Was aus den Flut-Opfern wurde

Jetzt bauen wir uns ein neues Zuhause

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Rechts: Dietmar und Rosemarie Seidler vor ihrer Baugrube in Fischerdorf bei Deggendorf. Die Luftaufnahme ihres Hauses, das 1972 erbaut wurde, ging um die Welt (links).

Deggendorf - Die Jahrhundertflut vom Juni - ihre Opfer haben natürlich noch heute mit den Folgen zu kämpfen. Doch für einige gibt es Hoffnung: wie es einigen Opfern jetzt geht.

Rosemarie Seidler steht mitten in ihrem Garten, nervös wischt sich die 71-Jährige immer wieder übers Gesicht. „Da war die Küche“, sagt sie leise, als sie auf ein Loch im Erdreich deutet. „Dahinten das Schlafzimmer.“ Ja, hier stand bis vor wenigen Wochen noch ihr Haus. Jetzt ist alles weg. Abgerissen. Die Schäden durch die Jahrhundertflut vom Juni – sie waren zu groß. Den Tag, als sie und ihr Mann Dietmar nach dem Hochwasser das erste Mal zurück zu ihrem Haus durften, wird die gelernte Schneiderin nie vergessen: „Ich habe Schubladen aufgemacht und überall lief Wasser heraus, alles stank nach Öl. Ich musste mich hinsetzen und weinen.“ Rosemarie Seidler blickt kurz wieder auf die Baugrube, dann lächelt sie. „Alles Vergangenheit. Jetzt bauen wir uns halt eine neues Zuhause“, fügt sie kämpferisch an. Wie genau sie das finanzieren will, weiß sie zwar noch nicht, „aber es wird schon irgendwie gehen.“

Das Haus der Seidlers – es wurde weltberühmt: Die Luftaufnahme, wo nur noch Hecke und Hausdach aus der braunen Brühe ragen, wurde sogar in der Londoner Times abgebildet. Und ihr Zuhause ist ein Symbol – dafür, wie die Fischerdorfer und Natternberger anpacken. Wer die Stadtteile von Deggendorf heute besucht, sieht überall Baukräne in den Himmel ragen. Über 150 Häuser wurden schon abgerissen, hunderte aufwendig saniert. Die Seidlers wollen in diesen Tagen noch die Bodenplatte für ihr neues Zuhause legen lassen. Bisher haben sie 9000 Euro vom Staat bekommen und 2000 Euro von der Caritas. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass die zwei ganz von vorne anfangen müssen. „Von den vielen Spenden kam noch gar nichts“, sagt Dietmar Seidler. „Keiner weiß hier, nach welchen Kriterien das verteilt wird.“ In seinem Bekanntenkreis gebe es jedenfalls keinen, der davon schon etwas bekommen habe. Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass die Lokalzeitung vor Ort Millionen sammelte. „Naja, im Frühjahr wollen wir, dass unser Rohbau steht. Das wird schon klappen.“ Seit Monaten leben die Seidlers übrigens in einer kleinen Wohnung in einem Deggendorfer Altenheim. Ein Unternehmer stellte das Haus als Unterkunft für Flut­opfer zur Verfügung. Sie müssen nur Strom und Wasser bezahlen. „Ein schöner Zug“, wie alle Betroffenen meinen. „An Hilfsbereitschaft hat es eh nie gemangelt“, sagt ein Nachbar der Seidlers. „Wir Bayern halten halt zusammen.“

Auch, wenn es darum geht, dass so etwas nie wieder passiert. Mittlerweile hat der bayerische Landtag für den Hochwasserschutz 600 Millionen Euro für die kommenden Jahre genehmigt. Besonders an der Isar muss noch viel getan werden. Sie war es, die Fischerdorf und Natternberg versinken ließ – nicht die Donau.

Satte acht Milliarden Euro hat der Staat bewilligt, um all den Betroffenen in Deutschland zu helfen. Eine Summe, die Dietmar Seidler und all den anderen Fischerdorfern Hoffnung macht. „Wir sollen jetzt mal loslegen beim Bau und dann Rechnungen einreichen“, erklärt er. Dann wurde ihnen versprochen, dass vieles davon beglichen wird. „Etwas unsicher fühlt man sich da schon – aber was will man machen“, sagt der ehemalige Lastwagenfahrer.

Hier in Fischerdorf haben alle das gleiche Ziel für 2014: Dass sie im Sommer wieder in ihren Gärten sitzen, dass gegrillt wird, dass Kinder spielen und überall gelacht wird. Rosemarie Seidler ist sich sicher: „Genau so wird es sein!“

Armin Geier

2014 wird alles gut

Der Garten von Ernst Seiner, als er wieder zurück in sein Haus durfte.

Natternberg und Fischerdorf – diese zwei Ortsnamen erlangten im Sommer traurige Berühmtheit. Bis zum zweiten Stock der Häuser stand das Wasser in den Siedlungen nahe Deg­gendorf. Tausende Bewohner mussten evakuiert werden. Als sie zurück durften, bot sich ein Bild der Zerstörung.

Erst gut drei Wochen nach der Flut war das ganze Wasser verschwunden

„Ich konnte alles aus der Wohnung rausreißen und wegschmeißen“, erzählt Ernst Seiner aus Natternberg. Monate dauerte es, bis all die Fliesen abgeschlagen waren, die Wände neu verputzt. Manche Häuser in der Siedlungsstraße stehen noch immer leer, weil Renovierungsarbeiten im Gange sind. „Erst im Frühling wird alles wieder normal sein“, sagt eine Nachbarin.

Das Autozentrum in Fischerdorf wurde vollständig überflutet

Wie groß der Schaden war, zeigt sich auch in Fischerdorf am Beispiel des Autozentrums. Hier soffen zig Autos in der Flut ab (siehe Foto), die Bilder liefen in allen Nachrichten. Und sechs Monate später? „Wir sitzen hier in unserem Büro noch immer auf geschenkten Stühlen, weil bei der Flut das ganze Inventar vernichtet wurde“, erzählt ein Angestellter. Die Halle, wo die neuesten BMWs präsentiert wurden, ist noch immer nicht fertig.

Nachdem das Wasser weg war, stank alles nach Öl und Morast.

„Die war völlig zerstört, hier müssen alle Wände noch neu verputzt werden.“ Derzeit arbeiten alle Angestellten in der zweiten Halle an klapprigen Schreibtischen. „Und es riecht noch immer überall nach Öl.“ Zumindest waren die Autos, die nach der Flut nur noch Schrottwert hatten, versichert. „Aber 2014 werden wir alles wieder so hinbekommen wie früher.“

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