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„Es ist der Vollwahnsinn“: Rohstoffkrise bedroht bayerische Brauereien – Bierflaschen im Sommer knapp?

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Von: Stefan Sessler, Johannes Welte

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Michael Schweinberger von der Brauerei Maisach steht mit vier leeren Flaschen vor einem Braukessel.
Alles wird teurer: Michael Schweinberger von der Brauerei Maisach hat wie alle Brauer mit steigenden Preisen für Rohstoffe und Energie zu kämpfen. Dennoch will er die Bier-Preise vorerst nicht erhöhen. © Peter Weber

Kaum haben Bayerns Brauereien die Coronakrise überstanden, haben sie mit einer Rohstoffkrise zu kämpfen. Fast alles, was die Bierlieferanten brauchen, ist teurer geworden.

München – Bei der Familie Unertl in Haag im Landkreis Mühldorf dreht sich seit Generationen alles um ein einziges Lebensmittel: ums Weißbier. Die Brauerei hat Weltkriege überstanden, Konkurrenten haben in der Nachbarschaft geöffnet und Jahre später wieder geschlossen. Es gab gute Zeiten und schlechte. Gerade ist die Zeit wieder einmal extrem herausfordernd. Oder in den Worten von Braumeister Alois Unertl (45), der den Betrieb mit seinem 67-jährigen Vater führt: „Es ist alles der Irrsinn. Die Kosten-Explosion ist da, es ist der Vollwahnsinn.“

Der Weißbierbrauer braucht mehrere Minuten, um aufzuzählen, was alles teurer geworden ist. „Der Preis für den Leim für die Etiketten ist von einem Tag auf den anderen um 100 Prozent gestiegen. Das Malz ist teurer geworden – und ich kann ned unbedingt sagen, dass die Qualität besser geworden ist.“ Die Holz-Euro-Paletten, auf denen die Bierkisten draufstehen, haben bis vor Kurzem zehn Euro das Stück gekostet, heute sind es 30 Euro. „Wenn man überhaupt welche bekomme.“

Brauereien in der Rohstoffkrise: „Wir sehen Weißbier als Grundnahrungsmittel“

Eine Biertisch-Garnitur habe vor Corona 90 Euro gekostet, jetzt koste sie 150 Euro, das Standard-Weißbierglas ohne Goldrand noch 1,20 Euro, jetzt 1,90 Euro. „Wir sind nicht gewinnoptimiert“, sagt Unertl. „Wir sehen Weißbier als Grundnahrungsmittel.“ Deswegen wollen sie den eigenen Preisdruck trotz Rohstoff- und Ukraine-Krise nicht eins zu eins an den Kunden weitergeben. „Man müsste die Preise in der jetzigen Zeit erhöhen“, sagt Unertl, „aber wir wollen eigentlich nicht, weil Weißbier-Preise so eine emotionale Signalwirkung haben. Wir wollen den Menschen nicht die Hoffnung nehmen.“

Ein Tragerl Unertl-Weißbier kostet momentan 20 Euro, sprich ein Euro die Flasche. „Wir wollen diesen Preis möglichst lange halten“, sagt der Brauer.

Kämpfen mit den Mehrkosten: Alois Unertl junior und senior halten ihre Preise noch stabil.
Kämpfen mit den Mehrkosten: Alois Unertl junior und senior halten ihre Preise noch stabil. © Stefan Rossmann

Nach Corona folgt die Rohstoffkrise: Bierflaschen könnten im Sommer knapp werden

Derweil könnten diesen Sommer die Bierflaschen knapp werden, mahnt der Deutsche Brauerbund. „Engpässe sehen wir spätestens im Sommer“, sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Brauer-Bunds, zur Bild. „Je heißer der Sommer, desto schwieriger kann die Situation werden.“ Laut Verband Private Brauereien Bayern kämen die stark gestiegenen Energiepreise und ein mögliches Gas-Embargo oder ein Gas-Lieferstopp aus Russland hinzu, sagt Verbandssprecher Benedikt Meier. Die Glasproduktion benötige viel Energie, der Preis für Flaschen sei um 80 Prozent gestiegen.

Bei den Bierflaschen sehen die Weißbierbrauer aus Haag keinerlei Lieferengpässe: „Wir haben die hohen Flaschen und die uralten Maurerflaschen mit Bügelverschluss.“ Nicht mehr allzu viele Brauereien nutzen diese Flaschenart. Es ist eine Tradition, die sich im wahrsten Sinne des Wortes auszahlt.

Brauer in der Bierkrise: „Das Malz ist um 60 bis 70 Prozent teurer geworden“

Auch für Michael Schweinberger, Geschäftsführer der Brauerei Maisach (Kreis Fürstenfeldbruck), sind die Flaschen das kleinste Problem. „Jetzt ist im Gegensatz zu Coronazeiten wieder Fassbier gefragt, die Nachfrage ist enorm gestiegen.“ Voriges Jahr habe er 70 000 Kästen Bier verkauft. Schweinberger sagt: „Die Flaschen sind ja alle noch im Umlauf.“

Allerdings machten ihm die Rohstoff- und die Energiepreise zu schaffen: „Das Malz ist um 60 bis 70 Prozent teurer geworden, der Preis des Öls, mit dem die Kessel geheizt werden, hat sich verdoppelt.“ Schweinberger plant trotzdem nicht, das Bier so bald teurer zu machen. „Wir haben erst im vorigen Jahr die Preise erhöht. Jetzt warten wir erst einmal ab, bis sich die Preissteigerungen gesetzt haben.“ (Stefan Sessler, Johannes Welte)

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