„Wir wollen wachrütteln“

Verkehrschaos mit Ansage: Wallgauer blockieren bei Protest gegen Ausflugsverkehr die B11 - „Wir sind nicht Legoland“

Ihnen stinkt’s: Vergangenen Herbst demonstrierten die Walchsenseer gegen die Verkehrsbelastung. Am Freitag folgt eine Protestaktion in Wallgau.
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Ihnen stinkt’s: Vergangenen Herbst demonstrierten die Walchsenseer gegen die Verkehrsbelastung. Am Freitag folgt eine Protestaktion in Wallgau.

Ein Bürgerbüdnis im Wallgau will gegen die Verkehrsbelastung protestieren. Weil die Bundesstraße 11 komplett abgeriegelt wird, sind kilometerlange Staus vorprogrammiert.

  • Ein Bürgerbüdnis im Wallgau protestiert am Samstag (25. Juli 2020) gegen die Verkehrsbelastung protestieren.
  • Für Ausflügler bedeutet das zum Start in die Sommerferien: Erhebliche Verzögerungen.
  • Die B 11 wird komplett abgeriegelt sein. Kilometerlange Staus werden erwartet. Wir haben Wallgau im Vorfeld besucht (siehe Update vom 24. Juli 2020).

Update vom 25. Juli 2020: Im oberbayerischen Wallgau haben vom Ausflugsverkehr genervte Anwohner die vielbefahrene Bundesstraße 11 in Wallgau für eine Stunde blockiert. Rund 200 Anwohner gingen unter dem Motto „Ausbremst is!“ auf die Straße, wie Bürgermeister Bastian Eiter anschließend mitteilte. Die Demonstranten forderten ein nachhaltiges Verkehrskonzept für den Ort, um den Ausflugsverkehr besser zu verteilen. „Die Versammlung verlief insgesamt sehr harmonisch und friedlich“, wie Eiter auf Anfrage schrieb. Nach Angaben der Mittenwalder Polizei gab es einen Rückstau von ungefähr fünf Kilometern.

Der starke Wochenend-Ausflugsverkehr in die Alpen ist für viele Anwohner seit Jahren ein Ärgernis. In diesem Sommer ist das Problem wegen der Corona-Pandemie besonders akut, da viele Münchner offensichtlich die heimische Bergwelt vorziehen und der Andrang von Urlaubern aus anderen Bundesländern groß ist. Die B11 von Kochel entlang des Walchensees Richtung Mittenwald ist in beiden Richtungen eine besonders beliebte Route, zu den Ausflüglern kommen Scharen von Motorradfahrern.

Die Veranstalter fordern, den öffentlichen Verkehr in der Region auszubauen und den Güterverkehr auf die Schiene zu verlegen. Auch der SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn nahm an der Demonstration teil. Es sollen weitere Kundgebungen in der Region um Garmisch-Partenkirchen, Murnau und Kochel folgen. 

Am Samstag gibt‘s das Verkehrschaos mit Ansage: Wallgauer protestieren gegen Ausflugsverkehr - „Wir sind nicht Legoland“

Update vom 24. Juli 2020: Eigentlich kommen Urlauber ins Gästehaus Zunterer, um die Ruhe von Wallgau zu genießen. Chefin Katharina Zunterer, 34, kann das ihren Gästen aber schon lange nicht mehr versprechen – denn an jedem schönen Wochenende drücken sich Massen an Autos durch das kleine Dorf im Kreis Garmisch-Partenkirchen. Von morgens bis abends. „Als ich letzten Samstag zum Einkaufen geradelt bin, wollten unsere Gäste, eine Familie mit kleinen Kindern, gerade die Straße überqueren“, erzählt sie. „Als ich zurückkam, standen sie immer noch am gleichen Fleck.“

Seit Jahren klagen die Wallgauer über dieses Problem: Immer mehr Autofahrer nutzen das 1500-Einwohner-Dorf als Abkürzung für ihre Fahrt nach Innsbruck oder zum Gardasee. Eine verlockende Alternative: Urlauber weichen dem Stau auf der üblichen Route Richtung Kufstein aus – und genießen dafür auf der B 11 den Blick vom Kesselberg auf den Walchensee. Wallgau, der kleine Erholungsort zwischen Almen, Gipfeln und Seen, wird dabei zum Nadelöhr für den Durchgangsverkehr.

„Wenn wir nicht einmal die Straße überqueren können, wird das für uns zum ernsthaften Problem“

„Natürlich ist das in erster Linie einfach nervig“, sagt Katharina Zunterer. „Aber wenn wir nicht einmal die Straße überqueren können, wird das für uns zum ernsthaften Problem.“ Sie führt gemeinsam mit ihrem Vater das hübsche Gästehaus in einem alten Bauernhaus an der Bundesstraße 11, die sich quer durch den Ort zieht. Mit anderen Wallgauern hat sie jetzt das Bürgerbündnis „Verkehrsentlastung Wallgau“ ins Leben gerufen: Unter dem Motto „Ausbremst is“ demonstrieren an diesem Samstag mindestens 300 Einheimische gegen die Blechlawinen. Ab 11 Uhr spazieren sie eineinhalb Stunden durch das kleine Dorf. Die B 11 wird währenddessen komplett gesperrt sein. Pünktlich zum Ferienstart. Ausgerechnet zum Ferienstart.

Zunterer schlägt einen dicken Ordner auf. Sie nennt den Inhalt „die Schmerzpunkte der B 11“ – das sind zum Beispiel der Übergang zur Wallgauer Kita, das Gehupe an der Kreuzung, die Apotheke in einer unübersichtlichen Rechtskurve. „Natürlich stampfen wir nicht einfach so eine Demo aus dem Boden, weil wir unzufrieden sind“, sagt sie. „Wir haben erst nach Lösungen gesucht.“ Dann blättert sie durch Zeitungsartikel, in denen es darum geht, wie stark München noch in den nächsten Jahren wachsen wird. Durch Statistiken, wie lange der Bau eines Tunnels dauert. Durch E-Mails ans Rathaus, Landratsamt und ans Innenministerium. „Wenn man Anwohner ist“, sagt sie, „kann man fast nicht anders. Irgendwas müssen wir doch tun.“

Den Ausflüglern will man nicht die Schuld geben

Der dicke Ordner zeigt: Es gibt viele Ursachen für die verstopfte B 11. Den Ausflüglern will man jedenfalls nicht die Schuld geben. Immerhin ist die Gemeinde von ihnen abhängig – hier gibt es kaum Firmen oder Büros. Wallgau lebt seit Generationen zu großen Teilen vom Tourismus.

„Ich kann natürlich die Münchner verstehen: Wir sind ja so nah dran, dass sich ein Tagesausflug lohnt“, erzählt Bürgermeister Bastian Eiter im Rathaus. „Das Traurige daran ist leider nur, dass viele bis auf die Parkgebühren gar kein Geld dalassen.“ Und noch problematischer sei, dass viele Autofahrer nur schnell durch Wallgau durchfahren wollten. „Wir haben in den letzten fünf Jahren das Maximum überschritten“, sagt Eiter. „Oft drückt sich vor unserer Tür eine einzige Warteschlange im Schritttempo durch den Ort.“ Der 45-Jährige ist erst seit wenigen Monaten im Amt und gilt in der Gemeinde als junger, engagierter Bürgermeister.

Eine Lösung hat er aber nicht – Wallgau alleine könne nichts tun, da ist sich Eiter sicher. Zu viele Faktoren würden eine Rolle spielen, zu viele Regionen seien neben Wallgau ebenso stark betroffen. „Die vielen Baustellen in Garmisch-Partenkirchen sind zum Beispiel nur ein Aspekt vom Ganzen“, sagt er. „Wenn es sich da staut, schlagen die Navis plötzlich den Kesselberg vor und alle stehen hier.“ Auch das extreme Wachstum Münchens erdrücke die Gemeinde. „Natürlich kommen immer mehr Menschen her, wenn die Metropolregion jedes Jahr um Zehntausende wächst.“

Die Zugverbindung ist zu schlecht ausgebaut

Noch so eine Sache ist die Zugverbindung, die schlecht ausgebaut ist. „Man kann zwar von München mit dem Zug Richtung Garmisch-Partenkirchen fahren, allerdings gibt es nur ein Gleis. Hat ein Zug Verspätung, verschiebt das den ganzen Fahrplan.“ Ein 30-Minuten-Takt sei so gar nicht möglich. „Wir können das nicht alleine bewältigen“, sagt er. „Das kann nur die große Politik.“ Trotzdem findet er: „Jeder kann zumindest ein bisschen mithelfen.“ Rücksichtnahme ist hier das Stichwort. Immer wieder, erzählt der Bürgermeister, rasen Auto- und Motorradfahrer mit aufheulendem Motor durch den Ort. Und montags in der Früh sei der anliegende Walchensee eine einzige Müllhalde. Eiter holt tief Luft. „Wir sind nicht Legoland“, sagt er. „Wir wohnen hier.“

Erst kürzlich hat ein Wallgauer auf eigene Kosten ein Tempo-Messgerät am Ortseingang aufgestellt. „Wir haben letztens 140 Stundenkilometer gemessen“, sagt Demo-Organisatorin Zunterer. Sie selbst ist oft mit dem Fahrrad unterwegs – oft wird es brenzlig, wenn sie überholt wird, erzählt sie. Auch sie meint: „Vielen fehlt das Bewusstsein, dass hier Menschen leben. Die B 11 wird immer mehr zur Autobahn. Es sind ja nicht nur die Urlauber“, sagt sie. „Es sind auch Lkws, Motorräder und Flixbusse.“ Oft klingen die kleinen Glöckchen im Gasthaus Zunterer, wenn ein Laster vorbeibrettert.

Manche Hoteliers haben schon Angst, dass der Dauerstau die Stammgäste vergrault

Gut 20 Gasthäuser und Hotels liegen in Wallgau direkt an der B 11. Manche Hoteliers haben schon Angst, dass der Dauerstau die Stammgäste vergrault. „Die empfinden das mittlerweile nicht mehr als Erholung“, sagt zum Beispiel Bernhard Neuner, 51. Sein Hotel „Zur Post“ ist seit bald 400 Jahren in Familienbesitz. „Viele sagen ja, man sollte froh sein, wenn so viele Menschen herkommen“, sagt Neuner. „Aber von 3000 Autos, die hier vorbeifahren, bleiben vielleicht zehn bei uns hängen. Und dann wollen viele einfach nur schnell zur Toilette.“

Mittlerweile musste er das verbieten. „Wenn ich zurückdenke, als ich noch ein Bub war, das war überhaupt kein Vergleich.“ Früher hat man noch anders Urlaub gemacht, sagt er. „Da konnte man sich maximal ein bis zwei Urlaube im Jahr leisten. Und man hat die Zeit richtig genossen, hier gegessen, es sich in einem Ort gut gehen lassen.“ Heute nutze man jeden Brückentag, jedes lange Wochenende für einen schnellen Ausflug.

Auch seine Stammgäste werden am heutigen Samstag stundenlang im Stau stehen. Trotzdem stehen die Einheimischen hinter der Demo, auch der Bürgermeister. „Natürlich steigt man auch denen auf die Füße, die hier eine Woche Urlaub machen“, sagt Eiter. „Aber was sollen wir sonst machen?“ Nur so könne man die Menschen wachrütteln. Kathrin Braun

Kilometerlange Staus und Verkehrschaos mit Ansage: Wallgauer protestieren gegen Ausflugsverkehr

Erstmeldung vom 20. Juli 2020:

Wallgau – Ausflügler und Urlauber, die sich zum Start der Sommerferien auf den Weg zum Walchensee oder über Mittenwald nach Österreich machen wollen, müssen sich auf erhebliche Verzögerungen einstellen – oder sich vorher eine andere Route überlegen. Denn in Wallgau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen will ein Bürgerbündnis am Samstag ein Zeichen des Protests gegen die Verkehrsbelastung auf der Bundesstraße 11 setzen. Die Straße führt von Kochel über Walchensee nach Wallgau und Krün und wird besonders bei schönem Wetter von zahlreichen Ausflüglern genutzt.

Unter dem Motto „Ausbremst is“ ruft die neugegründete Interessengemeinschaft Verkehrsentlastung Wallgau (VEW) gemeinsam mit der Radl-Initiative Garmisch-Partenkirchen zum Protest. Die Kundgebung ist von 11 bis 12.30 Uhr angesetzt, rund 300 Teilnehmer wollen dabei gemütlich durch das 1400-Einwohner spazieren. In diesem Zeitraum wird Wallgau für den Verkehr auf der B 11 komplett abgeriegelt sein, Schlupflöcher für Durchreisende soll es nicht geben. Angesichts des zu erwartenden Ausflugsverkehrs am ersten Ferientag dürfte das zu kilometerlangen Staus führen.

„Wir wollen keinen ärgern, wir wollen wachrütteln“

Das ist den Initiatoren klar. Katharina Zunterer, Sprecherin der VEW betont aber: „Wir wollen keinen ärgern, wir wollen wachrütteln.“ Sie spricht von zu hohen Geschwindigkeiten, Lärmbelästigung, Luftverschmutzung und „lebensgefährlichen Situationen“ im Bereich des Kindergartens wegen des hohen Verkehrsaufkommens. Die Interessengemeinschaft fordert eine Umgehungsstraße.

Es ist nicht der erste Protest dieser Art. Im Herbst gingen Walchenseer Bürger auf die Straße, um gegen das hohe Verkehrsaufkommen, Falschparker und Müllberge am Walchensee zu demonstrieren. Christof Schnürer - merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Die A9 bei Nürnberg wird ab Samstag (19 Uhr) komplett gesperrt. Das erklärte die Autobahndirektion Nordbayern. Zusätzlich rechnet der ADAC wegen dem Ferienbeginn mit Stau.

Der Nationalpark Bayerischer Wald erlebt gerade dank Corona ein Touristen-Hoch. Dass es sich dabei um einen Natur-Park handelt, schein vielen Ausflüglern neu.

Pfleger und Rettungskräfte arbeiten in der Corona-Krise rund um die Uhr. Ein bayerischer Urlaubsort hat sich jetzt ein besonderes Dankeschön ausgedacht.

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