Vierzig Jahre danach

Zugunglück von Warngau: Wilhelm Mahlers drei Schutzengel

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Die alten Zeitungsberichte zu dem Unglück haben Wilhelm Mahler und seine Frau Andrea abgeheftet.

Krailling/Warngau - Wilhelm Mahler war mit seinen drei Söhnen vor 40 Jahren in einem der beiden Züge, die bei Warngau zusammengestoßen sind. Die vier Kraillinger haben die Katastrophe damals überlebt – weil sie kurz vor der Kollision noch ihren Sitzplatz gewechselt haben.

Hätten seine Söhne am 8. Juni 1975 nicht Fangen gespielt, wäre Wilhelm Mahler heute tot. Er saß mit seinen drei Kindern in dem Zug aus Lenggries, der damals bei Warngau (Kreis Miesbach) mit mehr als 100 km/h mit einem Zug aus Holzkirchen kollidiert ist. 41 Menschen kamen ums Leben, 126 wurden schwer verletzt. Die Mahlers sind mit Prellungen und Abschürfungen aus einem der völlig zerstörten Waggons gestiegen. „Am 8. Juni 1975 waren meine drei Söhne meine Schutzengel“, sagt er heute.

Die Katastrophe ist 40 Jahre her – Wilhelm Mahler, inzwischen 79 Jahre alt – erinnert sich an diesen Tag noch, als wäre es gestern gewesen. Vielleicht, weil er diese unglaubliche Geschichte viele hundert Male in seinem Leben erzählt hat.

An diesem herrlichen Sonntag bricht er mit seinen drei ältesten Söhnen Matthias (15), Thomas (12) und Philipp (9) schon früh morgens zu einer Bergtour auf. Sie sollen von Benediktbeuern aus auf die Tutzinger Hütte. Seine Frau Andrea bleibt mit dem jüngsten Sohn zu Hause. Seine Buben sind aufgedreht an diesem Tag, sie wollen unbedingt noch weiter wandern. Spontan laufen die Vier aus Krailling (Landkreis München) weiter, über die Achselköpfe und das Brauneck bis nach Lenggries. „Wir wollten eigentlich längst wieder zu Hause sein, als wir am Bahnhof ankamen“, erzählt er. Schon von weitem sieht er den Zug abfahrbereit stehen, rennt mit seinen Söhnen die letzten Meter. Der Lokführer lehnt sich aus dem Fenster „Schickt’s euch – sonst fahren wir ohne euch“, ruft er der Familie schmunzelnd zu. Die Mahlers steigen ganz vorne ein und setzen sich ins Abteil direkt hinter den Lokführer. Zeit zum Fahrkarten kaufen bleibt nicht mehr.

Das Foto nach der Katastrophe: Wäre Wilhelm Mahler mit seinen Söhnen im vorderen Teil dieses Waggons gesessen, hätten sie das Zugunglück wohl nicht überlebt.

Wilhelm Mahler ist erschöpft von der langen Wanderung. Seine drei Buben kein bisschen. Sie spielen im Gang zwischen den Abteilen Fangen und werfen sich ihre Rucksäcke zu. Der Spaß dauert nicht lange – dann beschweren sich die ersten Fahrgäste. Mahler will dem Ärger aus dem Weg gehen und zieht mit seinen Söhnen ein Abteil weiter. Ruhiger werden sie dort aber nicht. Es dauert nicht lange, bis wieder böse Blicke kommen und sich die ersten Fahrgäste beschweren. „Damit kein Streit ausbricht sind wir im Waggon bis ganz nach hinten gelaufen“, erinnert er sich. Dort waren noch einige Plätze frei. Sein ältester Sohn Matthias und er sitzen in Fahrtrichtung, Matthias soll im Gang Ausschau nach dem Schaffner halten, damit sie die Tickets nachlösen können. In dem Moment, in dem er den Schaffner sieht, gibt es einen großen Knall.

„Wäre unser Zug nur ein paar Sekunden früher losgefahren, wären sich die beiden Züge wohl auf einer geraden Strecke begegnet“, sagt er. „Vielleicht hätten die Lokführer noch bremsen können.“ In der Kurve hatten sie keine Chance, beide Züge sind ungebremst ineinander gerauscht. Die Katastrophe auf der eingleisigen Strecke ist passiert, weil sich die beiden Fahrdienstleiter in den Bahnhöfen Lenggries und Holzkirchen missverstanden hatten. Beide stellten das Signal auf Fahrt, beide waren davon ausgegangen, der andere habe ihren Zug angenommen. Als sie ihren Irrtum bemerkten, konnten sie die Züge nicht mehr aufhalten, es gab damals noch keinen Funkkontakt zu den Lokführern.

Wilhelm Mahler blickt gerade aus dem Fenster, als die Katastrophe passiert. Auf einmal sieht er keine Landschaft mehr, sondern Himmel. Der Waggon direkt hinter der Lok wird in die Luft geschleudert, er landet mit dem Dach nach unten auf einer Wiese. Als Mahler die Augen öffnet, liegt er zwischen seine Söhnen. Alle sind bei Bewusstsein. „Es war völlig still im Zug“, erinnert er sich. Keine Schreie. Er sucht die Rucksäcke und seinen Wanderstock und klettert mit seinen Söhnen aus dem völlig zerstörten Waggon. Draußen macht er ein Foto von den Dreien. Heute kann er das kaum noch nachvollziehen. „Ich stand unter Schock und habe einfach funktioniert.“ Die Mahlers müssen lange warten. Bis alle Schwerverletzten versorgt sind und sie ins Krankenhaus nach Bad Aibling gebracht werden. Erst dort kann er seine Frau anrufen. Sie hatte von dem Zugunglück aus dem Radio erfahren – und die schlimmsten Stunden ihres Lebens hinter sich.

Ein Trümmerfeld: Die beiden Züge sind am 8. Juni 1975 ungebremst ineinander gerauscht. 41 Menschen starben, 126 wurden verletzt.

Es hat nicht lange gedauert, bis Wilhelm Mahler das nächste Mal in einen Zug gestiegen ist. „Ich habe bis heute kein Auto“, sagt er. Auch im Traum hat ihn die Katastrophe nicht mehr eingeholt. Anfangs hat er jedes Jahr am 8. Juni mit seinen Söhnen darüber gesprochen, wie sie der Familie damals mit dem Fangenspiel das Leben gerettet haben. Im Laufe der Jahre wurden diese Gespräche seltener. „Dieses Jahr hätten wir vielleicht gar nicht mehr dran gedacht.“ Bis er am Jahrestag des Zugunglücks den Artikel im Münchner Merkur gelesen hat. Den Zeitungsbericht hat er seinen Söhnen zugeschickt. Ohne Worte. Sie wissen ja, dass er sie seit damals „seine Schutzengel“ nennt.

Katrin Woitsch

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