"Ich fing an, an unserem Rechtsstaat zu zweifeln"

Polizist wird depressiv: Nach Einsatz fiel ich in ein tiefes Loch

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Eine Symbiose: Manfred Weindl mit einem seiner Pferde.

München - Manfred Weindl war mit Leib und Seele Polizist. Er war zufrieden mit sich und seinem Leben. Doch eine scheinbar harmlose Verkehrskontrolle im Dienst wirbelt alles durcheinander.

"Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt. Ich kann dir den Weg weisen, gehen musst du ihn selbst. Wenn dein Pferd dir unaufgefordert folgt, wenn es seinen Kopf an deinen schmiegt, wenn du es ansiehst und dir eine Schauer über den Rücken läuft, dann weißt du, dass du es geschafft hast." 

Manfred Weindl erlebte in seinem Leben Höhen und Tiefen.

Das sind Manfred Weindls Regeln. Sie stehen als Leitgedanken auf seiner Website. Er hat sie sich zueigen gemacht auf seinem Höllenritt durch das Leben, der gefühlt tausend Meilen lang gewesen ist. Weindl hat während dieser Reise viele Rückschläge erlitten. Er, der ein Polizist aus ganzem Herzen war, zweifelte letztlich am ganzen System des Rechtsstaates und an sich selbst. Er musste seinen Traumberuf aufgeben, er musste sich kämpfen durch Alkohol, durch tiefe Depressionen und dunkle Gedanken. Dann kaufte er sich "aus einer Laune heraus" ein Pferd. Diese Laune namens "Girly", eine zweijährige Anglo-Araber-Stute, rettete vielleicht sein Leben. Zusammen mit Girly gelangte er ans Ziel seiner Reise.

Es war ein Wintertag im November 1999, als das Leben des Polizisten Manfred Weindl aus Salzweg in Niederbayern plötzlich aus den Fugen glitt. Er war mit einer jungen Kollegin auf Streife in einer Passauer Wohngegend. Irgendwann kam ihnen ein Auto ohne Kennzeichen entgegen. Die Polizisten kontrollierten das Fahrzeug. Reine Routine. Weindl ist ein erfahrener Beamter. Was hat er nicht schon alles erlebt in seinem Polizisten-Dasein: gefährliche Großeinsätze bei Demonstrationen, etwa in den Achtzigern in Wackersdorf. Einmal wurde er im Dienst sogar verletzt. Und jetzt also eine scheinbar harmlose Verkehrskontrolle, wie sie jeder Streifenpolizist täglich erlebt. Ein Kinderspiel.

Auf der Facebook-Seite des Polizei-Onlineportals "Polizei-Mensch" erinnert er sich so an den Einsatz, der sein Leben verändern sollte: "Als der Fahrer uns sah, steuerte er sein Fahrzeug auf den Gehweg und hantierte am Beifahrersitz herum. Wir entschlossen uns, ihn zu überprüfen. Dabei stellte sich heraus, dass das Auto nicht versichert war und der Mann keinen Führerschein hatte. Er wehrte sich gegen die Überprüfung seiner Personalien und schlug auf mich ein. Da habe ich ihm einen Faustschlag versetzt, um ihn festnehmen zu können."

Der Fall landet vor Gericht. "Da habe ich angefangen, an unserem Rechtsstaat zu zweifeln"

Manfred Weindl war am Boden.

Weindl brach dem Mann die Nase. Der Fall landete vor Gericht. Der Fahrer wurde zwar zu vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Doch später verklagte er Weindl auf Schmerzensgeld und er bekam Recht. Weindl schildert den Moment, als das Urteil gesprochen wurde, so: "Obwohl mir der erste Richter bestätigt hatte, absolut richtig gehandelt zu haben und auch alle Indizien dafür sprachen, wurde ich verurteilt. Da habe ich angefangen, an unserem Rechtsstaat zu zweifeln."

Weindl war Polizist durch und durch. Es war sein Traumberuf. Mit 19 hatte er sich bei der bayerischen Polizei beworben. Beim Eignungstest war er einer der Besten. Nur weil er damals Probleme mit den Augen hatte, lehnte der Polizeipräsident seine Einstellung ab. Also wandte sich Weindl an den  damaligen Innenminister. Der sprach ein Machtwort, sodass Weindl die Polizeiausbildung absolvieren konnte.

Auch vor diesem Hintergrund konnte er seine Verurteilung nicht nachvollziehen. Fortan zweifelte er nicht nur am System. Er zweifelte auch an sich selbst und fiel in eine tiefe Depression. Also begann er zu trinken. Mit 42 stürzte er vollkommen ab. "Ich wollte nicht mehr Teil dieses Rechtssystems sein", sagt Weindl. Schließlich musstte er seine Waffe abgeben und den aktiven Polizeidienst verlassen. Er ging in Frühpension und fiel in ein Loch.

"Es war eine Idee, die eines Tages plötzlich da war. Die Idee: Ich brauche ein Pferd"

Manfred Weindl hat sich als Pferdeflüsterer einen Namen gemacht.

Doch er zog sich wieder heraus. Dabei halfen ihm freilich seine Frau, aber auch ein Pferd namens "Girly". "Es war eine Idee, die eines Tages plötzlich da war. Die Idee: Ich brauche ein Pferd. Bis dahin hatte ich noch nie etwas mit Pferden zu tun gehabt und auch noch nie auf einem Pferd gesessen. Als absoluter Laie habe ich mir dann eine zweijährige Vollblutstute gekauft, die nicht zugeritten war", erzählt Weindl einmal der Zeit. Mit der Beziehung zu dem Pferd verschwanden nach und nach die Selbstzweifel. Weindl machte einen kalten Entzug und überwand seine Depression.

Er und andere merkten irgendwann, dass er gut mit Pferden umgehen kann. Immer öfter fragten ihn Pferdebesitzer, ob er ihnen nicht bei Problemen helfen könne. Inzwischen hat sich Weindl einen Namen gemacht. Rund 1500 Pferde hat er therapiert. Eine Lokalzeitung veröffentlichte einmal einen Artikel über ihn mit der Überschrift: "Der Pferdeflüsterer von Salzweg". "Ich vertraue da wirklich auf mein Gefühl. Klar habe ich einige Bücher über Pferde gelesen, aber ich habe nie irgendeinen Kurs oder einen Pferdeprofi besucht. Das habe ich alles selbst entwickelt. Ich zeige dem Tier, dass ich sein Ranghöherer bin und dass es mir vertrauen kann. So helfe ich ihm, Ängste abzubauen", sagt Weindl.

"Die Pferde haben mir das Leben gerettet"

"Pferde geben mir das Gefühl: Du kannst was"

Er ist nach seinem Zusammenbruch wieder ein glücklicher Mensch geworden. Er hat seine Lebensfreude wieder gefunden und arbeitet nun in seinem wirklichen Traumberuf, als Pferdeflüsterer. Rückblickend sagt Weindl: "Durch die Tiere habe ich wieder eine Aufgabe bekommen, die absolut meins ist. Sie haben mir das Gefühl gegeben: Du kannst was. Dazu habe ich nichts lernen müssen, sondern einfach meinem Gespür vertraut. Die Pferde haben mir das Leben gerettet."

rat

Lebensschicksal: Polizist aus Bayern muss infolge eines Einsatzes Dienst quittieren und wird zum Pferdeflü...

Posted by Polizei-Mensch on Freitag, 3. April 2015

Lesen Sie hier, wie Feuerwehrleute einen traumatischen Einsatz verarbeiten.

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Vor einigen Monaten haben wir in einer vierteiligen Serie über die schwierige Arbeit der Feuerwehrler berichtet. Doch klar ist: Polizisten haben es nicht weniger schwer. Sind Sie auch Polizist und haben ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten? Oder gibt es einfach nur eine Begebenheit mit Bürgern, die Sie ärgert und von der Sie uns erzählen wollen? Wir freuen uns über Ihre Geschichte. Schicken Sie uns diese über unser Leserreporter-Formular.

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