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So tickt die Russen-Mafia in Bayern

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Tätowierung als Zeichen von Prestige und Rang: Windrosen wie auf den Schultern des Mannes  zeugen von einer hohen Hierarchiestufe.

München - Sie gilt als brutal, skrupellos und wenig durchschaubar: Die tz hat sich auf Spurensuche gemacht – und einige interessante Details über die Russen-Mafia herausgefunden.

Die Verhandlungen laufen meist unter hohen Sicherheitsvorkehrungen. So auch am Dienstag am Landgericht München beim Auftakt zum Prozess gegen den Russenmafia-Boss Otar K. (47). Russischsprachige Banden gelten als straff organisiert und als besonders brutal: Wer etwas verrät, wird gequält oder ermordet. Auch deshalb fällt es Experten schwer, ihr Leben, ihre Regeln und ihre Rituale aufzudecken. Die tz hat sich auf Spurensuche gemacht – und einige interessante Details über die Russen-Mafia herausgefunden:

Kommandozentrale München: Der letzte große Coup gelang den Fahndern 1999: Da ging ihnen der gefürchtete Pate und Auftragsmörder Alexander Bor am Münchner Flughafen ins Netz. Der Oberboss, der von Moskau aus die Fäden zog, wurde 2004 in Stadelheim wegen Totschlags zu 13 Jahren Haft verurteilt, 2006 aber nach Russland abgeschoben. Experten vermuten, dass er von dort aus weiterhin bayerische Banden kontrolliert.

Laut Mario Huber, Sachgebietsleiter organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt (LKA), habe man keine Kenntnis davon, dass sich derzeit solch hochrangige Bosse in Bayern aufhalten. Kleinere Fische tauchen aber immer wieder auf. 2009 etwa standen drei 21 bis 25 Jahre alte Männer wegen Rauschgifthandels, Schutzgelderpressung und Falschgeld vor dem Landgericht München I. Sie sollen Statthalter für bayerische Regionen gewesen sein und Kontakte zu Bor gehabt haben. „Bayern ist kein weißer Fleck auf der Karte, die Strukturen sind vorhanden.“ Auch die Justizvollzugsanstalt Stadelheim sei eingebunden.

Ihr Leben: Laut Rolf Basedow, Drehbuchautor der Erfolgsfernsehsserie Im Angesicht des Verbrechens über die Russen-Mafia, der zwei Jahre lang im Milieu recherchiert hat, würden die Kriminellen hier oft in Restaurants oder Import-Export-Geschäften arbeiten. „Das Wichtigste ist für sie eine Möglichkeit der Geldwäsche etwa über Immobilienhandel und ein sicherer Transportweg für Rauschgift – zum Beispiel als Möbeltransport getarnt.“ Die Familie sei russischen Gangs sehr wichtig. „Einmal war ich mit drei Banditen alleine im Wald spazieren, eine Autorität hat mir lange und herzlich über ihre Jugend in Moldawien erzählt. Manchmal sind diese Banditen außen wie Geschosse und innen wie Blumen“, berichtet Basedow. Zu ihrem Alltag gehören exzessive Feste: „Sie wissen, dass ihr Leben jederzeit vorbei sein kann, und genießen es deshalb in vollen Zügen. Manche Feste gehen über drei Tage, zwischen den Trinkgelagen wird nur ein paar Stunden geschlafen.“

Gewalt in deutschen Gefängnissen ist Alltag

Aufstieg im bayerischen Gefängnis: Das LKA hat eine Studie über die sogenannte russischsprachige organisierte Kriminalität in bayerischen Justizvollzugsanstalten verfasst, etwa 350 relevante Köpfe hätten dort ausgemacht werden können. Das Ergebnis: „Es kommt vor, dass Straftaten in unseren Gefängnissen geplant und angeordnet werden“, sagt LKA-Experte Huber. „Es ist einzigartig, dass kriminelle Karrieren bei ihnen durch Gefängnisaufenthalte nicht unterbrochen werden – im Gegenteil: Sie können einen Karriere­sprung ermöglichen.“ Es gebe regen Informationsaustausch innerhalb und außerhalb der Gefängnisse. „Wir haben beispielsweise bei der Prüfung der Besucherdaten festgestellt, dass dieselbe Person an einem Tag in Stadelheim ist, am nächsten Tag in Straubing und so weiter. Die Vermutung des Nachrichtenaustausches liegt nahe.“

Strenge Hierarchie: Auf der obersten Stufe stehen die „Diebe im Gesetz“. Der Begriff stamme laut Huber aus der Stalinzeit, als einfache Diebe im Knast zu Aufsehern über politische Gefangene gemacht wurden und damit quasi das Gesetz im Gefängnis vertraten. Insgesamt gibt es etwa fünf Stufen bis hinunter zu den „Soldaten“, die die Drecksarbeit verrichten. Huber: „Wer aufsteigen will, kann vorgeschlagen werden oder sich selbst vorschlagen, muss aber von fünf Dieben im Gesetz ernannt werden. Das geschieht dann oft auf einem großen Fest in einem Restaurant.“ Aufseher in bayerischen Gefängnissen hätten berichtet, dass niederrangige Gefangene den höher gestellten zum Beispiel die Füße waschen oder Tee servieren würden. Viele sind Mitglieder des mafiösen ­Systems „Heiliger Abschtschjak“ – übersetzt „Sozialkasse“. Untersuchungen des bayerischen Justizministeriums haben laut Augsburger Allgemeine ergeben, dass die Kasse sich aus Schutz- und Strafgeldern von Häftlingen finanziert. Mit den Einnahmen würden der bayerische Drogenhandel finanziert, aber auch Gefängnisbedienstete bestochen und Anwälte bezahlt.

Ihre Regeln: Eine der obersten Regeln lautet: Keine Zusammenarbeit mit Behörden oder Politikern. Huber: „Wir gehen davon aus, dass es in bayerischen Gefängnissen Mafia-Aufseher gibt, die etwa belohnen, wenn ein Gefangener die Arbeit in der JVA verweigert oder bestrafen, wenn jemand einen Kameraden verpfeift.“ Wie weit die Repressalien gehen können, zeigt ein Fall aus der JVA Straubing 2008: Dort hat ein russischsprachiger Gefangener einen anderen erstochen, vermutlich wegen Streitigkeiten um die Gemeinschaftskasse. Die JVA Bielefeld-Brackwede berichtet von verschiedenen Demütigungen: Häftlinge müssen Vogelkot oder Zigarettenreste essen, am Fenster Striptease machen oder den Wecker durch Kuckucksruf spielen. Demnach würden Gefangene auch körperlich gequält – möglichst ohne sichtbare Verletzungen. Auch Verwandte von Gefangenen werden von Insassen erpresst und zur Mitarbeit etwa als Drogenkuriere gezwungen. „Außerhalb der Mauern aber findet eine immer engere Verzahnung mit Polizei, Politik und Wirtschaft statt“, hat Drehbuchautor Basedow beobachtet.

Tätowierungen: In der Sowjet­union der 1930er-Jahre sollen sich Tätowierungen noch als antikommunistische Geste entwickelt haben – auch Diebstahl war ein Zeichen des Widerstands. „Diese Kriminellen haben heute sehr häufig Symbole, die sie nur untereinander verstehen können. Aus vielen lässt sich auch der Rang ablesen“, sagt LKA-Profi Huber. Bekannt sei, dass sich viele „Diebe im Gesetz“ zwei Windrosen tätowieren lassen. „Andere haben eine große orthodoxe Basilika auf dem Rücken – für jeden Gefängnisaufenthalt kommt eine Kuppel dazu.“

nba

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