Wo Lisa (15) getötet wurde, stellen Andreas P. (36) und Daniela Z. (36) ihr Bett auf:

Wir ziehen in eine Mordwohnung

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Griseldis L. (42) hat aus Verzweiflung ihre Tochter umgebracht.

Nürnberg - Würden Sie in eine Mordwohnung ziehen? In einem Zimmer leben, lieben, lachen können, in der vor einem Jahr eine Mutter ihr Kind umgebracht hat?

12 Monate stand die 3-Zimmer-Wohnung in der Nürnberger Südstadt leer, jetzt ist ein Liebespaar eingezogen. „Haben die Nerven!“, sagen Nachbarn kopfschüttelnd.

„Nein“, sagt der Installateur Andreas P. (36), „warum sollten wir Skrupel haben, hier zu wohnen? Der Tod ist ein Stück des Lebens; egal, wie er passiert“. Seine Lebensgefährtin Daniela Z. (36), Tankstellen-Servicekraft, nickt: „Wir kennen die Vorgeschichte und wissen, dass sich in einem der Zimmer in der 3. Etage eine Tragödie abgespielt hat. Warum soll das meinen Freund und mich daran hindern, dort glücklich zu werden? Ich sehe keinen Grund, dort nicht einzuziehen. In dieser Wohnung gab es sicher auch schöne Ereignisse. Schock und Erschütterung im Haus und in der Nachbarschaft sind Vergangenheit. Andreas und ich blicken in die Zukunft.“

Dass endlich wieder Leben in die Wohnung in der Wodanstraße 50 kommt, das freut besonders Altenbetreuerin Claudia G. (42). Die allein erziehende Mutter von Ramona (13) hat nämlich eine ganz besondere Beziehung zu der „Wohnung des Schreckens“ zwei Treppen tiefer: „Ich habe immer noch die verzweifelten Klagerufe einer weinerlichen Frauenstimme im Ohr, die am 12. August, einem Sonntagmorgen, gegen sieben Uhr durchs Treppenhaus hallten. ‚Hilfe, Hilfe, warum hilft mir denn keiner?‘

Ich bin die Treppe runter gerannt und traf dort auf eine weinende Frau. Ihre Kleidung war voller Blut, in der rechten Hand hielt sie ein rot beflecktes Messer. Sie weinte und schluchzte: ‚Ich habe mein schlafendes Kind umgebracht!‘ Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, merkte, wie meine Knie anfingen zu zittern“.

Die Frau mit dem Messer war Griseldis L. (42). Sie hatte gerade ihre 15 Jahre alte Tochter Lisa getötet. Das Nürnberger Schwurgericht verurteilte sie kürzlich zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe.

Ramona G., zwei Jahre jünger als das getötete Mädchen, mit dem sie oft zusammen war, erinnert sich noch gut daran, wie ihre Mama zur Wohnungstür reinstolperte: „Sie zitterte und war blass. wählte die Notrufnummer, gab unsere Adresse an und rief immer wieder ins Telefon‚ hier ist ein Mord passiert, ein Mord, verstehen Sie? Kommen sie schnell‘“.

Ein Jahr stand die Mordwohnung leer. Keiner wollte einziehen, bis jetzt Andreas und Daniela die Initiative ergriffen und trotz der schrecklichen Vorgeschichte die lichtdurchfluteten Räume in Beschlag nahmen.

„Dort“, zieht Daniela Z. mit der ausgestreckten rechten Hand eine Linie unterm Fenster des schönsten und größten Zimmers entlang, „stand das Sofa, auf dem die Mutter ihre Tochter umbrachte. Da wird unser Bett stehen. Wir werden dies als unser Schlafzimmer einrichten – richtig schön zum Kuscheln“.

„Hier links“, geht Andreas P. nach nebenan, „hat es gestunken und ausgesehen wie auf einer Müllhalde. Das war eigentlich das Schlafzimmer von Frau L. und Lisa, doch vor lauter Gestank konnte da niemand schlafen. Der Raum war zweigeteilt, vor die Wand war ein zwei Meter breiter und 2,81 Meter hoher Bretterverschlag gezimmert worden, in dem Hunde, Katzen und Meerschweinchen lebten.“

Alles, restlos alles haben Andreas P. und Daniela Z. aus den 3 Zimmern und Küche und Bad entfernt. „Kein Nagel, kein Tapetenrest, keine Fußbodenleiste soll uns noch an die Vorgänger erinnern“, meint Daniela. Sie und Andreas, die seit einem Jahr zusammen sind und sich im ehemaligen Tanzlokal „Mango“ kennen lernten, haben Tapeten, Fußböden, die gesamte Küche, jedes Möbelstück, die Holzvertäfelungen im Bad, Dusche, Waschbecken und Toilette entsorgt, die gesamte Mordwohnung entkernt. „Alles ist neu, die Wohnung ist nicht mehr wieder zu erkennen“, sagt Andreas P.

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Die neuen Mieter in der Wodanstraße 50 werden die Mordwohnung mit Leben erfüllen. „Wir werden glücklich hier“, sind Daniela Z. und Andreas P. sicher. Und beide sind auch ganz fest davon überzeugt, dass sie trotz der schrecklichen Geschichte in ihrem neuen Schlafzimmer nie Albträume haben werden …

Sabrina Hofner

Quelle: tz

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