Warum eine Frau lieber im Wald als in ihrem Reihenhaus leben will

„Suche gemütliche Höhle zum Wohnen“

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Birgit Stöcker will lieber in einer Höhle als in einem Haus wohnen. Denn sie reagiert nach eigenen Angaben körperlich auf Elektrostrahlen.

Zorneding - Seit 30 Jahren wohnt Birgit Stöcker in ihrem Reihenhaus in Zorneding, jetzt ist es endlich abbezahlt, sagt sie.

Dennoch hat sich die 64-Jährige bereits nach einer neuen Bleibe umgeschaut. Sie interessiert sich für Bunker, Höhlen und Bergwerksstollen.

Allerdings hat die Frau, die laut eigener Angabe körperlich auf Elektrostrahlen reagiert, bisher noch nichts Passendes gefunden. Bergwerksstollen sind zu kalt, Höhlen dürfen nicht bewohnt werden, weil der Brandschutz nicht gewährleistet ist. Gemütliche Bunker sind schwer zu finden. Birgit Stöcker muss weitersuchen – stetig verfolgt vom Elektrosmog, dem sie ausgeliefert ist. In ganz Bayern hat sie bereits „wie durch ein Sieb“ nach unbelasteten Flecken gesucht. Ohne Erfolg, das ganze Bundesland ist inzwischen elektronisch verseucht, weiß die Frau.

Um den Handystrahlen, den Radarsignalen wenigstens teilweise zu entkommen, hat sich die erste Vorsitzende des „Vereins für Elektrosensible“ im winzigen Keller ihres Hauses eingenistet. Die restlichen Stockwerke kann sie nicht bewohnen, sagt sie. Die Schnurlos-Telefone der Nachbarn und die Radarimpulse aus dem Weltall strahlten durch die Wände direkt in den Schädel, sagt die promovierten Politologin. „Alle zwölf Sekunden hacken die Radarimpulse ins Gehirn.“ Selbst der Keller bietet ihr keinen Schutz, er lindere lediglich ihre Leiden.

Durch die Stadt sei sie schon seit Jahren nicht mehr spaziert, erklärt sie. Das sei ganz unmöglich. Vor lauter Elektrosmog könne sie sich kaum bewegen. „Nur noch breitbeinig wie ein Seemann laufe ich dann, außerdem holpert das Herz“, beschreibt die 64-Jährige ihre Symptome.

Stöcker glaubt, dass die Gefahren, die von jenen Strahlungen ausgehen, vom Staat in Kooperation mit der Wirtschaft heruntergespielt werden – aus ökonomischen Interessen. „Und das, obwohl Elektrosmog nicht eingebildet ist, schließlich kann man ihn messen.“

Mit ihrem über 300-seitigem, engbedruckten Buch „Elektrosmog – eine reale Gefahr“ will sie wachrütteln. Darin werden Studien zitiert, Erfahrungsberichte und Versuche einer natürlichen Behandlung von Betroffenen geschildert: Gegen Haushaltsstrom helfe wegen des Chinins demnach Tonic Water, gegen UMTS Klosterfrau Melissengeist („innerlich und äußerlich“), gegen digitales Fernsehen Coca-Cola („eventuell 1:4 mit Wasser verdünnt“).

Für die Zornedinger kann das aber nicht die Lösung sein. „Betroffen sind wir schließlich alle. Gesunde kenne ich eigentlich keine mehr“, erklärt sie. „Aber wie man in Bayern sagt: A Guada hält’s aus.“ Akut betroffen sind laut Studien in ihrem Buch bis zu 13 Prozent aller Menschen. Tendenz steigend, stark steigend.

Es sei zwar eine faszinierende Technik, räumt Stöcker ein, dennoch plädiert sie für drastische Maßnahmen: beispielsweise das Verbot von Handys für unter 18-Jährige. Außerdem stellt sich die Frage, ob wir so eine Technik, „so ein Schnickschnack wie UMTS“, mit dem man Bildchen von Handy zu Handy schicken kann, brauchen. Sie fordert die Bundesregierung auf, „national und für die Menschheit“ in diesen Fragen Vorreiter zu sein. Denn Stöcker befürchtet das Schlimmste: „In Zukunft werden die 80-Jährigen die 40-Jährigen pflegen müssen – und nicht umgekehrt.“ Die heutige, junge Generation ist so verstrahlt, gesundheitliche Schäden sind nahezu unvermeidlich. Allerdings wolle sie niemanden verrückt machen. Zumal es noch viel Ärger geben wird. Tetra-Sender, die deutschlandweit gerade flächendeckend für Polizei- und Feuerwehrnetze aufgebaut würden, „werden von elektrosensiblen Menschen 100-mal so schlimm empfunden wie Mobilfunk“, erklärt Stöcker, für die die Zukunft offenbar nichts Gutes verspricht. Außer noch mehr Strahlen, außer noch mehr Elektrosmog.

Die Nachfrage nach Höhlen, Bergwerken und Bunkern dürfte demnächst ansteigen. Die Preise auch. Birgit Stöcker muss sich bei ihrem geplanten Umzug also beeilen.

Stefan Sessler

Quelle: tz

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