Wenn der Tod ein Gesicht bekommt

Wasserburg am Inn - Neues, schlimmes Detail zum tödlichen Unfall bei Wasserburg am Inn: Der Bauer, in dessen Güllefass das Auto gekracht war, kannte das Unfallopfer. In der tz spricht er:

Es war keine gute Nacht für Josef Baumann. Der 60-jährige Landwirt aus Wasserburg hat kaum ein Auge zubekommen. Immer wieder tauchten diese Bilder auf – von dem furchtbaren Unfall am Donnerstagabend. Der Landwirt war mit Traktor und Odelfass unterwegs, als es passierte: Ungebremst knallte ein VW unter den Hänger, dessen Fahrer war sofort tot. Das sind die traurigen Fakten, aber nur ein kleiner Teil der Geschichte des Unfalls. Wie sie Josef Baumann erlebt hat, erzählt er der tz.

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Ungebremst unter Güllefass - Autofahrer stirbt

Als er am Abend noch Gülle auf nahe Felder fährt, hat der Bauer schon einen langen Tag hinter sich. Gegen 21.15 Uhr ist er schließlich zum vierten Mal mit dem leeren Güllefass auf dem Weg nach Hause. Mit Tempo 30, 40 tuckert das Gespann auf der B15 dahin. 500 Meter sind’s noch, bis es rechts abgeht zum Hof, da kracht es plötzlich. Der Lärm ist ohrenbetäubend und schmerzhaft wie der einer Kreissäge. Dann erreicht die Wucht des Aufpralls Josef Baumann. Wie ein Sandsack wird er gegen das Lenkrad gepresst. Doch das Gefühl, dass gerade etwas furchtbares passiert ist, übertüncht den Schmerz.

Landwirt Josef Baumann kannte den getöteten Autofahrer gut.

Der Landwirt stoppt, springt ab und rennt ans Heck seines Gespanns. Er mag gar nicht hinsehen. Unter das Odelfass, ins Metall des Aufliegers, hat sich ein Auto gebohrt. „Es herrschte vollkommene Stille“, erinnert sich Baumann und wünscht sich, dass da doch wenigstens noch ein Wimmern zu hören wäre. Doch es ist totenstill. Er alarmiert alles, was er an Rettungskräften erreichen kann. Doch die Hilfe kommt zu spät. Der Autofahrer, der erst aus dem Wrack herausgeschnitten werden muss, stirbt noch an der Unfallstelle.

Es sind viele Gedanken, die Josef Baumann seitdem durch den Kopf gehen. „Mit den ersten drei Fässern bin ich noch eine andere Route nach Hause gefahren. Mit dem vierten bin ich über die B15.“ Warum, weiß er eigentlich selbst nicht genau. Der Unfall gibt viele Rätsel auf. Die Strecke ist kerzengerade, der Autofahrer hätte leicht überholen können. War er müde? Ist er eingeschlafen? Warum hat er den Traktor mit dem Fass übersehen?

Am Freitagmorgen dann der nächste Schock für Baumann, als der Name des Verunglückten durchsickert. Franz H.war lange Polizeibeamter in Wasserburg, seit seiner Pensionierung waren Oldtimer seine Passion. Baumann, Stadtrat in Wasserburg, kannte den 69-Jährigen gut. Für Baumann unfassbar: Vor 15 Jahren hatte der Polizist seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren.

Der Landwirt hatte den Polizisten übrigens schon einmal in der Nähe der Unglückstelle getroffen. „Damals hatte mein Sohn einen Unfall mit der Strohpresse – das war nur 50 Meter weiter. Da kam er, um alles aufzunehmen“, erzählt er. „Warum hat der eine drei Schutzengel, die ihm permanent zu Seite springen, und der andere keinen?“, fragt sich Baumann. Und das nicht zum ersten Mal. „Es ist schon das dritte Mal, dass ich in meinem Arbeitsleben mit dem Tod zu tun habe. Einmal hab ich einen Traktorreifen in die Werkstatt gebracht. Das war noch ein Reifen, der mit Stahl verstärkt war. Als den ein Werkstattmitarbeiter an die Wand stellen wollte, ist er geplatzt. Und der junge Bursche, ein 19-Jähriger, wurde regelrecht erschlagen. Und dann gab’s noch einen tödlichen Unfall mit einem Lkw, der mir gehörte.“

Der Tod ist Josef Baumann aber auch schon daheim begegnet: Einmal kam er mit dem Stapler ins Kippen, konnte sich aber in letzter Sekunde mit einem Sprung retten. Vor drei Jahren dann holte der Tod seine Frau. Sie hatte Krebs.

„Seitdem“, sagt der Landwirt, „hab ich viel erlebt, was man nicht erklären kann.“ Aber an eins glaubt er ganz fest. Dass Schicksalsschläge nur starke Menschen treffen, Menschen, die einen Weg finden, wie’s weitergeht. Baumann hat wieder geheiratet und ist vor acht Monaten noch einmal Vater geworden. Quirin heißt sein ganzer Stolz. „Man hat nur dieses eine Leben“, sagt er, „man muss versuchen, was draus zu machen. Jeden Tag.

tz

Rubriklistenbild: © Barth/fib

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