Bewegender Auftritt bei Maischberger

Drei Jahre im Wald: Wolfgangs Rückkehr ins Leben

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Wolfgang Ködel im Gespräch mit Sandra Maischberger: Der Titel der Sendung mit Prominenz wie Nino de Angelo lautete „Hoch geflogen, tief gestürzt …“

Geretsried - Drei Jahre lang lebte der Geretsrieder Wolfgang Ködel (55) in einem Waldstück. In der ARD-Sendung Menschen bei Maischberger schilderte er die berührende Geschichte.

Die Einsamkeit hat Spuren hinterlassen. Wolfgang Ködels Stimme wirkt dünn, ab und zu muss er seine Sätze erst überdenken. Der frühere Unternehmer, der mal 5000 Euro im Monat verdiente, hat schon lange nicht mehr mit anderen gesprochen, nicht mal mit sich selbst. Drei Jahre lang hat er einsam im Wald gelebt, doch nicht irgendwo in der Einöde: Keine hundert Meter von seinem Lagerplatz im Waldstück entfernt verläuft die vielbefahrene Staatstraße von Geretsried nach Bad Tölz. Und das Haus, das ihm früher einmal gehörte und die Firma, die er einst führte, stehen im Umkreis von 600 Metern. So nah und doch so fern. Am Dienstagabend schilderte er der Moderatorin Sandra Maischberger, wie es dazu kam und auch, was er sich für die Zukunft wünscht. Es wurde zu einem berührenden Auftritt eines Mannes, der verschwand, auftauchte und nun von einem neuen Leben in der Gesellschaft träumt.

Den Entschluss, in die Isar­auen zu ziehen, fasst Wolfgang Ködel am 13. Oktober 2011. Zu diesem Zeitpunkt war die Firma, die der gelernte Metall­schlosser aufgebaut hatte und deren geschäftsführender Gesellschafter er war, längst insolvent. „Die Ersparnisse waren weg, das Haus verkauft, mit dem die Firma abgesichert war“, erzählt er Maischberger.

Doch ein Funken Stolz bleibt ihm. Und ein paar Habseligkeiten im Keller, die sowieso niemand haben will: das Kugelzelt, Schlafsack, eine Decke, Stuhl, Taschenlampe und Radio. Ködel packt alles zusammen, schließt die Tür und marschiert in den Wald. Der gescheiterte Unternehmer schlägt das Zelt in den Isarauen auf einer kleinen Lichtung auf, zwischen vier Buchen, der Boden ist vermoost und feucht. Wolfgang Ködel breitet blaue Müllsäcke aus, damit das Zelt nicht fault. Weil das Gelände terrassenförmig zur Isar abfällt, ist das Versteck von keiner Seite einsehbar. Auch Trampelpfade gibt es nicht. „Ein schönes Plätzchen mit einer Quelle.“ Das Wasser stillt seinen Durst, im Sommer dient die Quelle als Kühlschrank. Und so lebt er nun abgeschieden von der Zivilisation, obwohl diese nur um die Ecke liegt. An die Einsamkeit ist er da bereits gewöhnt, denn als es mit der Firma bergab ging, „habe ich sämtliche Kontakte abgebrochen“.

In diesem Zelt lebte Wolfgang Ködel Sommer wie Winter. Sein Lager befand sich in der Nähe des Gewerbegebietes.

Heimlich, immer um zwei Uhr nachts, schleicht er sich in die Stadt und sucht im nahe gelegenen Gewerbegebiet nach Essen. Er kramt in den Tonnen der Supermärkte nach Konservendosen, angefaultem Obst und Wurstabfällen. „Ich habe nur kalt gegessen“, sagt er, ein Feuer traut er sich aus Angst vor Entdeckung nicht zu machen. Findet er Mehrwegflaschen und Dosen, löst er das Pfand ein. Und kauft sich Tabak und Zeitungen. Die liest er dann stundenlang auf seinem Gartenstuhl. Bei Einbruch der Dunkelheit schlüpft er dann in seinen Schlafsack.

Fühlte er sich dabei frei?, wird Ködel gefragt. „Eine größere Freiheit lässt sich nicht finden“, sagt dieser, schränkt aber ein: „Ich hätte gerne da­rauf verzichtet.“

Doch alles endet vor zwei Monaten. Als er Zeitung liest, nähert sich ein Isar-Ranger. Trampelpfade haben Ködel verraten. Er dürfe hier im Naturschutzgebiet nicht zelten. In drei Tagen sei „Ramadama“. Drei Tonnen Papier und hunderte Einwegflaschen transportiert die örtliche Fischereijugend später mit Schubkarren ab. Und Ködel findet Hilfe. Nikolaus Schöfmann vom Fischereiverein nimmt sich des Obdachlosen an. Inzwischen befindet er sich in einer Notunterkunft der Caritas.

Ködels Selbstbewusstsein kehrt langsam zurück. In den letzten Wochen hat er sich mit alten Freunden getroffen. Viele sind ihm um den Hals gefallen. Sie laden ihn regelmäßig zum Essen ein. Mit Besuchern in der Obdachlosenunterkunft spricht er gern und lang. Über die Natur, die Politik, seine Zukunft. Auch zu seiner Familie – er hat noch eine Mutter und eine Schwester – stellt er vorsichtig Kontakt her. Mit seiner Schwester hat er gesprochen. Sie bereitet jetzt die hochbetagte Mutter langsam auf ein Wiedersehen vor. „Die wusste nicht, ob ich noch lebe“, sagt Ködel in der Sendung. „Das tut mir sehr leid.“

Er möchte möglichst schnell raus aus der Obdachlosen-Unterkunft. Er möchte in eine eigene Wohnung ziehen und wieder arbeiten. Vielleicht erfüllt sich dann sein größter Wunsch. „Ich würde gerne mal wieder Urlaub am Mittelmeer machen, vielleicht klappt es ja.“ Einer, der ihn noch als Firmenchef kennt, gönnt es ihm: „Der Wolfgang“, sagt er, „ist nämlich ein Pfundskerl.“ Als er plötzlich weg war, dachten alle, er habe sich ins Ausland abgesetzt. Niemand ahnte, wie nah er ihnen alle die Jahre eigentlich war.

Sebastian Dorn

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