Einblicke in das Hotel Lederer in Bad Wiessee

Wie ein stolzes Hotel zum Geisterhaus wurde

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Im Eingangsbereich des Hotel Lederer in Bad Wiessee sitzen schon lange keine Gäste mehr.

Bad Wiessee - Josef Lederer sieht sich um sein Lebenswerk gebracht. Sein einst stolzes Hotel an der Seepromenade ist heute ein Geisterhaus - das wirkt, als könnten jederzeit wieder Gäste einziehen. 

Das Zimmer, in dem einst Ernst Röhm verhaftet wurde, hat rote Vorhänge. Die Betten müssten bezogen werden, dann könnten neue Gäste einziehen. Im hellen Speiseraum steht das Geschirr für sie bereit, an der Rezeption warten Postkarten darauf, gekauft zu werden. Am Abend könnten dann noch einmal Drinks an der Bar ausgeschenkt werden, und vielleicht würde Josef Lederer (75) dann noch einmal die schützende Hülle vom Flügel ziehen, der in der Halle steht. Zuletzt hat er das 2011 getan, als die Herren von RDR da waren, um das Haus zu besichtigen. Sie waren Lederers letzte Hoffnung, vor der Zwangsversteigerung noch einen Käufer zu finden. Lederer spielte ein paar Stücke am Flügel, die Manager beschlossen, sich das Filetstück am See zu angeln.

„Das war ein Notverkauf“, sagt Lederer heute. 6,2 Millionen Euro hat er für das 20.000 Quadratmeter großes Areal in Traumlage direkt am See bekommen. Das sind etwa 350 Euro pro Quadratmeter. „Viel zu wenig“, meint Lederer bitter. Doch hätte er damals, im November 2011, nicht verkauft, wäre sein Hotel einen Tag später zwangsversteigert worden. Eine Schmach wäre das gewesen. Für ihn, den Hotelier, der das Familienerbe weiterführen wollte und all sein Geld und seine Kraft ins Unternehmen gesteckt hat.

Warum es trotzdem nicht zum Überleben gereicht hat, lässt sich heute schwer sagen. Aber Lederer ist davon überzeugt, dass die Gemeinde Bad Wiessee – erst unter Bürgermeister Herbert Fischhaber, dann unter Bürgermeister Peter Höß – sein Grundstück haben wollte. Weil das den Weg frei gemacht hätte für einen großen Hotel-Neubau am See. Der Tegernseer Unternehmer Thomas Strüngmann war bereit, dort kräftig zu investieren. In der Folge, sagt Lederer bitter, habe die Gemeinde eventuelle andere Käufer abgeblockt. Und die Bank den Hahn zugedreht.

Im leeren Schwimmbad liegt noch ein vergessener Wasserball

Die Zwangsversteigerung hat Lederer abwenden können. Ein Sieg war’s nicht. „Weder für die Gemeinde noch für mich“, weiß Lederer. Das Hotel am See steht nun seit fünf Jahren leer. Ein gespenstisch leerer, riesiger Bau direkt an der Seepromenade. Die neuen Besitzer haben immer wieder mal verlauten lassen, man arbeite an Plänen. Passiert ist bisher nichts. Ab und zu schauen Vertreter von RDR im alten Hotel vorbei. Dort sieht ansonsten Josef Lederer nach dem Rechten. Jeden Tag streift er durch die Räume, die so aussehen, als würden morgen wieder Gäste erwartet. Er zeigt in ein schmuckes Doppelzimmer. „Dort haben mal Uli Hoeneß und Paul Breitner übernachtet“, erzählt er. Im dritten Stock ist alles aus Mahagoni. „So ein Holz bekommt man heute gar nicht mehr“, meint Lederer. Im leeren Schwimmbad liegt noch ein vergessener Wasserball. Über eine der Liegen ist ein Handtuch gebreitet. Die Sauna nutzt Lederer manchmal noch. Das Inventar hat Lederer nicht verkauft. „Ich habe immer darauf gewartet, dass hier jemand neu anfängt“, sagt er. Er hat auch viele Pläne für ein Konzept vorgelegt. Dass jetzt immer vom Abriss die Rede ist, tut ihm weh. „Man kann doch das Alte mit etwas Neuzeitlichem kombinieren“, sagt er. Aber abreißen, dass komme doch nicht in Frage.

Hier wohnen nur noch Josef Lederer, seine Haushälterin und drei Ponys

Seine Wohnung hat Lederer in einem Nebengebäude. Dort lebt er mit seiner Haushälterin Anneliese (83). „Eine Perle“, sagt er. 60 Jahre lang war Anneliese Zimmermädchen im Hotel, jetzt umsorgt sie ihn. Lederers Wohnrecht ist im Kaufvertrag festgeschrieben. Auch seine drei Ponyhengste Tesaro, Rio und Polo dürfen mit Erlaubnis von RDR auf dem Grundstück leben. Lederer hat auch kein Geld, um ein neues Domizil zu kaufen. Die 6,2 Millionen Euro aus dem Hotel-Verkauf haben gerade gereicht, um die Gläubiger zu bedienen. Aber Lederer kämpft weiter. Er will eine „angemessene Entschädigung“ von der Gemeinde Bad Wiessee und der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee.

Ende Dezember 2014 hat er einen Güteantrag für ein außergerichtliches Schlichtungsverfahren bei einer staatlich anerkannten Gütestelle in Dachau eingereicht. Sein Vorwurf: sittenwidrige Schädigung seines Hotelbetriebs. Gemeinde und Bank, so Lederer, hätten seinen Besitz dem Wunschkandidaten Strüngmann möglichst günstig zuspielen wollen. Potenzielle Käufer habe man abgeschreckt. Welche Summe er sich vorstellt, lässt Lederer offen. Er wolle es erst im Guten versuchen, sagt er: „Sonst muss ich halt doch noch klagen.“

Das Hotel Lederer am See und seine wechselvolle Geschichte

Das Hotel am See war einst das erste Haus am Platz. Früher hieß es Hanselbauer. 1934 ging das Hotel in die Geschichte ein, als Adolf Hitler den dort urlaubenden SA-Führer Ernst Röhm verhaften und wenig später erschießen ließ. 1936 übernahm der Vater von Josef Lederer das Hotel und gab ihm seinen Familiennamen.

Den ersten Zwist mit der Gemeinde Bad Wiessee gab es, als 1967 neben dem Luxushotel die alte Spielbank errichtet wurde. Das Gebäude schränkte den Blick auf den See ein. Ebenfalls 1967 übernahm Josef Lederer nach dem Tod seines Vaters das Hotel. Immer wieder prangerte er die Lärmbelastung an, die vom Spielbank-Parkplatz ausging. Im Juni 2005 zog das Casino in den Neubau am Winner um. Im April 2006 begann der Abbruch der alten Spielbank. Die Arbeiten zogen sich hin, der Lärm vertrieb viele Gäste des Lederer.

Im November 2006 strengte der damalige Bürgermeister Herbert Fischhaber mit der Gläubigerbank ein Zwangsversteigerungsverfahren beim Amtsgericht Wolfratshausen an. Hotelier Lederer war der Gemeinde diverse Grundstückslasten schuldig geblieben. Lederer führte seinen Betrieb bis 2007. Danach musste er verpachten. Im November 2009 warf der letzte Pächter, der Rosenheimer Erwin Steinkogler, das Handtuch. Seitdem ist das Hotel geschlossen.

Während die Zwangsversteigerung näher rückte, entschloss sich Lederer, sein Hotel über das Schlierseer Unternehmen Alpen-Immo.net zum Verkauf anzubieten. Verhandlungsbasis: 9,8 Millionen Euro. Bürgermeister Peter Höß träumte unterdessen davon, das Lederer-Areal mit dem Spielbank-Gelände zu verschmelzen. Der Unternehmer Thomas Strüngmann stand als Investor bereit. Die Gemeinde verkaufte ihm das Spielbankgrundstück mitsamt dem Haus des Gastes. Das Lederer wollte Strüngmann nach gescheiterten Verhandlungen bei der Zwangsversteigerung erwerben. Die Grünwalder Firma RDR kam ihm zuvor. Sie kaufte Lederer seinen Besitz einen Tag vor der Zwangsversteigerung im November 2011 für 6,2 Millionen Euro ab.

Seitdem gibt’s Verhandlungen zwischen Strüngmann und RDR über eine Zusammenführung der Flächen, ohne Ergebnis. Zuletzt hatte die Gemeinde Planentwürfe für eine mögliche Entwicklung des Premium-Grundstücks an der Seepromenade erstellen lassen. Bis jetzt ist nichts konkret.

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