Der größte Einsatz seines Lebens

Nach Horror-Unfall: Keiner hielt es für möglich - doch Bene schaffte es

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Bene beim ersten Ausflug ins Freie – noch im Rollstuhl.

Nach einem Horror-Unfall mit dem Motorrad gaben die Ärzte dem Wasserburger Polizisten Bene Englmann kaum eine Chance. Doch er kämpfte sich zurück - seine Genesung grenzt an ein Wunder.

München - Die Liste seiner Verletzungen war zwei Seiten lang: Sechs Brustwirbel, der linke Oberschenkel, eine Rippe und das linke Schienbein gebrochen, linker Mittelfuß zertrümmert, Kreuzband und Sehne gerissen, Hirnblutungen. Bene Englmann musste sechs Operationen über sich ergehen lassen, fünf Wochen lag er im künstlichen Koma, monatelang in Krankenhäusern, danach Reha-Aufenthalte und Therapien. Der 24-Jährige hat eine unglaubliche Leidensgeschichte hinter sich – aber auch eine Geschichte, die von unfassbarem Kampfgeist geprägt ist.

Der Unfall passierte bei der ersten Motorradtour im Frühling 2018. Der junge Polizeibeamte war mit seinen Kumpels unterwegs. Er fuhr ganz vorne. Dann geriet ein Autofahrer auf seine Fahrspur und erfasste ihn frontal. Bene Englmann flog 40 Meter durch die Luft und prallte gegen ein Verkehrsschild.

Für Ärzte ist er das „Wunder von Traunstein“

Was der 24-Jährige aus Amerang (Kreis Rosenheim) hinter sich hat, ist ihm kaum noch anzusehen. Er sieht blendend aus – groß, durchtrainiert. Nur ein leichtes Humpeln ist geblieben. Und ein Taubheitsgefühl in der linken Fußsohle. In seinem Bein steckt noch ein langer Metallstift. Mit fester Stimme erzählt er, wie er sich zurück ins Leben gekämpft hat.

Auf dem Handy hat er diese Geschichte in Bildern zusammengefasst. Das erste Mal wieder auf eigenen Beinen stehen. Das erste Mal duschen. Das erste Mal mit den Freunden ein Bier trinken. Das erste Mal in den Klinikgarten an die frische Luft. Das erste Mal für ein paar Stunden daheim sein. Das erste Mal die Krankenhauskost gegen ein Mc-Donald’s-Menü austauschen. Der erste Ausflug mit der Freundin. Der erste Besuch auf Krücken bei den Kumpels. Anfangs hatte niemand damit gerechnet, dass es so viele erste Mal geben könnte. Ein Bein war nach dem Unfall so stark angeschwollen, dass eine Amputation drohte. Die Hirnblutungen hatten einen so großen Druck auf seinen Kopf ausgelöst, dass die Schädeldecke geöffnet werden musste. Ein Stück so groß wie eine Handfläche wurde entfernt, der Schädel fiel danach in sich zusammen. Eine deutliche Delle war zu sehen. Die Ärzte implantierten eine 3D-Hartplastik – sie wurde mit 47 Klammern an die Schädeldecke fixiert. Auch Englmanns Fuß konnten sie retten, alle Knochen wuchsen wieder zusammen. Erst tauschte er den Rollstuhl gegen Krücken, später hatten auch sie ausgedient. Für die Ärzte, die Pfleger und die Therapeuten ist Bene Englmann „das Wunder von Traunstein“.

“Meine größte Angst war, dass ich nicht wieder arbeiten darf“

Im Juli wurde er in die ambulante Reha entlassen. „So wie ich hier sitze, habe ich 600 000 Euro gekostet“, sagt er heute und grinst. Die größten Hürden waren für ihn jedoch nicht die Operationen und Therapien – sondern der Besuch beim Amtsarzt im Oktober. Denn der 24-Jährige wollte unbedingt zurück in den Polizeidienst. „Meine größte Angst war, dass ich nicht wieder arbeiten darf. Wenn das passiert wäre, wäre ich durchgedreht. Ich bin mit großer Leidenschaft Polizist und am liebsten unterwegs. Ich bin kein Typ für den Innendienst.“ Seine Angst erwies sich als unbegründet: Bene Englmann ist inzwischen zurück auf den Straßen von Wasserburg – als Polizeimeister trägt er wieder die blaue Uniform.

Er ist überzeugt: Ohne den Rückhalt seiner Familie, seiner Freundin und seiner Kumpels hätte er die schweren Monate nicht überstanden. Er sagt aber auch: „Ich bin einfach keiner, der aufgibt. Ich wollte unbedingt wieder zurück in mein normales Leben.“ Abhängig von anderen zu sein, das war schon immer schwer zu ertragen für ihn. Auf einmal brauchte er für alles Hilfe: beim Waschen, beim Autofahren, bei den vielen alltäglichen Kleinigkeiten. Stehen und Gehen musste er neu lernen. Und auch die Zeit im Koma hatte Spuren hinterlassen. In seinem Gedächtnis fehlt ihm bis heute ein halbes Jahr. In Wasserburg, wo er nun wieder auf Streife unterwegs ist, kennen viele seine Geschichte. Oft wird er gegrüßt, die mitleidigen Blicke sind inzwischen seltener geworden.

Benes Genesung: Ein echtes Wunder

Die Zeit im Krankenhaus war für ihn noch aus einem anderen Grund schwer: Sein Kumpel Alex, der damals hinter ihm gefahren war, hatte den Unfall nicht überlebt. Er habe viel geweint, erzählt er. Seine Mutter, sein Bruder und seine Freundin litten mit ihm. Sein Bruder verschob sogar seine Hochzeit, damit Bene als Trauzeuge ohne Krücken dabei sein kann. „Sie alle haben so viel für mich getan, das kann ich mein Lebtag nicht zurückgeben“, sagt er nachdenklich.

Auch deshalb hat er nie aufgegeben. Für seine Familie. Denn sie musste schon einmal großen Kummer bewältigen. Sein jüngerer Bruder Corbi war 2011 bei einem Unfall gestorben. „Er hat im Himmel auf dich aufgepasst“, hat seine Mutter damals zu ihm gesagt.

Inzwischen geht Bene wieder in Uniform durch die Gassen von Wasserburg auf Streife.

Der Unfall hat ihn verändert. Auch wenn er sagt, er habe alles gut weggesteckt. In den Monaten im Krankenhaus hat er viele Patienten gesehen, die durch Unfälle Pflegefälle geworden sind. „Das mit dem Wunder stimmt schon“, sagt er. „Und das macht mich demütig.“

Video: Technische Innovationen revolutionieren die Reha-Branche

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Heike Duczek

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