tz-Serie zum Ende des 2. Weltkriegs

Der rettende Rosenkranz

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Seit April 1945 wird täglich in Rehling, Unterach und Allmering gebetet.

Unterach - Emerenzia Strobl (88) erinnert sich noch genau an die Ereignisse an jenem Markustag vor 70 Jahren - als der kleine Ort Unterach (nahe Augsburg) von den Schrecken des 2. Weltkrieges verschont blieb.

Eine kleine Barockkirche am Straßenrand. Eher eine Kapelle, dem Heiligen Wolfgang geweiht. Die Sonne senkt sich hinter die Kastanien hinter dem Gotteshaus, aus dem monotones Summen nach außen dringt. Acht Frauen und ein Mann beten drinnen einen Rosenkranz, so wie es hier schon seit dem 25. April 1945 Sitte ist. Und zwar jeden Abend – weil damals der kleine Ort Unterach (nahe Augsburg) von den Schrecken des 2. Weltkrieges verschont blieb.

S. Puchner

Emerenzia Strobl (88) erinnert sich noch genau an die Ereignisse an jenem Markustag vor 70 Jahren. „Es zogen endlose Kolonnen von Wehrmachtssoldaten durch das Dorf Richtung Süden, die sich vor den anrückenden Amerikanern zurückzogen.“ US-Tiefflieger ziehen ihre Kreise über der schwäbischen Ackerlandschaft. Geschosse schlagen in den Bäumen ein. Im vier Kilometer entfernten Gebenhofen bricht das Inferno los „Dort war eine deutsche Flugabwehrkanone stationiert, die auf die Flieger schoss. Da haben sie die mit einem schweren Angriff angegriffen und das ganze Dorf in Brand geschossen.“ Die dunklen Rauchwolken sind in Unterach und den benachbarten Orten Allmering und Rehling zu sehen, man hört und spürt die Explosionen.

An diesem Tag geloben die Frauen und Männer unter ihrem Pfarrer Heribert Lohner, künftig jeden Tag einen Rosenkranz zu beten – wenn ihre Häuser und Höfe, ihr Leben und das ihrer Lieben vom grausamen Schicksal des Nachbarortes verschont bleiben. Tatsächlich entwickelt sich nur ein kurzes Gefecht, als die Amerikaner anrücken. Schnell übergeben Bürgermeister und Ortsführer die Gemeinde mit weißer Fahne in der Hand. Seitdem erfüllen Emerenzia Strobl und ihre Mitgläubigen dieses Gelöbnis, an diesem Samstag zum 25 567. Mal. Sie werden wieder eine halbe Stunde lang in der nur mit Kerzen erleuchteten Filialkirche vor dem Gnadenbild der Schwarzen Madonna mit dem Jesuskind das Vaterunser und das Ave Maria beten.

Auch wenn die Betenden über die Jahre weniger geworden sind und wenn so mancher über diese Tradition lächelt: Die Frauen und Männer wollen das Gelübde so lange erfüllen, wie sie können. Das gemeinsame Gebet gibt ihnen, die sonst oft allein in ihren Häusern sind, Kraft und Halt. Und: „Viele Menschen wissen heute gar nicht mehr, was der Friede für ein Segen ist.“

Johannes Welte

Vor 70 Jahren

München, 25. April: Nach kalter Nacht wird es ein warmer Frühlingstag mit 18 Grad. Zwei Fliegerangriffe fordern 45 Tote, 42 Verwundete, 600 Menschen werden obdachlos. Luftwaffengeneral Robert Ritter von Greim fliegt von München nach Berlin, um sich, wie befohlen, beim „Führer“ zu melden. Testpilotin Hanna Reitsch begleitet ihn.

Bayern: Die britische Royal Air Force greift Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden an. Ein alliierter Bombenangriff auf das Stadtzentrum von Bad Reichenhall fordert 198 Todesopfer.

In Torgau treffen sich Rote Armmee und die US Army.

Welt: Die Schlacht um Ostpreußen geht zu Ende. „Elbe Day“: In Torgau feiern sowjetische und US-amerikanische Soldaten das erstmalige Zusammentreffen ihrer Kampfverbände auf deutschem Boden. Der letzte Techniker verlässt die Ausweichstelle des Deutschen Kurzwellensenders in Königs Wusterhausen. In San Francisco treten Delegierte aus 50 Staaten zur Gründungsversammlung der Vereinten Nationen zusammen.

München, 26. April: Nach kühler Nacht wird es 16 Grad warm. Letztes Bombardement zwischen 7.48 und 12.42 Uhr. Es fallen sechs Sprengbomben, es wird auf Menschen am Boden geschossen, drei werden verletzt. Die Standortobmänner der Deutschen Arbeitsfront erlassen den Eilbefehl: die sofortige Vernichtung aller Partei-, Personal- und DAF-Unterlagen. Besitzer von Parteiuniformen sollen diese nicht mehr tragen und (wie Parteiabzeichen) nicht zu Hause aufbewahren. Es soll aber der Eindruck vermieden werden, als wenn die Partei und ihre Gliederungen die Flucht ergriffen.

Bayern: Es gibt heftige Kämpfe in Kelheim/Niederbayern und in Leipheim/Schwaben. Memmingen wird kampflos an die US-Streitkräfte übergeben.

Welt: Letzter größerer deutscher Panzerangriff bei Bautzen (Sachsen), Die Stadt Bremen fällt an die Briten, Stettin an die Rote Armee.

Für die US-Truppen wird eine Direktive zur Besatzungspolitik erlassen, in der es heißt, Deutschland sei nicht zum Zweck der Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat besetzt worden.

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