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Vorsicht vor der Betreuungsfalle!

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Sozialkritiker Claus Fussek: „Manche Betreuer betreuen zu viele Menschen“ © Schlaf

München - Der Fall von Emilie Glos sorgte für Aufsehen, es läuft eine Strafanzeige. Und er wirft Fragen auf: Wie viel Schindluder wird mit Betreuungen getrieben? Und wo gibt es Hilfe? Claus Fussek fordert ein Umdenken bei den Gesetzen.

Für Emilie Glos gab es keinen Ausweg: Plötzlich wurde der 90-Jährigen nach einem Schwächeanfall ein Betreuer zugeteilt. Ein Fremder, der nun über ihr Leben bestimmte. Mit fatalen Folgen: Der Mann ließ die Seniorin aus Pastetten (bei Erding) einfach allein in ihrer ungeheizten Wohnung liegen. Der Fall sorgte für Aufsehen, es läuft eine Strafanzeige. Und er wirft Fragen auf: Wie viel Schindluder wird mit Betreuungen getrieben? Und wo gibt es Hilfe?

„Das Thema Betreuung ist heikel, denn bei einigen Menschen geht es hier nicht darum, anderen zu helfen, sondern es geht schlicht ums Geld“, kritisiert der Münchner Sozialexperte Claus Fussek. Tatsache ist nämlich: Manche Betreuer haben über 80 Menschen, für die sie verantwortlich sind. „Das ist natürlich Irrsinn“, erklärt Fussek. Da könne niemand mehr den Überblick behalten. Ein Dilemma, das auch Münchenstift-Chef Gerd Peter schon mehrmals kritisiert hat: So müsse sein Haus oft beim Vormundschaftsgericht anrufen und bitten, dass für einen Bewohner ein anderer Betreuer eingesetzt wird. Der Grund: Der eigentliche Betreuer war tagelang nicht erreichbar!

Eine Gleichgültigkeit, die fatale Folgen haben kann: So berichtete die tz groß über den Fall der 94-jährigen Alma H. Ihr Betreuer ließ sich bei der alten Dame so gut wie nie sehen –bis Alma H. in ihrer völlig verwahrlosten Wohnung einsam starb. Noch ein Fall: In Augsburg wurde ein Betreuer vor Gericht verurteilt, weil er einen Großteil des Geldes seiner „Kundin“ einfach unterschlug – um sich selbst Geschenke zu kaufen.

Gut 1,3 Millionen Menschen in Deutschland haben derzeit einen Betreuer. Ohne Zweifel, viele von diesen machen ihren Job sehr gut. Doch schon allein die Entlohnung der Betreuer sorgt teils dafür, dass manche Schindluder treiben. Fussek: „Früher wurde nämlich nach Stunden bezahlt.“ Wer mit einem Betroffenen mehr Zeit verbrachte, bekam mehr Geld. „Doch heutzutage bekommt jeder Betreuer für jeden Betreuten eine fixe Pauschale.“ Ob und wie lange er ihn dabei sieht, spielt keine Rolle mehr. Dies hat natürlich auch zur Folge, dass schwarze Schafe immer mehr Betreuungsfälle annehmen. Fussek: „Je mehr, umso besser.“ Er rät: Bei Problemen sofort die Hilfsstellen kontaktieren (siehe unten).

Harte Fakten, die vielen Angst machen. Die Zahl der Betreuten hat sich in den letzten 17 Jahren immerhin mehr als verdreifacht. Und durch die Altersentwicklung wird die Zahl der Betroffenen noch rasant ansteigen. Fussek: „Da muss bei den Gesetzen endlich umgedacht werden.“

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Hier bekommen Sie Hilfe

Eine Anlaufstelle bei Problemen ist die kompetente Betreuungsstelle der Stadt München (Tel. 233-48 366). Hilfesuchende können sich aber auch bei der Beschwerdestelle melden (Tel: 233-96 966). Wichtig: Sie sollten zudem frühzeitig schriftlich festhalten, von wem sie einmal betreut werden wollen.

Wann eine Betreuung veranlasst wird – und wer Betreuer werden kann

Im Gesetzbuch ist eindeutig festgehalten: Kann ein Volljähriger auf Grund einer psychischen, körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen, so bestellt das Vormundschaftsgericht einen Betreuer. Gibt es keine Verwandten, die dies übernehmen wollen, wird – vom Gericht – ein Berufsbetreuer benannt. Für ihn wie auch für den Verwandten gilt laut Bürgerlichem Gesetzbuch: Bei einer Betreuung muss immer „das Wohl des Betreuten der Maßstab des Handelns sein“. Übrigens: Theoretisch kann sich jede Person als Betreuer beim Gericht melden. Er oder sie muss volljährig sein, ein einwandfreies Führungszeugnis haben und einen Schulabschluss vorweisen können.

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