Rentner starb bei Dreh am Tegernsee / Nach dem Prozess gegen die Filmfirma:

So leidet sein Sohn nach dem Urteil

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Oliver H. (37) ist fassungslos. Sein Vater Horst ertrank im elf Grad kalten Tegernsee bei Dreharbeiten für einen TV-Film. Jetzt will niemand für das Unglück verantwortlich sein. „Im Prozess“, sagt Oliver H., „hatte ich schließlich das Gefühl, dass mein Vater an allem selbst Schuld sein soll.“

Miesbach - Er wollte wohl eine kleine Geste der Vergebung – doch Oliver H. konnte sie ihm nicht geben.

Im Amtsgericht Miesbach ging der Aufnahmeleiter der Neuen Deutschen Filmgesellschaft NDF auf den 37-Jährigen zu, wollte ihm die Hand geben und ihm sein Beileid ausdrücken, dass Olivers Vater tot ist. Oliver H. lehnte ab. „Ich konnte es nicht. Ich habe gesagt: Nein. Sie haben keinen reinen Tisch gemacht.“

Es war das Gerichtsverfahren um ein Unglück, das in ganz Bayern für Schlagzeilen sorgte: Am 11. Oktober 2007 ertrank Olivers Vater Horst (67) als Double von Elmar Wepper bei einem Filmdreh im Tegernsee (siehe unten). Die Verhandlung und das Urteil jetzt eineinhalb Jahre später war für den Sohn der pure Hohn. Nur der Hubschrauberpilot wurde verurteilt – zu einer Geldstrafe von 3600 Euro. Gegen die beiden Angeklagten der Filmfirma wurde das Verfahren eingestellt. Oliver H.: „Das ist für mich ein Skandal. Ich hatte mir zutiefst gewünscht, dass diese unsagbare Schweinerei nicht ungesühnt bleibt.“ Statt dessen hatte er nach dem Prozess das Gefühl: „Man wollte es fast so darstellen, als ob mein Vater selbst an seinem Tod schuld war!“

Jetzt hat sich Oliver H. an Justizministerin Beate Merk persönlich gewandt. „Ich bitte Sie inständig, alles was in Ihrer Macht steht zu tun, dieses Miesbacher Urteil zu überprüfen“, hat er ihr geschrieben und einige Ungereimtheiten des Prozesses aufgelistet:

- Das Kanu, in dem Horst H. paddeln musste, war laut TÜV-Gutachten gar nicht für einen See zugelassen. Oliver H.: „Niemand der NDF hat die Seetauglichkeit vorab prüfen lassen. Leider wurde dieser Aspekt vor Gericht nicht verhandelt.“

- Für den Unglückstag fehlte laut Oliver H. die Drehgenehmigung für den Tegernsee. „Ein weiteres Indiz, dass beim Dreh improvisiert, ja geschlampt wurde. Auch dies ging in der Verhandlung völlig unter.“

- Die Filmgesellschaft bot den Komparsen völlig andere Voraussetzungen als den Star-Schauspielern. So war bei einer Kanu-Szene mit Schauspielern das Kanu in Ufernähe, die Wasserwacht war vor Ort, die Darsteller durften Neoprenanzüge gegen die Kälte tragen. Die Doubles hatten all dies nicht – sie trieben ungesichert in der Mitte des Sees! Oliver H. glaubt: Sein Vater starb auch deshalb, weil die Firma sparte. Wer dafür verantwortlich war, wurde laut H. vom Gericht nicht geklärt, weil die Angeklagten nicht ausreichend befragt wurden.

- Vor Gericht wurde ein Video gezeigt, das das Kanu in jenen Minuten zeigt, in denen Horst H. starb (sein Sohn konnte es sich nicht anschauen). Es belegt, dass der Pilot nur gefährliche drei Meter über dem Kanu flog. Der Pilot wurde dafür verurteilt, doch für H. war er ein Bauernopfer.: „Er ist nur ein kleiner Angestellter. Jemand muss angeordnet haben, so tief zufliegen.“

- Die NDF stiehlt sich aus der Verantwortung, sagt Oliver H.: Durch einen Klausel in den Arbeitsverträgen wurde die Pflicht, die Sicherheitsbestimmungen einzuhalten, auf die Arbeitnehmer delegiert. Ob dies rechtens ist, sei umstritten. „Leider wurde dies vor Gericht nicht einmal in Ansätzen abgeklärt.“

- Es gab für den Dreh ein Storyboard, ein Skizzenbuch, das die geplanten Filmeinstellungen darstellt. Aufnahme- und Produktionsleiter leugneten vor Gericht, es gesehen zu haben. Für H. eine Schutzbehauptung.

- Er fragt zudem: Warum wurden die Kanuten nicht mit den vorhandenen Funkgeräten aufgefordert, die Seemitte zu verlassen? „Vielmehr wurde trotz der offensichtlich gefährlichen Position mit den Filmaufnahmen begonnen.“

All dies sind nur Details, die für Oliver H. alle zeigen: Das Urteil ist nicht gerecht. Von der tz auf das Urteil angesprochen sagte die Firma NDF am Mittwoch nur: „Wir sagen dazu nichts.“ H. will Anzeige erstatten gegen die NDF-Geschäftsführung: Der Anruf von seiner Mama, dass der Papa tot ist, erreichte Oliver H., einen promovierten Sprachwissenschaftler, damals in Neuseeland. Allein, am anderen Ende der Welt, musste er damit fertig werden, dass sein Vater, ein herzensguter Familienmensch, nicht mehr ist. „Er war nur ein Rentner, der sich ein bescheidenes Zubrot verdienen wollte.“ Wer wirklich für seinen Tod verantwortlich ist – das soll unbedingt klargestellt werden. Das wünscht sich Oliver voller Wut – damit er endlich anfangen kann zu trauern.

Andrea Stinglwagner

Das geschah beim Todesdreh

Das Kanu-Unglück vom Tegernsee – es waren Dreharbeiten zur ZDF-Serie „Zwei Ärzte sind einer zu viel“. Komparse Horst H. (67) sollte zusammen mit zwei Kollegen 300 Meter vor Rottach-Egern in einem Kanu paddeln. Weil es um die Karl-May-Festspiele ging. stellte Horst als Elmar-Wepper-Double den Winnetou dar, die anderen Old Shatterhand und Sam Hawkins. Die Szene wurde von einem Hubschrauber aus gefilmt. Doch der kreiste viel zu tief über dem Kanu, der Propellerwind brachte es zum Kentern. Die Augenzeugen Karl-Heinz Barth und Franz Payr hörten Hilferufe, fuhren mit dem Elektroboot raus. Sie retteten zunächst den Aufnahmeleiter, der mit dem Ruderboot vorausgefahren und beinahe selbst gekentert war, und dann zwei der Komparsen. Einer der beiden fragte: „Wo ist der Winnetou?“ Horst H. war untergegangen, er ertrank.

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