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Meine Mission in Berlin - Nürnbergerin Tessa Ganserer sitzt als erste transidente Frau im Bundestag

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Von: Johannes Welte

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Landtagsabgeordnete Tessa Ganserer (Grüne)
Tessa Ganserer (Grüne) ist Teil des neuen Bundestags. © Daniel Karmann/dpa/Archivbild

Tessa Ganserer aus Nürnberg ist eine der ersten beiden transidenten Frauen im Bundestag. So erlebt sie ihren neuen Alltag.

Nürnberg - Die Überraschung war groß, als sich Tessa Ganserer (44) im Januar 2019 im Landtag outete: Sie war ihren Kollegen als Grünen-Abgeordneter bekannt, als sie erklärte: „Ich bin eine Frau!“ Jetzt sitzt die Nürnbergerin als eine der beiden ersten transidenten Frauen im Bundestag.

Im April nominiert, dann Wahlkampf, Wahl, Koalitionsverhandlungen, die konstituierende Sitzung und jetzt die Ausschüsse. Ganserer muss erst einmal Luft holen, wenn man sie fragt, wie sie in Berlin angekommen ist. „Ich musste ja auch noch mein Büro in München auflösen.“ Für Wohnungssuche blieb bislang noch keine Zeit, Ganserer schläft im Hotel. „Viele Abgeordnete bleiben auch im Hotel. Für mich ist das aber nichts, ich will irgendwann einmal in meinen eigenen vier Wänden ankommen.“

Tessa Ganserer: „Alle Abgeordneten aller demokratischen Fraktionen sind kollegial“

Die Woche beginnt früh um halb sieben, wenn sie in Nürnberg die U-Bahn zum Hauptbahnhof nimmt und dann in den ICE nach Berlin steigt. „Da bin ich zur ersten Fraktionssitzung da.“ Sie fährt gerne mit der Bahn. „Da gibt es keine Alternative für mich, das geht dank der ICE-Neubaustrecke schnell und außerdem kann ich im Zug Unterlagen durcharbeiten.“

Was der Unterschied zwischen dem Münchner Landtag und Berliner Bundestag ist? Ganserer: „Das Parlament ist viel größer, statt 208 sind es 736 Abgeordnete. Ich habe hier ein größeres Arbeitspensum, die Taktzahl ist höher.“

Wie reagieren die Kollegen auf sie als erste transidentische Abgeordnete? Ganserer: „Alle Abgeordneten aller demokratischen Fraktionen sind kollegial.“ War das in Bayern nach ihrem Coming-Out im Landtag auch so? „Ich habe kein einziges böses Wort persönlich gehört“, so Ganserer. „Was einzelne Abgeordnete der AfD nicht daran gehindert hat, in den sozialen Medien Häme und Spott über mich zu verbreiten, und als Partei als Ganzes lassen sie keine Gelegenheit aus, allgemein gegen queere Menschen zu hetzen.“

„Ich möchte das jetzige verfassungswidrige Transsexuellengesetz abschaffem“

Inwieweit spielt ihre persönliche Transition eine Rolle für ihre politische Arbeit? Ganserer: „Ich möchte das jetzige verfassungswidrige Transsexuellengesetz abschaffen, die bisherigen psychologischen Zwangsbegutachtungen müssen endlich aufhören.“ Sie selbst hat sich bislang geweigert, die Prozedur zu durchlaufen. Darum gilt sie rechtlich noch als Mann, weshalb ihr abgelegter Männername neben ihrem selbst gewählten Vornamen Tessa in Klammern auf den Wahlzetteln für den Bundestag stand.

Ganserer: „Ich möchte mich nicht vor einen Richter stellen, um mir intimste persönliche Fragen zu meinen frühkindlichen Erlebnissen, meinen sexuellen Präferenzen und Partnerinnen gefallen zu lassen, damit er für den Staat entscheiden kann, dass ich die Frau bin, die ich schon immer war.“ Stattdessen solle es ein Selbstbestimmungsgesetz geben, die Änderung des Geschlechtseintrags wäre künftig beim Standesamt per Selbstauskunft möglich. Auch das Blutspendeverbot für Homosexuelle soll weg.

Bei all dem Stress hat Ganserer noch einen Wunsch für Berlin: „Ich wünsche mir, auch einmal ein Wochenende hier verbringen zu können.“ Johannes Welte

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