Video: Ein kleiner Einblick in die Unterwasserwelt

U-Boot im Walchensee:  Abtauchen mit Spucktüte und Musik

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Mehr als 5000 Stunden hat Pilot Jürgen Schauer (60) an Bord der Jago verbracht. In dem kleinen Forschungstauchboot gibt es auch ein wenig Luxus: Sitzkissen und eine Musikanlage. Was gespielt wird, entscheidet Schauer.

Walchensee - Eine Woche war das Forschungstauchboot Jago  im Walchensee unterwegs:  Ein kleiner Einblick in die Unterwasserwelt, in der man am besten Hausschuhe trägt.

Schuhe ausziehen. Das ist die erste Regel, die vor dem Betreten der Jago gilt. Dann ein großer Schritt vom Steg auf das leicht schwankende Tauchboot, die Beine durch die kreisrunde Luke, mit den Zehenspitzen nach dem kleinen Podest tasten und nach unten in den Bauch von Deutschlands einzigem bemannten Forschungstauchboot klettert. Normalerweise ist die Jago am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel stationiert, vergangene Woche war sie im Walchensee unterwegs, um im Auftrag von Eon den Kesselbergstollen des Walchenseekraftwerkes zu untersuchen (wir berichteten).

Es ist durchaus von Vorteil, klein zu sein. Im Inneren des gelben Boots ist es eng, allerdings nicht so eng, wie es von außen den Anschein hat. Pilot und Passagier haben einigermaßen bequem Platz. Der beste Platz ist ganz vorne, direkt vor dem großen runden Fenster, hinter dem sich gerade die türkisfarbenen Tiefen des Walchensees ausbreiten. An der rechten Wand steht die zweite Regel: „Fenster nicht anfassen.“ Das scheint wichtig zu sein, die Warnung gibt es gleich zweimal. „Das ist eine sehr empfindliche Scheibe“, sagt Pilot Jürgen Schauer (60): „Sie ist aus Acrylglas, das sehr schnell bei Berührung verkratzen kann, und im Tauchboot wie die Frontscheibe eines Kameraobjektivs fungiert.“

Ausgeklügeltes Notfallsystem

Die Jago wurde 1989 gebaut und kann bis zu 400 Meter tief tauchen.

Auch ein bisschen Luxus gibt es im Forschungstauchboot. „Wir haben Sitzkissen, Fleecedecken und eine Musikanlage“, sagt Schauer und lacht. Außerdem hat er Hausschuhe an Bord. Eine kluge Entscheidung, denn schon nach 20 Minuten wird einem wirklich, wirklich kalt. Kein Wunder: Die Wassertemperatur liegt gerade mal bei 4 Grad Celsius. Eine Heizung gibt es auf der Jago nicht, die würde einfach zu viel Strom verbrauchen. Und den benötigt Schauer schon für den Antrieb und die vielen Gerät in und an der Jago. Der Kieler zeigt ein rechteckiges Kästchen. Mit den Schaltern steuert er die vier Heckmotoren, zwei schwenkbare Seitenmotoren, den Bug- und den Heck-Strahler. Durch ihren Einsatz bringt er die Jago dazu, geradeaus oder nach links oder rechts zu fahren und sich auf der Stelle zu drehen.

Über dem Fenster befindet sich das Unterwasser-Kommunikationssystem des Boots, das Subphone, mit dem die Tauchbootmannschaft den Sprechkontakt mit dem Begleitboot an der Wasseroberfläche hält . „Wir senden auf der gleichen Frequenz wie Delfine und Wale“, erzählt der Pilot. „Wenn wir reinflöten, antworten sie manchmal sogar.“ An der rechten Wand ist die Regelung der Druckluft installiert, auf der gelben Schalttafel gegenüber befinden sich unzählige Schalter, mit denen sich die verschiedenen Geräte der elektrischen Einrichtung steuern lassen. Dort ist auch der Tot-Mann-Schalter. Taucht die Jago, ertönt alle zehn Minuten ein Signal. Dann muss Schauer innerhalb von 30 Sekunden einen Knopf drücken. Passiert das nicht, wird eine 50 Kilo schwere Ballastplatte abgeworfen und das Tauchboot taucht automatisch auf.

Es ist nicht das einzige Notfallsystem. Der Pilot kann auch eine Boje an einer 500 Meter langen Leine lösen, die dann zur Wasseroberfläche aufsteigt und dort anzeigt, wo sich die Jago befindet. 96 Stunden könnte die Crew im Notfall unter Wasser überleben. „Die größte Gefahr im Meer sind Netze“, sagt Schauer. Einen derartigen Notfall hat er aber noch nicht erlebt.

Überhaupt spricht er nicht gerne über Zwischenfälle. „Das ist wie beim Autofahren: In 99,9 Prozent ist alles normal. Und dann gibt es diese 0,1 Prozent, wo man danach sagt, ok, da hab‘ ich jetzt echt Glück gehabt.“ Dass es so gut läuft, liegt bestimmt auch an „Knut“. Der kleine weiße Stoff-Eisbär klammert sich neben dem Fenster an die Installation. „Den hat uns mal ein Bootsmann auf einem Forschungsschiff geschenkt, und seitdem ist der Bär als Glücksbringer auf jedem Tauchgang dabei.“

Mehr als 5000 Stunden hat Schauer an Bord verbracht. Wie wird man eigentlich Tauchboot-Pilot? „Durch Zufall“, sagt er. Nach seiner Ausbildung zum Elektrotechniker arbeitete er Anfang der 80er-Jahre in einer Tauchbasis am Roten Meer. „Ich hatte irgendwie keine konkrete Vorstellung, was ich weiter beruflich machen will.“

Urfisch wieder entdeckt

Dann lernte er den deutschen Meeresbiologen und Dokumentarfilmer Hans Fricke kennen. Die beiden Männer freundeten sich an. Fricke war damals mit seinem Tauchboot Geo, dem Vorgänger der Jago, am Roten Meer. Er erzählte von seinem Plan, den urzeitlichen Quastenflosser in seiner natürlichen Umgebung aufzuspüren – und Schauer stieg mit ein. „Letztlich hat diese Begegnung mein ganzes Leben verändert.“

An Bord ist es eng, aber nicht so eng, wie man von außen meint, urteilt Kurier-Redaktionsleiterin Veronika Wenzel, hier an der Seite von Jürgen Schauer.

Die Suche nach dem Urfisch, der lange als ausgestorben galt, begann im Dezember 1986 und dauerte bis Januar 1987. Schauer tauchte mit der Geo vor den Komoren, und auf knapp 200 Metern Tiefe hatte er plötzlich einen Quastenflosser direkt vor dem Fenster des Tauchboots. Die Fotos und Videoaufnahmen waren „eine Riesensensation. Der Quastenflosser ist der einzige Fisch, der es jemals auf das Cover der New York Times geschafft hat. Das Foto war von uns“, sagt Schauer.

Um aber wirklich den gesamten Lebensraum des lebenden Fossils erkunden zu können, reichten die 200 Meter Tauchtiefe der Geo nicht aus. „Also haben wir 1989 die Jago gebaut.“ Schauer meint das genauso, wie er es sagt. „Den Druckkörper hat eine Kesselbaufirma in Norddeutschland für uns hergestellt. Das war quasi wie ein Haus im Rohbau: Den ganzen Innen- und Außenausbau haben wir dann gemacht.“ Bis zu 400 Meter Tiefe schafft die Jago.

Weitere Quastenflosser-Populationen in Indonesien und vor Südafrika wurden aufgespürt. „Der Quasti ist ein sehr kooperativer Fisch“, scherzt Schauer. Das liege vielleicht auch daran, dass das Tier, das etwa so groß ist wie ein Mensch, nur ein erbsengroßes Gehirn hat“. Selbst im Scheinwerferlicht des Tauchboots zeige er keinerlei Fluchtreflex. „Deshalb konnten wir mit einer speziellen Vorrichtung am Greifarm des Boots einigen Tieren Schuppen entnehmen. Die eignen sich zur DNA-Isolierung. So konnten wir nachweisen, dass die verschiedenen Populationen im ostafrikanischen Raum noch recht nah miteinander verwandt sind, obwohl sie teilweise recht weit auseinander leben. Wahrscheinlich haben sie sich vor noch nicht allzu langer Zeit im Westlichen Indischen Ozean angesiedelt und verbreitet.“

Was gibt es im Walchensee zu sehen?

Dass Schauer wie jetzt im Süßwasser taucht, ist die große Ausnahme. „Normalerweise sind wir im Meer unterwegs, und das weltweit.“ Trotzdem kennt Schauer die Unterwasserwelt des Walchensees bereits: 1988 begleitete er Fricke bei der Erkundung der bayerischen Bergseen. „Wir waren die ersten, die an den tiefsten Punkten waren.“

Viel zu sehen gibt es im Walchensee übrigens nicht, vor allem nicht in großer Tiefe. „Beeindruckendes Nichts“ hatte das Fricke einmal genannt. „In den Tiefenbecken lagert sich vornehmlich Sediment ab, was über die Zuflüsse und die Schneeschmelze eingetragen wird.“ Da die Sedimente im Walchensee vor allem aus Kalkgestein stammen, schaue der Seeboden aber zumindest „sehr freundlich weiß“ aus, sagt Schauer. „Aber mehr als vielleicht mal eine Baumwurzel oder auch ein paar Saiblinge sind dort nicht anzutreffen.“

Daher haben sich er und Peter Striewski durchaus kurz erschrocken, als sie am Mittwoch in etwa 160 Metern Tiefe plötzlich auf eine aufrecht sitzende Schaufensterpuppe stießen. „Nach über 5000 Stunden unter Wasser erschreckt einen allerdings kaum noch etwas“, sagt Schauer.

Sollte es doch einmal aufregende werden, kann in solchen Momenten Musik zur Beruhigung beitragen. Denn auch die gibt’s an Bord. „Die Auswahl treffe meistens ich. Beim Abtauchen gibt es andere Musik als beim Auftauchen. Und bei besonders ängstlichen Mitfahrern lege ich Klassik auf. Das beruhigt.“ Auch Wiener Walzer sei recht schön. Das passe gut zum Vorbeischaukeln der Luftblasen beim Auftauchen. Unter Wasser schaukle es übrigens gar nicht.

Es gibt auch eine "Toilette"

Schwieriger sei für manche Passagiere das Fahren an der Oberfläche. Zur Sicherheit liegen einige Spucktüten bereit. Aufs Klo gehen kann man in dringenden Fällen übrigens auch – dazu stehen entsprechende Gefäße zur Verfügung. Den Walchensee nutzte die Jago in der vergangenen Woche vor allem als Fahrübungsplatz. Nachwuchs-Pilot Striewski sammelt Erfahrung unter Wasser. Das sei hier einfach abwechslungsreicher als in der Ostsee, sagt Schauer. Einen „offiziellen“ Führerschein für Tauchboote gibt es in Deutschland übrigens nicht. Die Seeberufsgenossenschaft habe seinerzeit lediglich einen Bootsführerschein verlangt.

Bei der Stolleninspektion wurde die Jago von Forschungstauchern begleitet. Einer von ihnen, der Lenggrieser Florian Huber vom Unternehmen „Submaris“, wollte mit der Jago außerdem die verschiedenen Autowracks genauer unter die Lupe nehmen. In einem Internetforum hatte er außerdem auch über ein Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg in großer Tiefe gelesen. Das alles fließt in einen Dokumentarfilm mit ein, den Submaris gerade dreht. Und der wird sicherlich auch einige Aufnahmen des kleinen gelben U-Boots in den türkisblauen Tiefen des Walchensees zeigen.

Bilder: Die Jago im Walchensee

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