5566 Jugendliche

Immer mehr Teenies saufen sich ins Koma

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Der Griff zur Flasche ist bayernweit eines der größten Jugendprobleme. Die Zahlen sind hoch

München - Sie saufen bis zur Ohmacht – und sie werden immer mehr! In München haben jugendliche Koma-Trinker einen traurigen Rekord geknackt.

423 Mädchen und Buben zwischen zehn und 20 Jahren kamen 2012 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus – so viele wie noch nie! Das geht aus einer Statistik der Krankenkasse DAK hervor. Zum Vergleich: 2001 gab es 202 Fälle, also weniger als die Hälfte. Bayernweit sieht es noch schlimmer aus: 5566 Jugendliche landeten in der Notaufnahme. Das sind 3200 Patienten mehr als 2001 – eine Steigerung um 135 Prozent! Und: Immer mehr Mädchen saufen sich ins Koma. Waren es 2001 in Bayern noch 842, sind es inzwischen 2120.

Immerhin: Im Jahresvergleich verzeichnet die DAK Bayern einen minimalen Rückgang um 1,5 Prozent. „Das ist erst einmal ein schönes Ergebnis“, sagt Sprecher Stefan Wandel. „Aber man darf es nicht blauäugig sehen. Wenn man sich die negativen Entwicklungen der vergangenen Jahre anschaut, ist das noch keine Trendwende.“ Denn es gibt starke Schwankungen in den Landkreisen. Die Krankenkasse setzt deshalb weiter auf Aufklärung: Zum fünften Mal lädt die DAK rund 2000 bayerische Schulen zur Kampagne „bunt statt blau – Kunst gegen Komasaufen“ ein.

"Mädchen halten sich nicht zurück"

Michael Schoenberg, Ärztlicher Direktor am Rotkreuzklinikum

Immer mehr junge Komatrinker in der Münchner Region – die Ergebnisse der DAK-Statistik überraschen Professor Michael Schoenberg, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Chirurgie am Rotkreuzklinikum München, nicht. „Das deckt sich mit unserer Erfahrung. Fast jedes Wochenende werden bei uns betrunkene Jugendliche eingeliefert – die meisten sind kaum ansprechbar, manche bewusstlos.“ Besonders viele kommen während der Wiesn oder an Silvester. Doch auch die Nähe zu den Discos in der Innenstadt beschert dem Notdienst unruhige Nächte am Wochenende. Dabei kämen die Patienten aus allen sozialen Schichten. „Gelegentlich bringen Eltern ihre Kinder zu uns, weil sie sich Sorgen machen“, sagt Schoenberg.

Im Krankenhaus am Rotkreuzplatz gibt es einen eigenen Ausnüchterungsraum für stark Alkoholisierte, mit Matratzen auf dem Boden – falls einer aus dem Bett fällt. In der Regel bleiben die Patienten 24 Stunden in der Klinik. „Die haben dann einen ordentlichen Kater, schämen sich und wollen nach Hause“, sagt Schoenberg.

Ein Ergebnis der DAK-Statistik, die auch dem Mediziner auffällt: Immer mehr Mädchen werden mit einer Alkoholvergiftung eingeliefert. „Das war früher nicht so, Mädchen waren da immer zurückhaltender. Viele unserer Patienten haben Liebeskummer und haben sich deshalb bis zur Bewusstlosigkeit betrunken.“

Den Schmerz wegsaufen, das ist nur ein Grund für die stete Zunahme der jugendlichen Komatrinker. „Die Hemmschwelle hat abgenommen. Und dann kommt noch dieses unsägliche Vorglühen dazu, um locker für die Party zu sein“, sagt Schoenberg. Weil daheim bechern so günstig ist, gehöre Partymachen bei vielen zum Wochenende dazu. Statt Bier würden viele harte Schnäpse und Mischgetränke kaufen, bei denen die Wirkung des Alkohols nicht einzuschätzen ist.

Dass sie einiges gewöhnt sind, merkt Schoenberg bei den Betrunkenen in der Notaufnahme. „Die Alkohol-Werte sind krass.“ Über zwei Promille kämen oft vor. „Dass es jungen Menschen gelingt, so viel Alkohol zu sich zu nehmen und dabei trotzdem noch zu funktionieren, das ist schon erstaunlich.“

So sieht’s deutschlandweit aus

In der Bundesrepublik gibt es mehr junge Komatrinker: 26 673 Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren sind 2012 wegen akuten Alkoholmissbrauchs in einem Krankenhaus behandelt worden – so viele wie nie seit Beginn der Erhebung im Jahr 2000. Das teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Im Vergleich zu 2011 sind das 1,2 Prozent mehr. Drei Viertel der betroffenen Jugendlichen waren noch minderjährig – drei Prozentpunkte mehr als 2011. Vor allem Jugendliche in den östlichen Bundesländern gehen besonders leichtfertig mit dem Rauschmittel um. Zudem wurden immer mehr stockbetrunkene Mädchen und junge Frauen in eine Klinik gebracht.

Isabel Steffens

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