Wegen Fachkräftemangel

Arbeitsplätze für behinderte Menschen

Augsburg - Fähigkeiten von behinderten Menschen könnten angesichts des Fachkräftemangels an Bedeutung gewinnen. Einige Firmen in Bayern setzen bereits auf sie. Einbeziehung statt Werkstatt?

Ein sehbehinderter Bäcker, ein Gehörloser, der Lieferungen zusammenstellt oder ein Lagerarbeiter, der einen seiner Arme nicht bewegen kann: Noch immer ist das die Ausnahme. Denn oft finden behinderte Menschen keinen normalen Job, sondern arbeiten in speziellen Behinderten-Werkstätten, wie sie zum Beispiel die Lebenshilfe betreibt. Das soll sich ändern. „Ich möchte, dass behinderte Menschen Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen“, sagt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe.

Behinderte würden so besser in die Gesellschaft integriert. Aber es geht auch um wirtschaftliche Interessen - viele Unternehmen könnten von Menschen mit Behinderung profitieren: „Wir können es uns angesichts des Fachkräftemangels nicht leisten, die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung nicht zu nutzen“, sagt Hüppe. Die Botschaft scheint anzukommen: Auf dem Arbeitsmarkt tut sich etwas.

Ein Beispiel dafür ist die Bäckerei „Der Beck“ aus Erlangen. Dort arbeiten 1280 Angestellte, 51 von ihnen haben eine Behinderung. Sie arbeiten im Verkauf, in der Produktion oder in der Verwaltung. Spezial-Arbeitsplätze gibt es nicht. „So haben die Menschen mit Behinderung eine sinnvolle Aufgabe und sind Teil des Ganzen“, erklärt Personalchef Ralf Ullok. Einer der Bäcker etwa kann nur Sachen in nächster Nähe sehen, kann aber vieles über den Tastsinn ausgleichen. Ein gehörloser Mitarbeiter stellt die Touren für die Belieferung der Filialen zusammen. „Wir schauen uns die Fähigkeiten und Stärken an und überlegen dann: Welcher Arbeitsplatz könnte passen und welche Hürden müssen wir verschieben?“

Die bayerische Bäckerei ist kein Einzelfall mehr: Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im Jahr 2011 in Deutschland gut 930 000 Schwerbehinderte beschäftigt - 140 000 mehr als 2006.

Der Softwarekonzern SAP will bis 2020 ein Prozent der rund 65 000 Stellen im Unternehmen mit Menschen mit autistischer Störung besetzen. In Deutschland ist jeder Betrieb, der mehr als 20 Angestellte hat, verpflichtet, fünf Prozent schwerbehinderte Mitarbeiter einzustellen.

Trotz solcher Quoten und Initiativen: Die Zahl derer, die in Behindertenwerkstätten arbeiten, hat sich laut Hüppe in den vergangenen Jahren auf fast 300 000 verdoppelt. „Immer mehr Menschen mit Behinderung kommen gleich nach der Schule in eine neue Sonderform der Beschäftigung, in Werkstätten für behinderte Menschen, Berufsbildungswerke und andere Einrichtungen. Jedenfalls machen sie ihre berufliche Ausbildung häufig nicht in Betrieben, sondern in außerbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen, und das erschwert ihnen später den Einstieg in den Beruf.“

Und Hürden für den Berufseinstieg gibt es einige: Die Bürokratie zum Beispiel. So soll etwa ein Unternehmer, der einen Auszubildenden mit Lernschwäche einstellen will, einen 320-stündigen Kurs über Didaktik, Recht und Medizin belegen. „Der Betrieb, der bereit ist, jemanden mit einer Lernbehinderung einzustellen, dem wird es damit so schwer gemacht, dass er es dann doch nicht macht.“ Und es gibt immer noch Vorbehalte gegen Menschen mit Behinderung. Vor allem, weil die meisten nie gelernt haben, mit ihnen umzugehen. „Dann werden Sie sie als Unternehmer auch nicht einstellen. Auch nichtbehinderte Arbeitskollegen haben manchmal Berührungsängste.“

Hüppe setzt sich deshalb mit der Konferenzreihe „Unternehmen inklusive Arbeit - Mehrwert durch Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen“, die am Donnerstag in Augsburg Station machte, für die Beschäftigung von Behinderten ein. Noch sei die Gesellschaft zu sehr auf die Schwächen fixiert, dabei sollten die Fähigkeiten genutzt werden.

Wie bei der „RO/SE Blechverarbeitung“ aus dem niederbayerischen Bad Birnbach: Dort arbeiten 32 Menschen. Davon haben 17 eine Behinderung. Jeder entwickele seine eigene Technik für die anfallende Arbeit. Mit einer besonders großen Motivation: „Jeder Mensch mit Behinderung ist bemüht, seine Arbeit so gut zu machen, wie der nichtbehinderte Kollege.“ Firmenchef Josef Brunner hat sich 2005 nach einem Gehirntumor dazu entschieden, verstärkt Menschen mit Behinderung einzustellen. „Ich habe mir gesagt: Wenn du gesund nach Hause kommst, gibst du behinderten Menschen eine Chance, wieder in den Beruf einzusteigen.“ Er habe gemerkt: „Jeder könnte morgen behindert sein.“

lby

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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