Christoph R. zeigt keine Emotionen

WM-Mord: Opfer Sarah (18) identifiziert ihren Angreifer

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Christoph R. muss sich in Traunstein vor Gericht verantworten.

Traunstein - Für die 18-jährige Sarah war es einer der schwersten Momente nach der Messerattacke in der WM-Nacht. Im Gerichtssaal hat sie Christoph R. eindeutig identifiziert. Und alle mit ihrer Stärke beeindruckt.

Der Moment, vor dem sich Sarah seit Monaten fürchtet, dauert nur ein paar Sekunden. Sie hat es geschafft, den Gerichtssaal an der Seite ihres Anwalts zu betreten und sich auf den Zeugenplatz zu setzen, ohne Christoph R. anzuschauen. Sie hat mit fester Stimme alle Fragen des Vorsitzenden Richters beantwortet, den Blick tapfer nach vorne gerichtet. Jetzt ist der Moment gekommen, in dem sie ihren Stuhl ein Stück nach links drehen muss, um Christoph R. in die Augen zu blicken.

Er weicht ihrem Blick aus, erst als der Richter ihn auffordert, Sarah anzuschauen, treffen sich ihre Blicke. Der 21-Jährige zeigt keine Emotionen. Sarah kämpft mit sich und ihren Erinnerungen, sie versucht es so lange sie kann auszuhalten. Als sie ihren Stuhl wieder nach vorne dreht, bricht sie in Tränen aus.

Die schlimmste Nacht ihres Lebens

An der Seite von Anwalt Maximilian Pauls (l) geht Nebenklägerin und Tatopfer Sarah F. am in den Saal des Landgerichtes Traunstein.

Ihre Familie und ihre Freunde, die weiter hinten im Sitzungssaal des Traunsteiner Landgerichts sitzen, leiden im Stillen mit ihr. Und gleichzeitig bewundern sie Sarah dafür, wie tapfer sie sich den Erinnerungen an die schlimmste Nacht ihres Lebens stellt. Die Nacht des 14. Juli 2014, als sie auf dem Nachhauseweg in Bad Reichenhall von einem Unbekannten angegriffen und mit einem Messer schwer verletzt wurde.

Alles deutet daraufhin, dass dieser Unbekannte Christoph R. ist. Er steht seit Montag wegen Mordversuchs und Mordes an einem 72-Jährigen vor Gericht. Zu den Vorwürfen schweigt er. Aber die Beweise sind erdrückend. Am dritten Verhandlungstag belastet ihn die inzwischen 18-jährige Sarah mit ihrer Aussage schwer. „Er ist es eindeutig“, sagt sie, als sie sich wieder etwas gefasst hat. „Die Augen und diesen Blick habe ich mir gemerkt.“

Sarah hat sich fast neun Monate darauf vorbereitet, den brutalen Überfall jener Nacht in allen Details zu schildern. Sie hat es schon einen Tag nach der Tat getan, als sie noch auf der Intensivstation lag. Sie wollte das damals unbedingt so schnell wie möglich. Weil sie Angst hatte, nicht zu überleben. Sie hat die Nacht viele Male der Polizei geschildert. Aber nie vor so großem Publikum, wie am Freitag im Gerichtssaal.

Die dunkle Gestalt am Straßenrand

Sarah ist in jener Nacht, als Deutschland Fußball-Weltmeister wurde, mit einer Freundin unterwegs. Um halb drei verabschieden sich die beiden. Sarah verspricht wie immer, eine SMS zu schreiben, wenn sie gut zu Hause angekommen ist. Als ihre Freundin ihr mailt „Bist daheim?“ steigt sie von ihrem Fahrrad ab und schiebt die letzten Meter. Nebenbei schreibt sie zurück „Ja, in zwei Sekunden.“ Als sie das Handy wieder in die Tasche steckt sieht sie eine dunkle Gestalt am Straßenrand stehen.

Sie hat ein komisches Gefühl, überlegt, ob sie die Straßenseite wechseln soll. Dann entscheidet sie sich dagegen. Der Unbekannte sagt hallo. Sarah grüßt zurück und geht weiter. Dann spürt sie einen Stich im Nacken. Sie lässt ihr Fahrrad fallen, dreht sich um, versucht sich zu wehren – aber sie hat kaum eine Chance. Immer wieder sticht der Unbekannte mit einem 30 Zentimeter langen Kampfmesser auf ihren Kopf ein. Er zielt auf ihr linkes Auge und trifft. Sarah sackt zusammen, will sich tot stellen. Er reißt sie an den Haaren wieder hoch, zielt auf ihr rechtes Auge. Sarah hält sich die Hand vors Gesicht, um sich vor dem Messer zu schützen. Dann zielt der Täter auf ihre Brust, sticht in ihre Lunge, sie bekommt keine Luft mehr, sackt noch einmal zusammen. „Ich habe gewusst, dass ich sterben werde, wenn ich nicht wegrenne“, sagt sie. Verschwommen sieht sie eine Hausbeleuchtung, rennt mit letzter Kraft darauf zu und klingelt. Dann bricht sie zusammen.

Der Kampf gegen die Angst

Nur aus der Nähe sind die Narben in Sarahs Gesicht und an den Händen und Armen noch zu sehen. Die Narben am Oberkörper und am Kopf sind größer und werden noch behandelt. Sarah hat seit damals oft Atemprobleme. Auf ihrem linken Auge ist sie blind. Gegen ihren Angst muss sie jeden Tag aufs Neue kämpfen. Sie geht abends seltener weg und kann die Strecke von damals nicht mehr zu Fuß gehen. Seit Monaten ist sie in psychotherapeutischer Behandlung. Ihre Freundin sagt: „Sarah ist eine Kämpferin.“ Sie lässt sich nicht unterkriegen. Seit November macht sie ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau weiter. Wer ihre Geschichte nicht kennt, hält sie auf den ersten Blick für eine ganz gewöhnliche 18-Jährige. Ist dezent geschminkt, trägt einen kurzen schwarzen Rock, die lockigen braunen Haare sind inzwischen kurz geschnitten. Aber sie trägt eine Brille mit dickem schwarzen Gestell – sie soll die Narben an den Augen verdecken.

Was denkt Christoph R.?

Viele ihrer Freunde haben Sarah an diesem schweren Tag in den Gerichtssaal begleitet. Sie wollen ihr beistehen. Als sie die Aussage hinter sich hat, umarmen sie die 18-Jährige während der kurzen Sitzungspause. Christoph R. sitzt etwa fünf Meter entfernt auf der Anklagebank. Er hatte nie Freunde oder Menschen, denen er etwas bedeutet. Teilnahmslos blickt er zu Boden – und verrät mit keiner Regung, was ihm an diesem Vormittag durch den Kopf geht.

Katrin Woitsch

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