"Ein ganz erfahrener, ruhiger Mann"

Forscher liegt in 1000 Metern Tiefe

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Retter seilen sich in der Riesending-Schachthöhle im Untersberg in den Berchtesgadener Alpen in die Tiefe ab. In rund 1000 Metern Tiefe sitzt dort ein schwer verletzter Mann fest.

Berchtesgaden - Der Höhlen-Forscher, der in 1000 Metern Tiefe auf seine Rettung wartet, ist Johann W. Er wird als "ganz erfahrener, ruhiger Mann, der immer überlegt handelt" beschrieben.

Das größte, tiefste und verzweigteste Höhlensystem Deutschlands trägt einen wenig akademischen Namen: Riesending. Die Bezeichnung wurde allerdings nicht in dunklen Zeiten erfunden, sondern erst bei einer Erkundung des Systems im Jahr 2002. Ein Expeditonsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt fragte angesichts einer tiefen Doline am Eingang: „Was ist denn das für ein Riesending?“ Der Name blieb …

Vor sechs Jahren gelang es einem schwäbisch-bayerischen Team aus Bad Cannstatt zum ersten Mal, quasi innerhalb des Untersberg von oben bis zum Boden durchzusteigen, 1056 Meter tief. Fünf Tage dauerte dies; fünf Tage, in denen nur der Schein der Stirnlampen den Weg zeigte. Darunter war Johann W. Der 52-Jährige arbeitet als Physiker in Karlsruhe. Matthias Leyk, Einsatzleiter der Höhlenrettung Baden-Württemberg, kennt ihn schon lange: „Er ist ein ganz erfahrener, ruhiger Mann, der immer überlegt handelt. Man kann sich in der Höhle zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Nach der Entdeckung der Höhle sei er sicher mit stolzgeschwellter Brust dagesessen und habe sich gefreut. „Geprahlt hat er aber nie, das hatte er auch gar nicht nötig.“ W. sei schon als Kind vom Höhlenforschen begeistert gewesen, weiß Leyk: „Der Höhlen-Virus, wie wir das nennen, hat ihn irgendwann befallen und bis jetzt nicht wieder losgelassen.“

Zurück zur Riesending-Höhle: Der Eingang, der geheimgehalten wird, befindet sich auf etwa 1880 Metern Seehöhe. Dass die Forscher überhaupt damals so weit nach unten kamen, dafür gab es einen Grund. Dr. Ulrich Meyer von der Arge Bad Cannstatt: „Das Team konnte einen sehr engen Gangteil am bisherigen Höhlenende überwinden.“ Dabei entdeckte die Expedition 800 Meter neue Gänge, die vermessen wurden. Es fand sich auch in 930 Metern Tiefe ein See, der nur mit dem Schlauchboot gequert werden konnte.

Der See liegt etwa auf der gleichen Höhe wie der Weiler Ettenberg im Berchtesgadener Land.

Das Riesending ist durch die kalklösende Kraft des Wassers entstanden. Das gigantische Gangsystem ist inzwischen auf 19,2 Kilometer erkundet, bis auf eine Tiefe von 1148 Metern. Im Jahr 2009 wurde durch die Arge Cannstatt ein acht Meter langer Tunnel durch Lehm gegraben, wodurch sich die Höhle in großen Räumen fortsetzte.

Die Erforschung der Höhle ist nichts für Grottenamateure, schon alleine wegen des Ausmaßes. Den bezeichnet die Bergwacht Bayern als extrem. „Bereits die ersten Schächte können nur begangen werden, indem man sich an einem Seil bis zu 300 Meter hinablässt“, so die Bergwacht. Auch auf dem weiteren Weg ist es immer wieder nötig, sich abzuseilen. Obendrein gibt es Engstellen, durch die nur schlanke Personen knapp hindurchpassen. Durch Steinschlag und Wasser bestehe für Menschen außerdem „eine ganz erhebliche Gefährdung“.

Markus Christandl

Warum die Bergung von Johann W. so schwierig ist

Es ist eine dramatische Notlage. In 1000 Metern Tiefe liegt in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden mit schweren Kopf- und Oberkörperverletzungen der renommierte Höhlenforscher Johann W. (52) aus Stuttgart, nachdem er von einem Steinschlag getroffen wurde. 13 Stunden lang hat sich danach ein Kamerad zum 1843 Meter hoch gelegenen Einstiegsloch der Riesending-Schachthöhle durchgekämpft, ehe er am Sonntag gegen 14.40 Uhr die Bergwacht alarmieren kann. Die ganze Geschichte:

Samstag, 13 Uhr: Nach einer Stärkung im Störhaus des Alpenvereins steigt die dreiköpfige Gruppe der AG Höhlenforschung Stuttgart-Bad Cannstatt in die Höhle ein. Das Wetter ist ideal. Vor allem ist kein Regen angekündigt – die größte Gefahr für Höhlenforscher. Johann W. kennt die Höhle wie kaum ein anderer, er hat sie schließlich mit entdeckt.

Sonntag, 1.30 Uhr: In einem gut 1000 Meter tief gelegenen Schacht lösen sich plötzlich Steine und treffen den 52-Jährigen. Er erleidet schwere Verletzungen an Kopf und Oberkörper. Der erfahrene Forscher kann deshalb aus eigener Kraft das Höhlenlabyrinth nicht wieder verlassen. Einer seiner Kameraden macht sich auf den Weg, um Hilfe zu holen, der andere bleibt bei ihm.

14.40 Uhr: Vom Störhaus aus schlägt der aufgestiegene Forscher bei der Bergwacht Chiemgau Alarm. Höhlenretter aus Baden-Württemberg und Österreich, von der Alpinen Einsatzgruppe der Polizei und weitere Retter von BRK und Feuerwehren werden per Helikopter zum Einsatzort geflogen.

Sonntag, 22.42 Uhr: Die Bergwacht Chiemgau meldet, dass zwölf Retter, alles Experten für extrem tiefe Schachthöhlen, eingestiegen sind. Ein Arzt ist auch darunter. Der Einsatz ist schwierig und gefährlich. Nach einer Abseilstrecke von 60 Metern folgt eine komplizierte Kletterei 200 Meter ansteigend. Dann geht es 180 Meter senkrecht in die Tiefe. Für die Retter ist das aber noch die leichteste Übung. Sie ziehen ein Telefonkabel in 400 Meter Tiefe, richten an einer sicheren Stelle ein Biwak ein. Nun wird es erst richtig kompliziert: Die Retter müssen sich durch einen 40 Meter tiefen Schacht abseilen, durch den ein Wasserfall rauscht. Von dort geht es in einem Canyon weiter. Es folgt ein teilweise extrem schlammiges Labyrinth, durch das die Retter kriechen müssen. Teilweise kommt man durch Engstellen nur durch, wenn man den Kopf schief hält und den Bauch einzieht. „Es ist eine extreme körperliche und psychische Herausforderung,“ sagt Bergwacht-Vertreter Stefan Schneider. Die Retter sprechen von einem „noch nie dagewesenen Einsatz“: „Vergessen Sie alles, was Sie bei Rettungseinsätzen je erlebt haben“, sagt der Salzburger Höhlenretter Norbert Rosenberger. „Es ist wie die Eiger Nordwand ohne Schuhe und Seil.“ Wie der – als eigentlich transportunfähig – geltende Verunglückte durch die schwierigen Passagen gebracht werden soll, ist noch vollkommen unklar. „Es gibt Ecken, wo Sie eine Person, die in einem derartigen Zustand ist, nicht einfach herumbiegen können.“

Montag 5.45 Uhr: Eine dreiköpfige Gruppe erreicht endlich den Verletzten und dessen Begleiter. Zwei weitere Höhlenforscher sind ebenfalls vor Ort. Diese erste gute Nachricht kommt sieben Stunden später bei der Einsatzleitung an der Erdoberfläche an. Allerdings, und das ist die schlechte Nachricht dieses Vormittags: Der Arzt konnte bislang nicht bis zu dem Verunglückten vordringen, er hat wegen Erschöpfung eine längere Pause einlegen müssen.

Wie geht es Johann W., wie schwer sind seine Verletzungen? „Das wissen wir leider noch nicht“, sagt Marcus Goebel, Sprecher der Bergwacht Chiemgau. Er sei „zwar ansprechbar, aber es geht ihm nicht gut“. „Es ist noch nicht klar, wie wir ihn bergen können.“ Man lasse jetzt Experten aus ganz Europa einfliegen, so Goebel. Darunter sind vier Schweizer, die noch gestern Abend zu dem Verunglückten aufbrachen. Sie seien „vier absolute Profis“, versprach Stefan Schneider von der Bergwacht.

Das Bangen und Hoffen geht weiter, aber vor allem das Warten. Denn wenn das neue Team erst einmal eingestiegen ist, dauert es bis zum Verletzten wiederum zwölf Stunden – „wenn sie schnell sind“, sagt Schneider. Ein Ende der Aktion ist also nicht absehbar. „Es wird Tage dauern.“ Vielleicht auch eine Woche.

Ebu/mdu

Höhlen-Drama: Rettung kann sich Tage hinziehen

Bilder von der Rettungsaktion an der Riesending-Schachthöhle am Untersberg

Bilder von der Rettungsaktion an der Riesending-Schachthöhle am Untersberg

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