Erinnerung 

Wie eine Reporterin das Zugunglück von Bad Aibling erlebte - und selbst verarbeiten musste

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Bei dem Zugunglück von Bad Aibling starben zwölf Menschen.

Sie sollen Bericht erstatten, doch manche Einsätze gehen auch Reportern nahe. Einen solchen erlebte Jennifer Bretz vom Nachrichtenportal rosenheim24.de am 9. Februar 2016.

Rosenheim/Bad Aibling - Vor zehn Jahren wurden die oberbayerischen Nachrichtenportale von OVB24 ins Leben gerufen, die zur Ippen-Digital-Zentralredaktion gehören. Anlässlich dieses Firmenjubiläums erinnern sich Reporter von rosenheim24.de und den anderen Regionalportalen von OVB24 an die bewegendsten Geschichten zurück. Ein besonders trauriger Höhepunkt der Berichterstattung der vergangenen Jahre war das Zugunglück von Bad Aibling. Reporterin Jennifer Bretz war als erste Journalistin vor Ort und berichtete auch über den späteren Gerichtsprozess. Hier blickt sie zurück auf den 9. Februar 2016, der Tag des verheerenden Unfalls. 

So erlebte die rosenheim24.de-Reporterin das Zugunglück von Bad Aibling

rosenheim24.de-Reporterin-Jennifer Bretz

„Es ist der 9. Februar, kurz nach sieben Uhr morgens, als meine Kollegen von der Frühschicht auf meinem Diensthandy anrufen. Ich stehe gerade beim Zähneputzen. "In Bad Aibling bei der Kläranlage soll ein Zug entgleist sein, kannst du da mal hinschauen?", sagt mein Kollege am Telefon. Da ich in Bad Aibling wohne und es nicht weit zur genannten Stelle habe, beeile ich mich und fahre los. Schon unweit der Mangfallbrücke vor dem Pullacher Kreisel sehe ich Blaulichter und Rettungskräfte. Ich stelle mein Auto ab und gehe die letzten Meter zu Fuß. Einen kleinen Weg entlang des Mangfallkanals, den ich noch aus Kindertagen kenne. Je weiter ich gehe, umso mehr wird mir klar, dass das nicht eine einfache Zugentgleisung sein kann. Unentwegt hört man Sirenen und Hubschrauber. Mir kommt auf meinem Weg ein Feuerwehrler entgegen. Ich stelle mich vor und frage, was passiert ist. "Zwei Züge sind zusammengeprallt", sagt der. "Bitte gehen Sie nicht weiter. Vorne am Kreisel finden Sie einen Ansprechpartner."

Ich drehe um, gehe zurück. Auf der Wiese vom Theresien Monument und rund um den Pullacher Kreisel ist mittlerweile alles voller Einsatzfahrzeuge und -kräfte. Immer mehr Rettungshubschrauber landen. Es versammeln sich auch immer mehr neugierige Bürger.  Mittlerweile ist es etwa neun Uhr. Immer mehr Kollegen von anderen Medien treffen ein. Man sagt uns, dass wir bald zur Unfallstelle können. 

In Begleitung des Polizeipressesprechers Jürgen Thalmeier dürfen wir schließlich mitkommen. Nach ein paar hundert Metern Fußmarsch kommen wir an der Unfallstelle an. Was sich vor mir auftut ist ein Bild, das auch ich nicht mehr vergessen werde: Ein entgleister Triebwagen, ein anderer, der sich in einen Waggon bohrt und diesen regelrecht aufschlitzt. Überall Rettungskräfte, die alles geben. Zu der Zeit, als wir Medienvertreter zur Unfallstelle dürfen, sind bereits alle 150 Menschen, die in den Zügen saßen, abtransportiert worden. Thalmeier bekommt einen Funkspruch und informiert uns: "Nach jetzigem Stand haben wir sieben Tote zu verzeichnen." Ein paar Minuten später der nächste Funkspruch. Acht Tote.

Ich drehe Videos und schieße Fotos von der Unfallstelle, führe Interviews mit Polizei- und Feuerwehrvertretern. Informiere immer wieder die Redaktion. Das geschieht alles wie ferngesteuert. Irgendwann sind die Akkus meines Handys und der Kamera aus. Ich werde von einem Kollegen vor Ort abgelöst und fahre in die Redaktion, wo ich das Gesehene und Gehörte niederschreibe.

Es folgen Tage der Nachberichterstattung: Pressekonferenz mit Horst Seehofer, Gedenkgottesdienst, Interviews mit Bahnvertretern und Menschen, die auch im Zug saßen, Anwälten, Bahnexperten.

Noch im selben Jahr startet im November der Prozess gegen den Fahrdienstleiter, der das schlimme Unglück verschuldete. Er wird vom Traunsteiner Landgericht zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Als der Vorsitzende Richter Erich Fuchs die Namen der Toten vorliest, Männer im Alter von 24 bis 59 Jahren, wird es still im Saal. Ein Moment, der auch mir durch Mark und Bein geht.

Kann man als Reporterin im Gerichtssaal immer wieder emotional abschalten und einfach das, was passiert, mitschreiben, so gibt es aber auch für mich als Berichterstatterin Momente, in denen ich meine Emotionen nicht unterdrücken kann. Das sind Momente, in denen mir der Angeklagte leid tut. Momente, in denen ich Wut auf ihn verspüre, vor allem wenn ich in die Gesichter der Angehörigen blicke. Momente, in denen ich unfassbare Dankbarkeit den Hilfskräften gegenüber verspüre. Momente, in denen ich hoffe, dass ein Urteil fällt, das der Tat gerecht wird. Momente, in denen die Bilder wieder auftauchen und ich versuche, das Ende der Geschichte aufzuschreiben.“

Der Artikel erschien ursprünglich hier auf rosenheim24.de.

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