Verschollene Weihnachtskrippe

Die Suche nach der Heiligen Familie

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Bilder als einzige Erinnerung: Otto Bieler sucht seine Krippe, die er seit 67 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Bad Rodach/München - 67 Jahre ist es her, dass Otto Bieler seine Krippe zuletzt gesehen hat. Seit Jahren sucht der 84-Jährige verzweifelt nach Hinweisen auf ihren Verbleib. Die letzte Spur verliert sich in München.

Die neugierig geöffneten Augen des jungen Hirten – fast so, als wolle auch er einen Blick auf das Kind in der Krippe erhaschen. Der tief andächtige Ausdruck des älteren Schafhüters. Das weiche, mütterliche Gesicht von Maria. „Einfach beeindruckend“, sagt Otto Bieler. Wenn der 84-Jährige über seine Krippe spricht, gerät er ins Schwärmen. „Diese wunderbaren Gesichtszüge“, sagt er. Es ist die schönste Krippe, die er je gesehen hat. Immer wieder lässt der pensionierte Gartenbauingenieur seine Finger behutsam über die verblassten Schwarz-Weiß-Fotos in seinem Familienalbum gleiten. Fast so, als wolle er die Gipsfiguren der Heiligen Familie und der Hirten liebevoll streicheln.

Einzigartiges Stück: Bielers Krippe im Jahr 1956.

Dort, auf der Seite von Weihnachten 1956, zwischen alten Eintrittskarten für das Berliner Filmcasino, hat Bieler sie eingeklebt. Die einzigen Bilder von seiner geliebten Krippe. Nur mit Mühe lässt sich erahnen, wie aufwendig sie gestaltet ist. Doch Otto Bieler hat sie so deutlich vor Augen, als hätte er sie gestern noch gesehen. In Wahrheit ist es 67 Jahre her.

Bieler war 17 Jahre alt, als er das letzte gemeinsame Weihnachtsfest mit seinen Eltern in Jena feierte. Danach floh er in den Westen, zurück in seinen Geburtsort Mönchröden (Kreis Coburg). Heute wohnt er in Bad Rodach, nur wenige Kilometer entfernt. Doch wo seine Krippe ist, weiß er nicht. Dafür kennt er ihre bewegte Geschichte sehr genau.

Alles begann in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Bielers Vater war gerade von der Front zurückgekehrt. „Als abgehalfterter Offizier war er nicht gerade betucht“, erzählt der 84-Jährige. Trotzdem habe er begonnen, die Figuren für seine ganz besondere Krippe zusammenzutragen. Stück für Stück, denn Maria, Josef, die Hirten und das Jesuskind stammten aus den Händen von Ruth Schaumann – einer Künstlerin, die als Jüdin zum Christentum konvertiert war. „Alle auf einmal hätte er sich gar nicht leisten können“, sagt Bieler. Den Moment, als sein Vater die Heilige Familie zum ersten Mal unter dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer aufstellte, hat Bieler über all die Jahre nicht vergessen. Schon als Jugendlicher war er fasziniert von der detailgetreu ausgearbeiteten Mimik der gut 30 Zentimeter hohen Figuren und ihren farbigen Kleidern aus Filz. Und er wollte ihnen ein würdiges Zuhause schaffen. Mit der Holzwolle einer alten Weinflaschenhülle bedeckte er das Dach des Stalls, die kleine Laterne bastelte er aus Butterbrotpapier. „Was anderes hatten wir damals ja nicht“, sagt der 84-Jährige.

Die Krippe blieb noch bis 1955 in der DDR, dann zogen Bielers Vater und dessen zweite Frau in die Nähe von Hannover, wo sie nur wenige Jahre später starben. Seine Halbschwester Gerta von Stein nahm die Figuren und den Stall mit nach München-Bogenhausen. „Die anderen Geschwister hatten wahrscheinlich keinen Platz dafür“, vermutet Bieler heute. Er selbst lebte zu dieser Zeit in Stuttgart und besuchte seine Schwester ab und zu – „leider nie zur Weihnachtszeit“. Als diese 1981 ihrem plötzlich auftretenden Krebsleiden erlag, verlor Bieler den Kontakt zu seinen Geschwistern. Und damit auch die letzte Verbindung zu seiner Krippe. Die Jahre gingen ins Land, Bieler und seine Frau Brigitte hatten sich inzwischen eine modernere Krippe aus Holz gekauft. „Wir mögen sie ja auch, aber es ist nicht dasselbe“, sagt er traurig.

Perfektes Ensemble: Christbaum und Krippe anno 1956.

Vor gut zehn Jahren hielt er es dann nicht mehr aus. Er wollte wissen, was aus seiner Krippe geworden war. Weil er vermutete, dass sie seine Schwester zu Lebzeiten verliehen haben könnte, konzentrierte er seine Suche auf München. Er schrieb Briefe, viele Briefe. Einen ganzen Ordner voll. An den paritätischen Wohlfahrtsverband, an Museen und an die Verwaltung des Münchner Ostfriedhofs. „Über ihre Tätigkeit bei der Telefonseelsorge pflegte meine Schwester einen engen Kontakt zu einem Pfarrer, der auch die Trauerrede auf sie gehalten hat“, erklärt Bieler. Die Antworten, sofern sie ihn überhaupt erreichten, brachten ihn keinen Schritt weiter. „Datenschutz“, lautete die Antwort der Friedhofsverwaltung.

Dann kam noch das Schicksal dazu: Als Bieler nach Jahren wieder Kontakt zu seiner Nichte bekam, wollte er sie fragen, ob sie etwas über den Verbleib der Krippe in Erfahrung bringen könnte. Doch bevor es dazu kam, starb diese unerwartet bei einer Reise nach Afrika. Bieler war verzweifelt. Trotzdem: Aufgeben will er nicht. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als seine Krippe noch einmal bestaunen zu dürfen. „Aber viel Zeit habe ich nicht mehr“, sagt er. „Ich bin ja schon 84.“

Deshalb hat er sich nun entschlossen, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. „Vielleicht weiß ja doch jemand etwas“, hofft er. Und wenn er seine Krippe tatsächlich wieder finden würde? „Dann würde ich sie meiner Tochter schenken“, sagt Bieler. Doch zuerst würde er sie selbst noch einmal aufstellen. Am Heiligen Abend, unter dem Christbaum in seinem Wohnzimmer. Es wäre das schönste Weihnachtsgeschenk seines Lebens.

Hinweise zur Krippe nimmt der Münchner Merkur für Otto Bieler unter  089/5306-467 oder per E-Mail unter bayern@merkur.de entgegen.

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