Hier wurde Schulbub Mikka (9) totgefahren

Tempolimit für Kröten, aber nicht für Kinder

Tempo 60: Wenn die Kröten wandern, ist eine Geschwindigkeitsbeschränkung möglich. Links auf dem Foto sehen Sie die Gedenkstätte, die an den Unfall mit dem kleinen Mikka erinnert.

Schonstett - Vor wenigen Monaten wurde bei Schonstett ein Bub totgefahren. Jetzt steht an dieser Stelle ein Schild mit einer Tempobeschränkung. Unfassbar: Der Grund ist die Krötenwanderung, nicht der Unfall.

Der neunjährige Mikka starb im November 2014 an einer Bushaltestelle an der Staatsstraße 2092 bei Schonstett, als er auf dem Weg zum Schulbus die Straße überqueren wollte. Seit kurzem ist – just gegenüber der Gedenkstelle für den toten Buben – ein Schild aufgestellt. Darauf ein Warnhinweis für Autofahrer wegen Krötenwanderung, darunter: die Tempobeschränkung auf 60.

„Für uns Eltern ist es wie ein Hohn“, erklärte Sibylle H., die Mutter des getöteten Buben, gegenüber dem OVB. Sie und ihr Mann hatten sich schon vor dem tragischen Unfall vehement für eine Tempobeschränkung an der Bushaltestelle eingesetzt. Sibylle H. kann nicht verstehen, „warum jetzt so ein Schild für Tiere aufgestellt werden kann, für Kinder aber nicht“. Frank Ruckdäschl, Abteilungsleiter in der Abteilung Straßenbau des Staatlichen Bauamtes Rosenheim, trägt die Verantwortung nicht, ihm ist die Situation hörbar unangenehm. Er erklärt, dass das Staatliche Bauamt die Schilder auf Anforderung hingestellt habe. Es gebe eine jahrzehntealte Grundsatzentscheidung – so alt, dass er noch nicht einmal wisse, wer sie traf – nach der an bekannten Krötenwanderungsstellen für einige Wochen eine Beschränkung auf 60 Kilometer pro Stunde aufgestellt wird. Denn dort sammelten Freiwillige von Umweltorganisationen die Tiere ein, bewegten sich dabei auch auf der Straße.

Dass bei Schonstett die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 wegen der Helfer, nicht wegen der Tiere aufgestellt worden sei, sagt auch Michael Fischer, Sprecher des Landratsamtes Rosenheim. Er bestätigt, dass sich die Gemeinden Schonstett, Griesstätt und Eiselfing an das Landratsamt gewandt hätten mit der Anfrage, rund um alle Bushaltestellen generell eine Beschränkung auf 60 Kilometer pro Stunde einzuführen. Da auf Landkreisebene nur Einzelfallentscheidungen möglich seien, sei diese Anfrage an die Regierung von Oberbayern weitergeleitet worden.

Von dort kam Anfang Januar eine Ablehnung. Die Regierung von Oberbayern verwies auf die bestehenden Regelungen wie die besonderen Vor- und Rücksichtnahmegebote für Autofahrer gegenüber Kindern und Schülern, auf die Sorgfaltspflicht des Fußgängers und auf die Aufsichtspflicht der Eltern. Es gebe folglich keine gesetzliche Grundlage für eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 60 an Bushaltestellen an Landstraßen. „Und damit fehlt uns, dem Landratsamt, auch für eine Einzelfallentscheidung die Handhabe“, so Fischer.

Für Sibylle H. kaum nachzuvollziehen. „Es ist schon hart, wenn man überlegt, dass eine Kröte langfristig mehr Sicherheit verdient als die Kinder.“ Sie steht mit dieser Meinung offenbar nicht alleine da: Das Krötenschild wurde schon aus dem Boden herausgerissen – mittlerweile steht es wieder. Die Familie von Mikka hat indes weiter mit den Folgen des tragischen Novembertages zu kämpfen. Der Bruder müsse immer noch mit dem Auto in die Schule gefahren werden, auch die strafrechtliche Aufarbeitung des Unglücksfalls dauert an.

Auf ein Stück mehr Sicherheit auf dem Schulweg können sich immerhin die Kinder verlassen. Wenige Tage nach dem tödlichen Unfall wurde die Haltestelle von der Staatsstraße in ein Wohngebiet in den Ortsteil Au verlegt. Jetzt hält der Bus in einem Wohngebiet, wo Tempo 30 gilt.

Sylvia Hampel/Markus Salzeder

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Kommentare

UlliSteinAntwort
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Ja, genau zu denen gehöre ich. Autobahnen sind nicht wegen der Tempolimits sicherer, sondern umgekehrt: Die Tempolimits sind da, wo Autobahnen nicht so sicher sind wie woanders. So gefährlich wie Landstraßen, mit dem Querverkehr, mit den vielen ungesicherten Kreuzungen, mit dem Gegenverkehr usw usf. sind sie allerdings nirgends. So bald die Autobahn nach Lindau fertig war, sind die schweren Unfälle dort deutlich zurück gegangen. Zufall?
Den Zusammenhang zwischen Autobahnbau und Naturschutzaktivitäten hat Anglia sauber heraus gearbeitet. Hier wird in manchen Fällen nicht ordentlich gewichtet.

EberhardAntwort
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Du glaubst also, dass die Autobahn nicht gebaut wird, weil wegen dem Krötenschutz nicht genug Geld da ist?
Ich behaupte, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.

Ich glaube übrigens, dass sich DD auf anglias ersten Satz bezogen hat:

"Wegen ein paar Fledermäusen oder Lurchschwanzolmkröten wird ein Mords-Gschiß gemacht. Wenn dafür hunderte auf Landstrassen wegen solchen Naturschutz-Prozeßhanseln tödlich oder schwerstverletzt verunglücken interessiert das niemanden."

Deswegen wohl die Frage: Warum sollen Menschen verunglücken, weil die Kröten geschützt werden?

Ausserdem ist noch lange nicht gesagt, dass zusätzliche Autobahnen zu weniger Unfällen auf den Landstrassen führen. Die gefährlichen Stellen werden dadurch nämlich gar nicht entlastet. Oder willst du jedem eine Autobahn bis vor die Haustür bauen?

Die Unfallzahlen sind auf den Autobahnen vor allem wegen der vielen Tempolimits rückläufig. Tempolimits sind nun mal das wirksamste Mittel gegen schwere Unfälle.

Jetzt bin ich mal gespannt, ob du auch zu denen gehörst, die Tempolimits ablehnen und gleichzeitig behaupten, sie wollen die Autobahn, weil es sicherer ist.

UlliSteinAntwort
(1)(0)

Weil Bundesstraßen immer gefährlicher sind als Autobahnen, die Unfallzahlen sind da eindeutig.