Weltoffen, erfolgreich, lässig

Warum die neuen Bayern so beliebt sind

+
Bayern haut rein: das Publikum beim LaBrassBanda-Auftritt im Circus Krone.

München - Früher, da war Bairisch out und uncool. Tradition und Brauchtum galten als hinterwäldlerisch und altmodisch. Doch die Klischees haben sich längst überholt. Bayern boomt – nicht nur wirtschaftlich.

Aus der ganzen Republik schaut man respektvoll auf den Freistaat. Lässig, weltoffen, selbstbewusst: So zeigen sich die neuen Bayern. Die Klischees von einst sind von einem echten Lebensgefühl abgelöst geworden. Dirndl und Lederhosen werden nicht mehr als alberne Verkleidung gesehen, sondern sind Ausdruck sympathischer Identität. „Made in Bayern“ ist ein Erfolgsschlager, seit kreative Köpfe wie Marcus H. Rosenmüller, LaBrassBanda oder Schauspielerin Anna Maria Sturm als blau-weiße Markenbotschafter stehen und Gamsbart und Hergottswinkel überstrahlen. Ein tz-Report über die Geschichte einer bayerischen Wandlung.

Beliebt, beliebter, Bayern – Daten und Fakten zum Phänomen:

Heimatliebe: Laut Bayernstudie 2012 des Bayerischen Rundfunks leben mittlerweile 79 Prozent der Bayern „sehr gerne“ hier, 2009 waren’s „nur“ 74 Prozent. Demnach ist die Heimatliebe bei unter 30-Jährigen sogar noch stärker angestiegen: von 53 auf 61 Prozent.

Der beliebte Dialekt: Die neueste repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov von 2012 zeigt, dass Bairisch 27 Prozent aller Deutschen mögen, nur Norddeutsch ist demnach noch beliebter (29 Prozent). Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergab sogar, dass Bairisch mit 35 Prozent ganz an der Spitze steht.

Bayern-Krimis boomen: Alle sechs Allgäu-Krimis um Kommissar Kluftinger von Michael Kobr und Volker Klüpfel haben sich im sechsstelligen Bereich verkauft. Jörg Maurer erreichte mit Unterholz auf Anhieb Platz 5 der Spiegel-Bestsellerliste. Rita Falk landet mit ihren in der Provinz spielenden Krimis in den Toplisten. Andrea Maria Schenkels Tannöd wurde eine Million mal verkauft und war etliche Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Und der preisgekrönte Münchner Friedrich Ani zählt zu den großen Ausnahmekönnern.

TV-Serie: Seit dem Start vor sechs Jahren legte die BR-Serie Dahoam is Dahoam von anfänglich 13 Prozent Marktanteil im Jahresschnitt in Bayern auf über 16 Prozent Marktanteil (610 000 Zuschauer) zu. Bei den 14- bis 49-Jährigen hat sich der Marktanteil verdoppelt.

Export-Hit LaBrassBanda

Fünfmal ausverkauftes Haus mit je fast 2000 Zuschauern im Circus Krone! In Ulm und Berlin mussten die Konzerte in größere Hallen verlegt werden. Und sogar im hohen Norden, in Hamburg, gibt’s ein Zusatzkonzert. Die bayerische Power-Blasmusik-Combo LaBrassBanda (tz-Rosenstrauß 2008) schwimmt chronisch auf einer Riesen-Erfolgswelle und ist einer der größten Exportschlager des Freistaats. Da zieht’s einem die Schuhe aus – passend zu den Bandas, die ja bekanntlich barfuß auftreten …

Obacht, jetzt kommen wir! LaBrassBanda sind ein Top--Export.

„Dass die Tour in solchen Dimensionen einschlägt, ist schon sehr überraschend“, sagt Sänger und Trompeter Stefan Dettl (32) zur tz. Man habe sich den Erfolg in den Städten außerhalb Bayerns jahrelang in vielen kleinen Konzerten hart erkämpft. Jetzt gab’s nochmal einen gewaltigen Sprung aufwärts: 2008 hatte die Chiemsee-Combo doppelt so viele Auftritte wie heuer. Dettl: „Trotzdem haben wir bei dieser Tour mit 54 Auftritten mehr Zuschauer. Das ist echt krass. Da sind wir selbst sprachlos.“

Und das, obwohl viele Zuschauer das krasse Bairisch der vierköpfigen Band wohl gar nicht mal verstehen. Und trotzdem dieser Riesen-Erfolg. „Wir können halt nicht Hochdeutsch singen. Aber das macht nichts“, sagt Dettl. „In den USA haben die Bands auch oft einen starken Slang, den keiner versteht. Bei uns ist es der Flair des Dialekts, die Klangfarbe, die ein bestimmtes Gefühl transportiert. Und natürlich die Stimmung.“

Sie sind einfach wie sie sind, die Jungs vom Chiemsee. Und das ist neben ihrem fabelhaften Können ihr Erfolg. Dettl: „Wir machen uns keine Gedanken, wie wir als Bayern wahrgenommen werden. Und wir wissen auch, dass wir Bayern in vielen Bereichen nicht führend sind, zum Beispiel im Clubbereich: München hat gerade mal drei Jazz-Clubs, London hat über hundert …“

Bescheidenheit – und eine Portion Selbstironie, das steht für BrassBanda. „Wir bedienen Bayern-Klischees“, erklärt Dettl. „Aber wir spielen auch damit, etwa durch andere Rhythmen – und räumen damit gleich wieder mit Klischees auf.“ Großkopfert werden LaBrass Banda trotz ihres Siegeszuges nicht. „Wir werden nicht nur noch in großen Hallen spielen“, beruhigt Stefan Dettl. Er weiß als Vollblutmusiker: „Das Wichtigste wird immer die Atmosphäre beim Konzert bleiben.“

Moop Mama

Als käm der Rap aus Bayern und nicht aus den USA: Moop Mama, elf Musiker aus München, verbindet großartig Blasmusik mit Rap. Ganz neu im Handel: Das rote Album – yo, man, griabig!

Das sagt die Expertin

Gibt es sie wirklich, die neue, selbstbewusste Generation aus Bayern? Die tz hat mit der Kulturwissenschaftlerin Simone Egger vom Institut für Volskunde der LMU gesprochen.

Frau Egger, Bayern war schon immer in anderen Bundesländern und im Ausland beliebt. Warum?

Simone Egger: Da spielen viele Faktoren zusammen: Schon seit 200 Jahren und damit vergleichsweise lang platziert der Freistaat bewusst die starken Bayern-Bilder der Landschaft und der Bräuche in Rest-Deutschland und im Ausland. Hinzu kommt seit 50 Jahren der wirtschaftliche Erfolg, das positive Image von Unternehmen wie BMW oder dem FC Bayern. Trotzdem ist der Umgang mit dem Bayerischen immer im Wandel.

Und wie werden wir zur Zeit gesehen?

Egger: Noch vor 20 Jahren war Bayern nur CSU und Lodenmantel. Seit etwa zehn Jahren aber ist das Bild weniger eindeutig. Die Grenzen sind fließender geworden, die Symbole sind nicht mehr so behaftet. Heute trägt auch Frau Nallinger von den Grünen ein Dirndl. Tracht ist nicht mehr gleich konservativ. Und Volksmusik kann auch mit modernen Elementen vermischt werden …

 … das aber ärgert die Brauchtumspfleger.

Egger: Ja, einige schon. Aber die junge Generation nimmt sich trotzdem heraus, auch nur Teile der bayerischen Tradition für sich anzunehmen, ohne gleich in den Schützenverein zu gehen. Diese Generation entscheidet sich heute nicht mehr zwischen Tradition und Moderne, sie nimmt beides. Heute haben Jugendliche einen Handy-Klingelton mit Blasmusik.

Also keine Schubladen mehr?

Egger: Das Klischee der Bayern wird immer bleiben. Aber ich merke schon, dass das Ausland eine Veränderung bemerkt. Ich habe zum Beispiel Anfragen von der New York Times, die sieht, dass sich etwas ändert – und eine Erklärung dafür sucht.

Das bringt den Bayern mehr Aufmerksamkeit …

Egger: Mehr Aufmerksamkeit und mehr Anhänger. Dadurch, dass die neue Generation spielerischer mit der bayerischen Tradition umgeht, ist auch ihre Kunst offener für ein breiteres Publikum geworden. Mittlerweile können sich mehr Menschen damit identifizieren. Und das bringt auch Erfolg.

Jung und offen: Das denkt die Erfolgsgeneration

Maria Hafner

Bayerisch, selbstbewusst und in keine Schublade zu stecken: Die geborene Straubingerin Maria Hafner (33) kommt damit gut an. Als Schauspielerin hat sie schon mit Franz Xaver Bogner zusammengearbeitet. Mit ihrer Volksmusikgruppe Zwirbeldirn räumt sie Preise ab, mit dem kabarettistischen Akkordeonduett Hasemanns Töchter begeisterte sie gerade im Herzkasperlzelt auf der Wiesn.

In ihrem Künstler-Profil gibt die Wahlmünchnerin auch Jodeln, Dialekt sprechen und bayerische Volksmusik als Referenzen an. „Ich bekomme deshalb Jobs. Aber für Andere kann das Bayerische auch eine Falle sein, aus der sie nicht mehr rauskommen.“ Hafner selbst läuft da keine Gefahr: Ihre Musik ist nicht schnell einzuordnen. „Bei einem Berlin-Auftritt mit Zwirbeldirn hat uns ein Typ gefragt: ‚Wahnsinn! Was ist denn das für eine Musik, die ihr da macht?!‘ Wir hätten auch sagen können, das sei mexikanisch. Obwohl wir zu 70 Prozent alte bayerische Stücke spielen, hat er das nicht erkannt! Das liegt an der Art, wie wir das musizieren. Wir spielen mit viel Druck und bretteln das richtig hin. Das entspricht nicht dem Klischee von bayerischer Musik.“

Außerhalb Bayerns dauert‘s freilich auch mal zwei Sekunden länger, bis der Funke überspringt. „Wir haben mal im Rahmen der documenta in Kassel gespielt. Die haben uns angeschaut, als wären wir Außerirdische … Aber dann waren sie positiv von dem anderen Bayern-Bild überrascht.“

Anna Maria Sturm

Anna Maria Sturm.

Rosenmüllers Heimatfilm Beste Zeit hat die Hauptdarstellerin Anna Maria Sturm (28) 2007 über Nacht bekannt gemacht. Von da an ging es für das Schauspieltalent mit dem bairischen Dialekt steil bergauf. Von 2011 bis 2013 stand sie als Ermittlerin Anna Burnhauser im Polizeiruf 110 vor der Kamera. Die Oberpfälzerin sagt: „Der bairische Dialekt ist ziemlich einprägsam. Viele Menschen lieben den Klang. Es ist toll, dass es viele bayerische Bands gibt. Der Dialekt eignet sich ja gut zum Singen. Aber ich glaube nicht, dass die Zuschauer einen Film nur sehen, weil er bayerisch ist. Er muss auch Qualität besitzen. Ein schlechter Film ist schlecht in Bairisch und schlecht in Hochdeutsch.“

Sturm wohnt mittlerweile in der Hauptstadt. „Für meinen Beruf ist Berlin ein wichtiger Ort, und ich bin froh, dort zu wohnen. Aber ich kehre immer wieder gerne in meine Heimat zurück.“

Wellbappn

Wellbappn sind auf Tour, und beide Konzerte in Frankfurt waren rappelvoll! „Als Biermösl Blosn waren wir auch früher schon in ganz Deutschland beliebt“, sagt der ehemalige Biermösl-Musiker Hans Well (60). Jetzt ist er mit seinen drei Kindern Sarah (21), Tabea (20) und Jonas (17) unterwegs – frech-kritisch-politische Texte, bayerisch-erdige Volksmusik. „Aber heute hat das einen ganz anderen Zungenschlag. Jetzt ist Bayern trendig.“

Vor allem an den Töchtern merkt Well diesen Trend: „Ich stelle mit Erstaunen fest, wie selbstverständlich und völlig wertfrei sie in Tracht aus dem Haus gehen. Das war bei uns nicht so.“ Auch seine Kinder müssten sich mit dem „Bayerndeppen- und Musikantenstadl-Image“ rumschlagen. „Aber sie spielen mit den Klischees.“

Schon mit Marcus H. Rosenmüllers Erfolgsfilmen habe sich, so Well, etwas geändert. „Da nimmt Bayern sich nicht mehr so ernst. Und bei Aktionen wie den Volksmusiktagen im Fraunhofer merke ich, dass die Jungen ein völlig unverkrampftes Verhältnis zur Tradition haben und offener damit umgehen.“

Marcus H. Rosenmüller

Er ist für viele der Vater der neuen Generation. Mit Marcus H. Rosenmüllers Film Wer früher stirbt ist länger tot (2006) hat der Siegeszug der jungen Bayern angefangen. Der Regisseur sieht das so: „Ich denke, diese Weltoffenheit, das Einladende ist das Neue und Richtige, nicht die Abgrenzung! Die anderen sind auch wir!“

Im Trend: Dirndlschaften

Emanzipation auf Bayerisch: Als Pendant zu den Burschenschaften entstehen seit einigen Jahren immer mehr selbstbewusste Dirndlschaften. Die Biberger Madln (Foto) aus Unterbiberg sind eine davon. „Was die Burschen dürfen, dürfen wir auch“, sagt die zweite Vorsitzende Elisabeth Kyrein (23). Eines ihrer ­Ziele: Tracht noch weiter zu verbreiten.

Heimat ist modern: Diese Shops zeigen's:

Der Servus-Heimat-Laden in der Brunnstraße.

Die jungen Bayern zeigen, wo sie herkommen. Geschäfte und Online-Shops, die moderne Heimatartikel anbieten, sprießen aus dem Boden. „Früher ist man als Münchner mit seiner Herkunft nicht in Berlin hausieren gegangen, das hat sich geändert“, sagt Florian Neubauer, Inhaber der drei Münchner Servus Heimat-Läden. Die Idee vor zehn Jahren: „Damals gab es nur Souvenirs für Touristen, die zudem meist kitschig sind. Ein Konzept für Einheimische gab’s nicht.“

Schon innerhalb eines Jahres boomte der erste Laden: T-Shirts mit „Servus“-Aufschrift, Tassen mit König Ludwig-Kopf in knalligen Farben oder Brotzeitbrettl mit Gamsfigur und „Heimat“-Schriftzug (o.) finden reißenden Absatz. „Die Kunden sind zu 80 Prozent aus München und der Region“, erzählt der Chef. Mittlerweile gibt’s drei Servus Heimat-Läden: im Stadtmuseum, im Tal und in der Brunnstraße. Das Sortiment wächst stetig.

Auch Online-Portale wie www.heimatshop-bayern.de setzen vorrangig auf die Region. Unter den 88 Produkten: ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Bayern. Echt, original, wild, geliebt.“ Untertreibung war gestern.

Szenige Partymacher vertrauen neuerdings auf Wodka aus München wie Monacovodka oder auf Gin aus der Münchner Brauerei The Duke. Getreu dem Motto: Wir können mehr als nur Bier!

Nina Bautz

auch interessant

Meistgelesen

Keine Rettungsgasse: Feuerwehrlern platzt der Kragen
Keine Rettungsgasse: Feuerwehrlern platzt der Kragen
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
Sepp Haslinger: Wetterkerze wieder voll daneben
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
So skurril wurde der Balkan-Bandenchef überführt
Meridian lässt Unglückszüge von Bad Aibling nachbauen
Meridian lässt Unglückszüge von Bad Aibling nachbauen

Kommentare