Der Schnee von morgen

Winterstudie des BR: So trifft der Klimawandel die Tourismusorte

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Skifahrer bleiben Garmisch-Partenkirchen wegen der guten Bedingungen treu. Woanders gibt es mehr Probleme.

München - Es ist eine gewaltige Studie: Der BR hat Klima- und Tourismusdaten zu 101 Gemeinden im Voralpenraum ausgewertet – von Schönau am Königssee über Kreuth bis nach Oberammergau. Das Ergebnis ist ein umfassendes Bild der Wintersportregion Bayern.

Dass Schneehöhen sinken, ist bekannt. Aber die Studie birgt auch einige Überraschungen: Es gibt es Gebiete, die in letzter Zeit einen Boom zu verzeichnen haben, während andere drastisch verloren. Vor allem die Übernachtungszahlen im Einzugsgebiet von München haben in den vergangenen 20 Jahren stärker abgenommen als im bayerischen Alpenraum.

Hier Ergebnisse für sieben Gemeinden:

Garmisch-Partenkirchen

Den Winter 1980 werden sie in Garmisch-Partenkirchen nie vergessen – durchschnittlich 39,7 Zentimeter Schnee hatten sie damals im Winterhalbjahr. Ein Rekordwert. Zuletzt waren es nur Durchschnittswerte von 7,6 Zentimetern (2014) und 2,4 Zentimetern (2013). Im langfristigen Trend hat die Schneemenge seit 1961 um 49 Prozent abgenommen (siehe Grafik rechts). Gleichzeitig ist die Temperatur im Winterhalbjahr um 1,4 Grad gestiegen.

Es wird wärmer, und der Schnee bleibt aus – aber viele Touristen bleiben Garmisch-Partenkirchen trotzdem treu. Letztes Jahr gab es 371 906 Übernachtungen im Winterhalbjahr, das sind sieben Prozent mehr als 1982. Allerdings übernachteten die Wintersportfans 1982 im Schnitt noch über fünf Tage in der Marktgemeinde, zuletzt waren es nur noch knapp drei.

Balderschwang

Balderschwang im Allgäu hat gerade mal 318 Einwohner, aber davon darf man sich nicht blenden lassen. Die Gemeinde im Kreis Oberallgäu ist eine Erfolgsgeschichte. Die Balderschwanger haben nicht nur den höchstgelegenen Ortskern (1044 Meter), sondern bei ihnen ist auch ein kleines Wintermärchen passiert …

Die Zahl der Übernachtungsgäste ist im Vergleich mit dem Jahr 1982 um 237 Prozent gestiegen, im letzten Winterhalbjahr kamen 20 836 Ski- und Schneebegeisterte zum Übernachten. Die Zahl der Übernachtungen hat sich entgegen des Trands in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt.

Was macht Balderschwang besser? Konrad Kienle (CSU) ist der Bürgermeister. Er sagte dem BR: „Es wird immer extremer – entweder viel Schnee oder kein Schnee.“ Balderschwang hat sein Glück in neuen Tourismuszweigen gefunden. Das einfache wie erfolgversprechende Konzept: Vielfalt. Geführte Winterwanderungen, ein ausgewiesener Naturpark, regionale Schmankerl wie Almkäse, Alpenkuren, Handwerksmärkte. Hier im Allgäu setzen sie auf Tourismuskonzepte, die mit und ohne Schnee funktionieren. Klar, viele kommen zum Skifahren her, aber auch immer mehr Gäste, die die Natur genießen wollen.

Reit im Winkl

Reit im Winkl ist einer der bekanntesten Wintersportorte. Ein Großteil der Einwohner lebt vom Tourismus. Insgesamt gibt es in der Gemeinde rund 5000 Gästebetten. Jeder schlechte Winter trifft den Ort hart. Zwei Trends machen dem 685 Meter hoch gelegenen Luftkurort zu schaffen. Erstens: der Rückgang an Übernachtungen. Im Winterhalbjahr 2014 waren es 205 805 Übernachtungen, in den 1980er-Jahren kamen deutlich mehr Touristen. Und auch in den 1990er-Jahren hatten die Gemeinde weit über 250 000 Übernachtungen pro Winterhalbjahr. Damals kamen viele Gäste aus den neuen Bundesländern. Die zweite Negativentwicklung: Die Touristen bleiben immer kürzer. 1982 dauerte ein Winterurlaub in Reit im Winkl über zehn Tage, im Jahr 2000 waren es noch acht Tage, 2014 nur noch knapp fünf Tage.

Vor Ort wissen die Verantwortlichen, dass Gemeinden wie Balderschwang einen Vorsprung haben, was vielfältigen, nachhaltigen Wintertourismus betrifft. Josef Heigenhauser (Freie Wähler) ist der Bürgermeister von Reit im Winkl: „Da hat uns das Allgäu bestimmt einiges voraus. Sie haben es geschafft, eine Marke zu bilden. Das hat unsere Tourismusregion nicht geschafft.“ Ein Beispiel: Es gab die Idee, auf einer Alm eine Schaukäserei zu eröffnen, um Touristen unabhängig vom Schnee anzulocken. Der örtliche Vorsitzende des Bauernverbands sagte dem BR, dass er keinen Berufskollegen überzeugen konnte, bei diesem Projekt mit einzusteigen. So bleibt Reit im Winkl weiterhin abhängig vom Schnee.

Wendelsteingebiet

1964 hat es auf dem Wendelstein alleine im Winterhalbjahr an 181 Tagen geschneit, 1986 waren es noch 179 Tage. Aber auch vor dem 1838 Meter hohen Berg macht der Klimawandel nicht halt. 2006 hat es nur an 141 Tagen geschneit, 2008 an 168 Tagen und 2010 an 141 Tagen. Auch die Schneehöhe hat seit 1961 um 53 Prozent abgenommen. Im Schnitt liegen im Winterhalbjahr auf dem Wendelstein knapp 30 Zentimeter Schnee. Der Wendelstein ist reines Naturschneegebiet. Durch die Daten lassen sich Rückschlüsse auf die benachbarten Skigebiete Spitzingsee und Sudelfeld ziehen, wo fleißig beschneit wird.

Bad Tölz

Laut der BR-Studie ist Bad Tölz einer der größten Verlierer. Ende der 1980er-Jahren gab es in dem Kurort alleine im Winterhalbjahr jährlich um die 300 000 Übernachtungen, im Rekordjahr 1994 fast 434 000. Dann folgte ein Einbruch, der seinesgleichen sucht. 1997 gab es nur noch 182 000 Übernachtungen, 2008 waren es 109 000. Zuletzt gab es einen leichten Aufwärtstrend. Es gab Jahre, da verbrachten die Gäste im Schnitt fast 18 Tage in der Kurstadt Bad Tölz, um eine Anwendung auf die nächste folgen zu lassen. 2000 betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Winterhalbjahr gut sieben Tage, zuletzt noch 4,6 Tage.

Bernau am Chiemsee

1982 kamen gerade mal 1770 Übernachtungsgäste im Winterhalbjahr nach Bernau am Chiemsee. Im Jahr darauf waren es schon 2871. Es ist der Beginn eines kleinen Booms – Bernau zieht die Touristen auch im Winter an. 1990 kamen 5785 Übernachtungsgäste, 2001 waren es über 6000 und im Jahr 2014 sogar 6417 Übernachtungsgäste. Auch die Zahl der Übernachtungen hat sich in den letzten drei Jahrzehnten mehr als verdreifacht.

Bad Reichenhall

Bad Reichenhall, die Kurstadt im Berchtesgadener Land, ist besonders von der Klimaerwärmung betroffen. Die Durchschnittstemperatur im Winterhalbjahr hat seit 1961 um satte 2,5 Grad zugenommen. Zuletzt lag die Durchschnittstemperatur bei über drei Grad, 1997 hatte es im Schnitt sogar 5,2 Grad. Der letzte Winter, in dem es durchschnittliche Temperaturen unter null Grad hatte, liegt in Bad Reichenhall lange zurück: 1962 lag die Durchschnittstemperatur bei minus 1,3 Grad. Die Kreisstadt an der Grenze zu Österreich hatte 158 449 Übernachtungen im Winter 2014, das sind 30 000 Übernachtungen weniger als in den 1980er-Jahren und ungefähr so viele wie in den 1990er-Jahren.

Stefan Sessler

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