Unfallstelle wegzuschleppen. Aber die Hinterläufe waren gelähmt. Millauer: „Das Wild hat den Impuls wegzulaufen, das versucht es so lange es kann. Egal wie furchtbar die Schmerzen sind.“ Einige Meter hatte es die Hirschkuh von den Gleisen weggeschafft. 50 Meter weiter – nochmal das selbe Bild: Ein totes Kalb und eine sterbende Mutter.

„Das kann nicht erst am Morgen passiert sein“, da ist sich Millauer sicher. Die Kadaver der toten Kälber waren schon kalt. Gegen 1 Uhr, vermutet der Jäger.

Nach Informationen unserer Zeitung passierte der Unfall weitaus früher. Am Donnerstagabend um 19.41 Uhr ging die Meldung bei der Fahrdienstleitung der zuständigen DB-Netzagentur ein. Elf Stunden dauerte der Todeskampf der beiden Hirschkühe. Dann erst konnte Jäger Millauer den erlösenden Fangschuss setzen.

Eine Hirschkuh wiegt rund 120 Kilo und ist um die 1,40 Meter hoch. „Ich verstehe das nicht“, sagt Millauer in einem fast verzweifelten Ton. „So einen Aufprall muss der Lokführer spüren.“ Auch blieben die Tiere, wenn angeleuchtet, wie erstarrt stehen. „So eine Herde sieht man doch.“ Der Kreisvorsitzende des Bayerischen Jagdverbandes, Martin Weinzierl, geht noch weiter: Es sei zu überlegen, ob man den Lokführer nicht wegen Tierquälerei anklage, sagt er.

Laut Arno Beugel, Qualitätsmanager der Bayerischen Oberlandbahn, hat sein Lokführer den Unfall sofort nach dem Zusammenstoß an den DB-Fahrdienstleiter gemeldet: „Das Problem muss bei der Kommikation zwischen der DB-Netz und weiteren Stellen gelegen haben.“

Ein Sprecher der Deutschen Bahn zeichnet ein anders Bild. Ihm zufolge habe der Fahrdienstleiter folgende Mitteilung erhalten: „Neben dem Gleis liegt ein Reh. Weder Fahrzeug noch Strecke beeinträchtigt.“ Damit, so der DB-Sprecher, ergebe sich für die Bahn kein akuter Handlungsbedarf. „Im Normalfall kümmert sich jemand nächsten Morgen darum.“

Christian Millauer kümmerte sich darum. Laut Bundespolizei-Sprecherin Jeannine Geißler ging am Freitag um 6.20 Uhr dann doch ein Notruf ein. Die Meldung kam mutmaßlich von dem ersten Morgenzug der BOB – elf Stunden nach dem Unfall.

Klaus-Maria Mehr

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