Opfer-Anwältin: „Der Prozess ist eine Qual für sie“

Ursulas Eltern: Wie sollen sie das nur durchstehen?

Die kleine Ursula Herrmann.

Augsburg - Die Zeit heilt alle Wunden“, lautet eine Weisheit. Wie falsch sie ist, weiß jeder, der einmal einen schweren Verlust in seinem Leben ertragen musste. Keine Heilung – man lernt, mit dem Schmerz zu leben. So haben es auch die Eltern von Ursula Herrmann getan.

Video: Ursula Herrmann - Verdächtiger in U-Haft

27 Jahre nach dem Mord an Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen. merkurtz.tv war für Sie vor Ort.

Im September 1981 war ihre blonde Tochter verschwunden, Erpresserbriefe gingen ein, nach 19 Tagen dann die traurige Gewissheit: Die zehnjährige Ursula war tot, erbärmlich erstickt in einer vergrabenen Holzkiste im Wald. Der mutmaßliche Entführer steht nach 28 Jahren an diesem Donnerstag (19. Februar) in Augsburg vor Gericht, angeklagt wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge. Für die Eltern als Nebenkläger eine schwere Hypothek. “Jahrelang haben sie sich nach dem Tod von Ursula Bewältigungsstrategien zum Überleben aufgebaut, die jetzt zusammenbrechen“, sagte die Rechtsanwältin Marion Zech, die für die Eltern als Nebenklägerin vor dem Landgericht Augsburg auftreten wird.

Der Fall Ursula Herrmann in Bildern

Am 25. März 2010 fällt das Urteil gegen den Entführer von Ursula Herrmann, die am 15. September 1981 bei Utting am Ammersee von ihrem Kinderfahrrad gerissen und in eine im Wald vergrabene, sargähnliche Kiste gesperrt worden. Dort ist Ursula Herrmann qualvoll erstickt. Der Schwurgerichtssaal in Augsburg ist am Tag der Urteilsverkündung voll besetzt. © ebu
Fast 30 Jahre nach der Entführung, wird Werner M. - zwischen seinen Anwälten Wilhelm Seitz (l) und Walter Rubach (2.v.r.), im Hintergrund steht der Anwalt seiner Frau, Florian Engert (r) - zu lebenslanger Haft verurteilt. © dpa
Verteidiger Walter Rubach kündigte Revision an. © ebu
Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rothermel verkündete das "lebenslang". Er sei froh, dass er den Prozess hinter sich habe, sagte er danach. © ebu
Statsanwältin Brigitta Baur plädierte auf lebenslange Haft © ebu
Werner M. nach der Urteilsverkündung © AP
Werner M. vor der Urteilsverkündung © AP
Michael Herrmann, Bruder von Ursula Herrmann und Nebenkläger im Prozess, am Tag der Urteilsverkündung neben seiner Anwältin Marion Zech. © dpa
13 Monate hat der Prozess gegen Werner M. ... © AP
und seine Frau Gabriele F.-M. gedauert. Die beiden wurden angeklagt, Ursula Herrmann entführt, missbraucht und getötet haben. © AP
Bis zuletzt haben sie ihre Unschuld beteuert. © AP
Michael Herrmann, der Bruder des Entführungsopfers Ursula Herrmann. Er wurde im Prozess als Zeuge gehört. © AP
kappeln In Kappeln wurde Werner M. geschnappt. Kaum ein Ort in Deutschland ist mit über 920 Kilometern von München weiter entfernt als das 10.000-Seelen-Städtchen
In Kappeln wurde Werner M. geschnappt. Kaum ein Ort in Deutschland ist mit über 920 Kilometern von München weiter entfernt als das 10.000-Seelen-Städtchen © Schneeweiß
Niro Werner heißt der Laden von Werner M. in Kappeln: Vorne ist das Geschäft für Yacht- und Bootszubehör, hinten hat er gewohnt
Niro Werner heißt der Laden von Werner M. in Kappeln: Vorne ist das Geschäft für Yacht- und Bootszubehör, hinten hat er gewohnt © Schneeweiß
Der hintere Teil von Werner M.s Haus: In der kleinen Hütte hat der 58-Jährige bayerische Schmankerl verkauft
Der hintere Teil von Werner M.s Haus: In der kleinen Hütte hat der 58-Jährige bayerische Schmankerl verkauft © Schneeweiß
Abendliche Hafen-Romantik in Kappeln: Der Ort ist die Kulisse für die ZDF-Serie "Der Landarzt"
Abendliche Hafen-Romantik in Kappeln: Der Ort ist die Kulisse für die ZDF-Serie "Der Landarzt" © Schneeweiß
Die Hartnäckigkeit und akribische Kleinarbeit haben sich gelohnt: Nach fast 27 Jahren hat das Team um Josef Geißdörfer (LKA) den Fall Ursula Herrmann gelöst. Alle Akten im Hintergrund drehen sich um diesen Fall
Die Hartnäckigkeit und akribische Kleinarbeit haben sich gelohnt: Nach fast 27 Jahren hat das Team um Josef Geißdörfer (LKA) den Fall Ursula Herrmann gelöst. Alle Akten im Hintergrund drehen sich um diesen Fall © Bodmer
Ein Fotograf filmt bei der Pressekonferenz die Kiste, in der das Mädchen qualvoll ersticken musste, und das Fahrrad, mit dem Ursula Herrmann vom Turnunterricht heimradelte
Ein Fotograf filmt bei der Pressekonferenz die Kiste, in der das Mädchen qualvoll ersticken musste, und das Fahrrad, mit dem Ursula Herrmann vom Turnunterricht heimradelte © dpa
Das Grab von Ursula Herrmann in Eching
Das Grab von Ursula Herrmann in Eching © Kurzendörfer
Ein Herz aus Blumen auf dem Grab von Ursula Herrmann in Eching
Ein Herz aus Blumen auf dem Grab von Ursula Herrmann in Eching © Kurzendörfer
Mit diesem Fahrrad war das Mädchen im Waldstück zwischen Schondorf und Eching unterwegs
Mit diesem Fahrrad war das Mädchen im Waldstück zwischen Schondorf und Eching unterwegs © Kurzendörfer
Peter Burghardt, Sprecher des LKA, zeigt die Kiste, in der Ursula Herrmann so qualvoll im Wald erstickte
Peter Burghardt, Sprecher des LKA, zeigt die Kiste, in der Ursula Herrmann so qualvoll im Wald erstickte © Kurzendörfer
Peter Burghardt, Sprecher des LKA, mit dem Fahrrad des Mädchens und der Kiste, in der sie gefangen gehalten worden ist
Peter Burghardt, Sprecher des LKA, mit dem Fahrrad des Mädchens und der Kiste, in der sie gefangen gehalten worden ist © Kurzendörfer
Josef Geißdörfer vom LKA mit dem Fahrrad von Ursula Herrmann, dahinter ein Nachbau der Kiste, in der sie vergraben war
Josef Geißdörfer vom LKA mit dem Fahrrad von Ursula Herrmann, dahinter ein Nachbau der Kiste, in der sie vergraben war © Bodmer
Die Kiste war auch in der Polizeiausstellung "Die vergessenen Fälle" im Jahr 1999 im Münchner Stadtmuseum zu sehen
Die Kiste war auch in der Polizeiausstellung "Die vergessenen Fälle" im Jahr 1999 im Münchner Stadtmuseum zu sehen © Westermann
In dieser Position wurde Ursula Herrmann in der Kiste gefunden
In dieser Position wurde Ursula Herrmann in der Kiste gefunden © Polizei
Polizisten haben 19 Tage lang nach dem Mädchen gesucht
Polizisten haben 19 Tage lang nach dem Mädchen gesucht © dpa
Jede Menge Schokolade und Kekse hat der Entführer Ursula Herrmann mit in die Kiste gelegt
Jede Menge Schokolade und Kekse hat der Entführer Ursula Herrmann mit in die Kiste gelegt © dpa
Der Entführer hatte Ursula Herrmann Groschenhefte mit in die Kiste gelegt
Der Entführer hatte Ursula Herrmann Groschenhefte mit in die Kiste gelegt © dpa
Erst 19 Tage nach der Entführung wurde die Leiche des Mädchens bei einer Suchaktion gefunden
Erst 19 Tage nach der Entführung wurde die Leiche des Mädchens bei einer Suchaktion gefunden © dpa
Die Leiche der Schülerin Ursula Herrmann wird in einem Zinksarg wegtransportiert (Archivfoto vom 04.10.1981)
Die Leiche der Schülerin Ursula Herrmann wird in einem Zinksarg wegtransportiert (Archivfoto vom 04.10.1981) © dpa
Einer der insgesamt drei Erpresserbriefe im Fall Ursula Herrmann, die mit aus Zeitungen geschnittenen Wörtern zusammengesetzt waren (Archivfoto vom 5.10.1981)
Einer der insgesamt drei Erpresserbriefe im Fall Ursula Herrmann, die mit aus Zeitungen geschnittenen Wörtern zusammengesetzt waren (Archivfoto vom 5.10.1981) © dpa
Ein Passbild der Zehnjährigen
Ein Passbild der Zehnjährigen © dpa
Der Eingang des unterirdischen Verlieses in einem Waldstück bei Schondorf, das mit frisch gepflanzten Bäumen getarnt war
Der Eingang des unterirdischen Verlieses in einem Waldstück bei Schondorf, das mit frisch gepflanzten Bäumen getarnt war © dpa
Ursula Herrmann aus Eching wurde am 4. Oktober 1981 tot in einer Kiste im Wald gefunden
Ursula Herrmann aus Eching wurde am 4. Oktober 1981 tot in einer Kiste im Wald gefunden © Polizei
Im Alter von zehn Jahren ist Ursula Herrmann aus Eching entführt worden und qualvoll in einer Kiste erstickt
Im Alter von zehn Jahren ist Ursula Herrmann aus Eching entführt worden und qualvoll in einer Kiste erstickt © Polizei
Das Archivbild vom 5. Oktober 1981 zeigt die in einem Waldstück bei Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg am Lech) vergrabene Holzkiste, in der die zehnjährige Ursula Herrmann am 4. Oktober 1981 tot aufgefunden wurde
Das Archivbild vom 5. Oktober 1981 zeigt die in einem Waldstück bei Eching am Ammersee (Landkreis Landsberg am Lech) vergrabene Holzkiste, in der die zehnjährige Ursula Herrmann am 4. Oktober 1981 tot aufgefunden wurde © Polizei

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Das Mädchen war vor 28 Jahren in einer engen Holzkiste im Waldboden erstickt. Am Donnerstag steht nun der mutmaßliche Entführer des Mädchens vor Gericht. Für die Eltern eine kaum zu ertragende Last, wie deren Anwältin Marion Zech betont: „Jahrelang haben sie sich nach dem Tod von Ursula Bewältigungsstrategien zum Überleben aufgebaut, die jetzt zusammenbrechen.“

Ursulas Eltern, ihr Bruder – wie steht die Familie diesen langwierigen Indizienprozess nur durch? Schon jetzt macht das Ehepaar klar: An der Verhandlung werden sie nicht teilnehmen. Die Details darüber, wie ihre Tochter entführt und vergraben wurde, wie sie dann wegen der defekten Belüftungsanlage erstickte – das alles noch einmal zu durchleben, ist zu viel. Dennoch: Ein Auftritt bleibt ihnen nicht erspart.Am 24. März sind die Eheleute als Zeugen geladen, müssen aussagen. Dann sind sie mit dem mutmaßlichen Täter Werner M. in einem Raum, können ihm in die Augen blicken. Sind sie von seiner Schuld überzeugt? „Nein“, sagt Opfer-Anwältin Marion Zech der tz. Die Eltern seien bisher weder von der Schuld noch von der Unschuld des 58-Jährigen überzeugt. „Sie wollen aber nicht, dass ein Unschuldiger verurteilt wird.“ Bei Zweifeln werde sie daher auf Freispruch plädieren. „Ich werde die Eltern auch deshalb engmaschig über den Prozessverlauf informieren.“ Ursulas Bruder, der zum Zeitpunkt des Verbrechens 18 Jahre alt war, wird indessen den Prozess verfolgen.

Wie gehen die Eltern damit um, wenn jetzt die schreckliche Geschichte von 1981 wieder aufgerührt wird? Zech weicht aus: „Ich quäle sie nicht mit solchen Fragen.“ Tatsache ist: Die Familie Herrmann, die fast täglich das Grab der kleinen Ursula besucht, äußerte sich nie öffentlich über den Fall. „Das wird auch so bleiben.“

Der schwere Gang der Familie – zum Leid kommt noch die Ungewissheit. Denn der Ausgang der Prozesses ist völlig offen. Gegen Werner M. sprechen nur Indizien. Er hat kein Alibi, ein Tonbandgerät wurde bei ihm gefunden, von dem die Erpresseranrufe abgespielt worden sein sollen, zudem gibt es einige Aussagen, die ihn belasten. Und: Der 58-Jährige war vor 28 Jahren ein Nachbar der kleinen Ursula. Er soll sie am Abend des 15. September 1981 vom Rad gerissen und in die Kiste gesperrt haben – da ist sich die Staatsanwaltschaft ganz sicher. Bisher hat Werner M. dazu geschwiegen – beim Prozessauftakt will er aber eine lange Erklärung abgeben. Der Tenor: „Ich war es nicht.“ Riskant: Normalerweise vermeiden Angeklagte jede Gefahr, sich in Widersprüche zu verstricken.

Alles was Ursulas Eltern wollen ist „die Wahrheit“. Auch wenn sie wissen, dass ihnen diese das Leid nicht nehmen wird. Aber sie würde ein bisschen Ruhe in ihr Leben bringen – trotz des nie endenden Schmerzes.

A. Geier/E. Unfried

„Prozess bringt keine Erlösung“: Ein Psychologe erklärt, warum Eltern den Verlust ihrer Kinder verdrängen

Die Eltern von Ursula Herrmann werden den Prozess gegen den mutmaßlichen Entführer nicht im Gerichtssaal verfolgen. Die Konfrontation mit der Tat wäre zu schmerzhaft. Wie gehen Eltern mit dem Verlust eines Kindes um? Die tz sprach mit Dr. Oliver Seemann, Psychologe aus Starnberg.

Nach fast 30 Jahren wird der Fall Herrmann vielleicht aufgeklärt. Warum scheuen die Eltern den Prozess?

Dr. Oliver Seemann: Die Eltern machen das genau richtig. Den alten Schmerz wieder und wieder zu durchleben, das bringt für sie keine Lösung. Nach so langer Zeit können sie nicht besser schlafen, bloß weil der Täter einen Namen hat. Diese Strafe ist mehr ein Bedürfnis der Gesellschaft.

Wie verarbeiten Eltern so einen Schicksalsschlag?

Dr. Oliver Seemann:So etwas verarbeitet man nicht. Man kann eine solche Tat nur verdrängen. Nach der Trauerphase ist es das beste, mehr zu arbeiten, sich um die Partnerschaft zu kümmern oder zu verreisen. Ablenkung hilft. Etwas zu verdrängen, ist völlig normal.

Aber das Erlebte verschwindet nicht.

Dr. Oliver Seemann:Die Tat wird immer im Hinterkopf bleiben. Einige nutzen die Möglichkeiten einer Therapie zur Trauerbewältigung. Man kann auch den Schmerz durch Hypnose von der Tat abkoppeln. Dann löst der Gedanke daran nicht mehr so starke Emotionen aus.

Viele Taten bleiben ungeklärt. Oft finden die Eltern keine Antworten auf ihre Fragen. Wie gehen Mütter und Väter damit um?

Dr. Oliver Seemann:Viele Angehörige erschaffen sich ein eigenes Bild vom Täter. Auf diese Weise können sie leichter verdrängen. Das ist normal. Wir alle verdrängen starken Schmerz, um weiter leben zu können.

BZ

Quelle: tz

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