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Mit Marcs Organen leben jetzt vier Menschen

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Zwei Bilder des verunglückten Marc. Seine Mutter hat diese Gedenkstätte liebevoll gestaltet

Memmingen - Marc H. (20) starb im Juni nach einem Verkehrsunfall. Der junge Mann aus dem Allgäu war Organspender. Jetzt leben vier Menschen, darunter ein Bub, mit seinen Organen weiter. Marcs ergreifende Geschichte:

Diese Woche ist es ein Strauß weißer Rosen, den Erika H. (45) neben die Portraits ihres tödlich verunglückten Sohnes stellt. „Jede Woche nehme ich andere Blumen“, sagt die Allgäuerin. Liebevoll blickt sie dabei zu den Bildern, dann deutet sie auf den Boden, wo eine weiße Engelsfigur kniet. „Die kommt später mit ans Grab.“ Die Mutter und ihre Familie mussten das erleben, was man niemandem wünscht: einen wertvollen Menschen verlieren, der neben einem groß geworden ist. Der Schmerz weicht nie, manchmal ist er wenigstens zu ertragen: „Es gibt Tage, da denke ich fast nur an Marc. Jede Sekunde.“

Seit kurzem trauern aber mit den Hinterbliebenen nicht nur Verwandte und Freunde. Es trauern plötzlich auch viele Leute, die nie etwas von Marc wussten, Seit diesem Gewinnspiel im Radio …

Die ganze Geschichte: Marcs Schicksal nimmt am 1. Juni 2011 seinen Lauf. Der 20-Jährige, Azubi als Fachverkäufer für Lebensmittel, steigt am Tag vor Christi Himmelfahrt in den VW Polo eines Freundes (18). Mit im Auto ist ein weiterer Spezl (25). Die Freunde gehen aus, feiern mal hier, mal dort. Gegen ein Uhr verliert der Fahranfänger in Engishausen im Unterallgäu die Kontrolle, der Polo schleudert und rammt mit der Seite die Friedhofsmauer. Die jungen Männer vorne sind fast unverletzt, für Marc aber, der hinten sitzt, besteht kaum Hoffnung. Er kommt zunächst ins Krankenhaus Memmingen, von dort in die Uniklinik Ulm. Dort wird er operiert, doch alle ärztliche Kunst kann nichts ändern: Freitag um 13 Uhr wird Marc, der einen Organspenderausweise besitzt, für tot erklärt.

Wenig später erhält seine Mutter einen Anruf von einem Mediziner: „Er fragte, ob ich der Organspende zustimme.“ Erika willigt ohne nachzudenken ein. „Ich wusste ja, dass mein Sohn das wollte.“ Dem Körper werden am Abend Nieren, Leber, Bauchspeicheldrüse und Herz entnommen, die Organe erreichen Kliniken in Baden-Württemberg, den Niederlanden und Belgien. „Die Organe waren für arme Leute. Arme Leute, die einfach nur hoffen, dass da irgendwo jemand ist, der seine Organe spendet.“

Doch Marcs Geschichte endet hier nicht – denn nun passierte die Sache mit dem Gewinnspiel. Zur Erklärung: Der Radiosender Antenne Bayern veranstaltet seit Monaten eine Aktion, in der Leuten eine Rechnung bezahlt wird. Egal für was. Sei es ein Bauchtanzkostüm, ein Couchtisch oder die beheizbare Winterjacke. Und so schickte auch Marcs Schwester Jessica eine Rechnung an den Sender – über 9582 Euro. Für einen Grabstein. Für Marcs Grabstein. Im September war das gewesen. Jetzt sagt sie, „dass wir noch dran kommen, hätte ich nimmer geglaubt“.

Denn das Radioteam um Moderator Wolfgang Leikermoser zögert keine Sekunde und beschließt, die außergewöhnliche Rechnung zu begleichen (siehe Interview unten).

Der sonst so fröhliche Moderator war hörbar berührt, als er das bedrückende Schreiben der Familie vorlas. Aber: Jeder Hörer erfuhr nun auch, dass Marc mit seinem Tod anderen Mitmenschen ein besseres Leben ermöglichen wollte. Vier Menschen, vom 12-jährigen Kind bis zum ausgewachsen Mann, werden dies dem Azubi aus dem Allgäu für immer danken, wie ein Schreiben zeigt. „Besonders für das Kind hat es mich so gefreut“, sagt Erika H., und tröstet sich so ein wenig über den eigenen Verlust.

Und seit einer Woche steht nun auch der Grabstein aus dunklem Oriongranit, den ein schwäbischer Steinmetz geliefert hat. Die Übernahme der Kosten ist natürlich eine großen Entlastung für die Familie. Doch mehr beeindrucken Erika die Reaktionen und die Anteilnahme der Leute, im Ort und von anderswo. Als nämlich klar gewesen war, dass der Grabstein vom Sender gezahlt wird, klingelte bei ihr unaufhörlich das Telefon. „Und alle, wirklich alle, haben uns diesen Gewinn gegönnt. Von ganzem Herzen.“

Markus Christandl

„Tief beeindruckt von Organspende“

Hallo Herr Leikermoser, wie war das für Sie, als sie am Morgen mit so dem Schicksal konfrontiert wurden?

Wolfgang Leikermoser: Als ich die Rechnung für den Grabstein gesehen habe, hatte ich sofort einen Klos im Hals. Aber ich habe zu mir gesagt: Was immer jetzt passiert, Du übernimmst diese Rechnung.

Eine Rechnung wird ja ausgelost, da könnte man an Fügung denken …

Leikermoser: In den letzten Wochen haben wir ganz viele Rechnungen bezahlt. Und mir wurden so oft wunderbare, bewegende Geschichten erzählt. Etwa von der Frau, die hofft, mit einer künstlichen Befruchtung ihren größten Traum zu erfüllen. Als ich die Geschichte von Erika und ihrem Sohn Marc gehört habe, da hatte ich in der Tat das Gefühl: Schön, dass ich ausgerechnet ihre Rechnung gezogen habe. Das hat so sollen sein.

Was wünschen Sie der Familie?

Leikermoser: Alles erdenklich Gute und vor allem viel Kraft. Tief beeindruckt hat mich Ihr Mut, der Organspende zuzustimmen. Bei uns haben daraufhin viele bewegte Hörer angerufen, die sich einen Organspendeausweis besorgen wollen. Ich hoffe, Erika wird Ihren Mut nie verlieren. 

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