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Sommerferien, Ukraine-Krieg und Corona: Bayerns Tierheime am Limit – „Voll bis unters Dach“

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Von: Thomas Eldersch

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Die Ferienzeit bedeutet für Tierheime immer eine Mehrbelastung. Aber so schlimm wie in diesem Jahr war es lange nicht mehr. Es droht der Kollaps.

Nürnberg – Die Ferienzeit hat begonnen, der Urlaub ist gebucht, aber wohin mit dem Haustier? Schon vor Corona hieß die Antwort oft Tierheim. Die Pandemie hat die Lage allerdings noch verschärft. Dazu kommen die gestiegenen Kosten durch die Folgen des Ukraine-Kriegs. Auch illegale Welpenhändler und Tiervermittlungsorganisationen aus dem Ausland machen es den Tierheimen in Bayern nicht leicht. Die Prognose für Herbst und Winter ist düster.

Tierheime in Bayern platzen aus allen Nähten

Der Deutsche Tierschutzbund schlägt Alarm. Quer über die Nation verteilt kämpfen Tierheime derzeit mit Überfüllung. In Nürnberg können bereits keine neuen Tiere mehr aufgenommen werden. Etwa 60 Hunde, doppelt so viele Katzen und noch mehr Kleintiere nennen im Augenblick das Nürnberger Tierheim ihr Zuhause. „Wir sind voll bis unters Dach“, sagt Leiterin Tanja Schnabel. Außerdem ist es mit eben solch einem Dach über dem Kopf und Fressen nicht getan. „Die vielen Tiere in Betreuung bringen das Personal an seine Grenzen“, sagt Präsident Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund. Vor allem, weil viele der Hunde schwierig im Umgang seien und viel Betreuung bräuchten.

Das Tierheim Nürnberg platzt derzeit aus allen Nähten.
Das Tierheim Nürnberg platzt derzeit aus allen Nähten. © Daniel Löb/dpa

Ein Brandbeschleuniger war die Corona-Pandemie. Vielen Menschen haben sich in Zeiten von Lockdown und Homeoffice ein Haustier geholt – meistens auch Jungtiere oder Welpen. Jetzt, mit Beginn der Sommerferien und der Reisezeit, werden die Tiere häufig lästig und in Tierheime abgeschoben. Das bestätigt auch der Deutsche Tierschutzbund.

Hund Romeo wartet jetzt im Tierheim Nürnberg auf ein neues Zuhause. Er wurde einfach an einen Zaun gebunden.

Besondere Belastung im Tierheim Roth: Illegale Welpenhändler und ausländische Tierschutzorganisationen

Das Tierheim Roth ächzt ebenfalls unter der Überbelegung. Dort muss man sich im Moment um 195 Hunde, Katzen und Kleintiere kümmern. Laut BR ist die Einrichtung komplett blockiert. Sie müssen sich außerdem noch um 29 Welpen kümmern, die aus einem illegalen Welpentransport mit 72 Tieren Ende Juli gerettet wurden. Da die Tiere noch nicht geimpft waren, müssen sie derzeit noch in Quarantäne gehalten werden. Wieder ein Mehraufwand.

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Dazu kommen noch einmal 30 Katzen aus Wohnungsräumungen. Das Tierheim kann sich vor Anfragen kaum retten. „Allein letzte Woche hätten wir an einem Tag zwölf Hunde aufnehmen sollen“, sagt Leiterin Carmen Nottrott im Gespräch mit dem BR. Weiter ärgern sie Tierschutzorganisationen aus dem Ausland. Sie würden Tiere vermitteln, ohne sich vorher den Besitzer anzuschauen. Aber man könne keinen verstörten Straßenhund ohne weiteres in eine Familie mit Kindern vermitteln. Leute würden sich überschätzten oder würden die Tiere nur nach dem Aussehen aussuchen, ärgert sich die Tierheimleiterin. „Ich kann doch keinen dreijährigen Jack Russell einem Senior vermitteln, der selbst kaum mehr laufen kann.“

Kosten machen den Tierheimen zu schaffen – Angst vor dem Winter

Zu dem hohen Personalaufwand und dem begrenzten Platz kommen auch noch die laufenden Kosten. Steigende Energiepreise und höhere Preise für Tierfutter würden die Situation in Richtung Herbst verschärfen, so der Deutsche Tierschutzbund. Auch die Tierarztkosten würden wegen einer geplanten Anpassung der Gebührenordnung steigen. Weiter sei die Anhebung des Mindestlohns ein relevanter Kostenfaktor.

Zu allem Überfluss brach die Spendenbereitschaft in der Corona-Zeit drastisch ein. 56 Prozent der dem Tierschutzbund angeschlossenen Tierheime meldeten für das Jahr 2020 gesunkene Spendeneinnahmen. Gründe waren auch abgesagte Spendenveranstaltungen oder Basare. Tierschutzbund-Präsident Schröder sagte dem BR: „Da aufgrund der Inflation und der angespannten wirtschaftlichen Situation infolge des Ukraine-Krieges auch die Spendenbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger spürbar sinkt, droht dem praktischen Tierschutz in Deutschland der härteste jemals erlebte Herbst und Winter.“

Der Tierschutzbund fordert daher, dass 50 Prozent der Hundesteuer an die Tierheime gehen soll. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund ist dagegen. Eine Kopplung an die Hundesteuer sei haushaltsrechtlich nicht umsetzbar und auch nicht zweckmäßig, sagte ein Sprecher auf Anfrage der dpa. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) fordert: „Städte und Kommunen müssten ihrer Verantwortung und vor allem ihrer Rechtspflicht nachkommen“. Die Kommunen seien etwa verantwortlich dafür, die gestiegenen Kosten für Fundtiere besser auszugleichen. „Wenn die Tierheime keine Hilfe erhalten, dann steht der karitative Tierschutz in Deutschland vor dem Aus“, heißt es vom Tierschutzbund. (tel mit dpa)

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