Wirtshaussterben in Bayern

„Der Staat behandelt Wirte wie Verbrecher“: Warum Loriots Lieblingsgasthaus sterben musste

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Gasthaus Limm in Münsing.

Für viele sind Wirtshäuser wie ein zweites Wohnzimmer. Das Gasthaus Limm in Münsing am Starnberger See gibt es seit 1873. Nun musste das Traditionswirtshaus schließen. 

Münsing – Eine Zeichnung in einem hellen Holzrahmen, ganz hinten links in der alten Gaststube, erinnert an den berühmten Besucher vom Gasthaus Limm in Münsing. Sie zeigt einen Mann, halb Gemeinderat im Anzug, halb Bauer mit Lederhose. Er trägt eine Krawatte in den weiß-blauen Landesfarben, und hat die typische Knollnase. Unter der Zeichnung steht: Loriot. Der Humorist Vicco von Bülow war Stammgast in der Traditionswirtschaft.

Loriots Lieblingsgasthaus muss nach 111 Jahren schließen

„Hier hat er immer gesessen“, sagt Wirtin Inge Limm und zeigt auf ein Sitzbankplatzerl schräg unterhalb eines Herrgottswinkels. Schöne Zeiten waren das, sagt sie. Vergangene Zeiten. Zeiten, die nie mehr wieder kommen. Seit zwei Monaten ist die Holztür zur Gaststube zugesperrt. Das Wirtshaus hat zugemacht. Für immer. Nach 111 Jahren Familienbetrieb.

Betritt man die Stube des verwaisten Gasthauses, zieht einem die dunkle Holzdecke den Blick nach oben, bevor die Augen über die fünf schweren Tische an die hellen Wände wandern. Der Regen prasselt an diesem Tag gegen die alten Fenster. Es kommt nur wenig Licht von draußen rein. An den Wänden hängen neben Hirschgeweihen viele Bilder. Eines zeigt das Gasthaus im Jahr 1911, ein anderes 40 Jahre später. Verändert hat sich die Wirtschaft auf den Fotos nur wenig. Eine Jubiläumsurkunde der Paulaner-Brauerei dankt Inge Limms Schwiegereltern Sebastian und Irmgard Limm zu ihrem 75-jährigen Bierbezug. Die Urkunde ist von 1983.

Fast 30 Jahre hat Inge Limm mit ihrem Mann das Gasthaus geführt

Inge Limm, 56, dunkle Haare, schwarzer Schal, macht noch ein Licht an, geht hinter die Schänke und kommt mit einem Wasser an einen Tisch. Sie zögert kurz. „Hier ist immer der Handwerkerstammtisch“, sagt sie andächtig. Nur für die Dorfhandwerker und den Sonntagsstammtisch sperrt Limm das Wirtshaus für ein paar Stunden jede Woche auf. Alteingesessene Männerrunden, „die schon immer hier waren“. Zu trinken gibt’s Bier aus Flaschen, aus dem Fass zu zapfen würde sich nicht lohnen.

Limm trägt ein weißes Oberteil, weiße Hose und Plastiksandalen. Sie kommt gerade aus ihrer Metzgerei von nebenan, die weiterhin geöffnet ist. Fast 30 Jahre hat sie die Gaststätte zusammen mit ihrem Mann Sebastian geführt. Und das sehr erfolgreich: Die Weißwürste aus der Metzgerei und die Spezialitätenküche waren weit über die Landkreisgrenzen hinaus bekannt. Sebastian Limm arbeitete in den besten Restaurants Münchens, ehe er 1987 in das elterliche Gasthaus einstieg. Hummer stand auf der Speisekarte, ebenso wie der Schweinskrustenbraten für 11,90 Euro.

Katharina Kinks Geschichte liest sich da schon schöner: Sie durfte ihr80-jähriges Jubiläum als Bedienung feiern.

Nach dem Tod ihres Mannes kann sie das Gasthaus nicht mehr weiterführen

Im Juli im vergangenen Jahr starb der Koch nach einer schweren Krebskrankheit. Neun Monate hat Inge Limm versucht, das Lokal alleine weiterzuführen. „Irgendwann ging es nicht mehr“, sagt sie. Am 31. März machte sie dicht. „Es war, als würde ich meinen Mann zum zweiten Mal beerdigen.“

Noch vor zwei Monaten standen beim Neuwirt, wie Einheimische das Gasthaus nennen, Hirschspitzen, Kalbsbries und die berühmten, kesselfrischen Weißwürste auf der Karte. Alles hausgemacht. Die Wirtin fand aber niemanden, der die Schmankerl zubereitet.

Bereits vor dem Tod ihres Mannes suchte sie dringend neues Personal. Ohne Erfolg. „Es gibt einfach keine Köche und Kellner.“ Am Geld hatte es nicht gelegen, sie habe ihre Mitarbeiter immer gut bezahlt, sagt sie. Früher hatten sie jedes Jahr viele Bewerbungen und hervorragende Azubis.

Inge Limm muss bis zur Belastungsgrenze arbeiten

Zuletzt aber stand Inge Limm, eigentlich Buchhalterin des Neuwirts, selbst zusammen mit einer Köchin und einer Hilfskraft in der Küche. „Jeden Tag musste ich mich um Aushilfen kümmern“, sagt die Wirtin. Die Erschöpfung steckt ihr noch in den Knochen. Weil die Köchin krank war, musste sie die Wirtschaft einmal zusperren. Dauerstress. Jeden Tag, bis zur Belastungsgrenze. „Ich bin mit Bauchweh ins Bett gegangen und mit Bauchweh aufgestanden.“

Den hohen Standard, für den der Neuwirt stand, konnte sie so nicht halten, sagt sie. Es blieb nur ein Weg: zumachen. „Ein paar Gäste haben geweint, als ich die Wirtschaft zugesperrt habe.“

Video: Erst letztes Jahr mussten auch die Bader Stuben im Weilheim schließen

Wirtshaussterben ist ein bayernweites Phänomen

Das Gasthaus Limm ist nicht das einzige Wirtshaus, das zuletzt schließen musste. Wirtshaussterben heißt das bayernweite Phänomen. Hunderte Gaststätten haben in den letzten Jahren zugesperrt (siehe unten). Beispiele aus der Region gibt es viele: Das Gasthaus Schreyegg in Unering im Kreis Starnberg etwa, deren Betreiber kein Personal fanden. Oder die Riedler Stub’n in Kreuth im Kreis Miesbach, zu der einfach zu wenige Gäste kamen. Klassische Wirtshäuser sind oft die Verlierer der Branche. So wie Inge Limm.

Sie entließ nach der Schließung zehn festangestellte Mitarbeiter und Aushilfen. Nach und nach verkaufte sie die Einrichtung des voll funktionsfähigen Gasthauses. Induktionsherd, riesige Eckbänke, Teller – alles da. Eigentlich Wahnsinn, aber was bleibt ihr anderes übrig?

„Aber was ist ein Dorf schon ohne einen Wirt?“

Verpachten will sie den Neuwirt nicht, weil Gaststätte, Metzgerei und ihre Wohnung unter einem Dach liegen. Ihre beiden Kinder wollen das Gasthaus nicht weiterführen. „Ganz ehrlich, ich würde es ihnen auch nicht antun“, sagt Limm. Arbeitszeitgesetze, überbordende Bürokratie, wenig Umsatz. „Der Staat behandelt Wirte wie Verbrecher“, sagt sie. Und am Ende bleibe nichts über: „Die letzten 19 Jahre haben wir auf Null gewirtschaftet.“ Limm kann nicht verstehen, wer heutzutage noch Wirt werden will.

„Aber was ist ein Dorf schon ohne einen Wirt?“, sagt sie. Wobei, vom Dorf alleine konnte sie nicht mehr leben. Früher kamen alle hiesigen Vereine zum Essen, im Keller trainierten die Münsinger Schützen in der hauseigenen Schießanlage. Mittlerweile hat aber fast jeder Verein ein eigenes Vereinsheim, und die Wirte weniger Gäste.

Wenn Inge Limm ihre jahrzehntealten Stühle, den polierten Heißluftofen und die Zapfanlage verkauft hat, bleibt nicht mehr viel über vom Neuwirt. Die Zeichnung von Loriot behält sie aber. Als Erinnerung an die schöne Zeit.

Max Wochinger

Der Fachkräftemangel in der Gastronomie bedroht den Fortbestand der Wirtshäuser in Bayern. Die Wirte hoffen nun auf das neue Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz. 

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